Gesellschaft | 02.04.2013

Erst schreiben, dann denken

Das Kommentarfeld unterhalb von Beiträgen auf Blick.ch, 20min.ch etc. fesselt täglich tausende Leserinnen und Leser und generiert viele intelligente und konstruktive Beiträge. Wie man einen Leserkommentar korrekt schreibt, erklärt diese Woche Dr. Radegeber.
Nicht immer beim Wort zu nehmen: Dr. Radegeber.
Bild: Archiv Tink.ch. Leserkommentar unter einem News-Beitrag. Blick.ch

Seitdem Zeitungen im Internet auftreten, lösen Leserkommentare zu Artikeln immer mehr den klassischen Leserbrief ab. Der Leserkommentar hat sich von journalistischen Formen gelöst, verzichtet auf einen roten Faden und spricht doch endlich aus, was uns allen gleichermassen auf dem Herzen liegt. Aber auch bei Leserkommentaren gibt’s einige Dinge zu beachten.

 

Konstruktiv diskutieren

“Jedes mal wenn ich den Namen Sammaruga schon im Titel des Artikels lese”, so ein Blick.ch-Leser, “weiss ich, dass meine Nerven strapaziert werden.” Der Autor dieses Leserkommentars beweist mit dieser Einleitung nicht nur seinen feinfühligen Sinn für objektive Argumentation, sondern thematisiert endlich auch das ständige Falsch-Schreiben des Namens der Bundesrätin Symioneta Sammaruga.

 

Doch zurück zu diesem Exempel eines Leserkommentars. Weiter stellt der Kommentierende das nachweisbare Aussterben der Schweizer in direkten Bezug zum völligen Überfluss an Asylzentren in der Schweiz. Mit solchen Zusammenhängen, die wissenschaftlich einwandfrei belegbar sind, konnte der Ersteller einen hochwertigen Leserkommentar schaffen. -¨Wer also auf der Suche nach guten, spannenden Kommentaren ist, wird sich am ehesten an den richtigen Themen orientieren. Besonders konstruktive Diskussionen findet man deshalb hauptsächlich bei Beiträgen zur Ausländer- oder Asylthematik, der Minarettfrage oder dem Atomausstieg. Lesenswert sind dabei am ehesten die qualitativen Leserkommentare in der Boulevardpresse. Denn bei traditionsreichen Medien wie der Neuen Zürcher Zeitung oder dem Bund, sind Leserkommentare schlichtweg prüde und langweilig.

 

Richtig aufregen

Um selbst gute Leserkommentare zu schreiben, braucht es gar nicht viel. Stilistisch ist man nämlich viel freier als beispielsweise bei einer Erörterung, einem sachlichen Kommentar oder einem Leserbrief. Das Wichtigste für einen guten Leserkommentar ist bloss die richtige Portion Genervtheit und Aufregung.

 

Vergiss den roten Faden und verbeiss dich stattdessen in einzelne Nebenargumente wie, “Asylanten würden lieber gleich wieder dorthin gehen, woher sie gekommen sind!”. Oder auch: “Deutsche sind einfach zu arrogant, um sich zu integrieren.” Mit solch temperamentvollen Äusserungen bekräftigst du Interesse am Thema. Zudem solltest du, wenn du dich in Leserkommentaren über kriminelle Ausländer und sonstige Einwanderer auslässt, darauf achten, möglichst viele Schreibfehler einzubauen und sowohl auf Satzzeichen als auch auf Grossschreibung zu verzichten. Damit zeigst du, wie bodenständig du bist. Viel mehr als die Deutschen eben.

 

Ebenfalls fehl am Platz in Leserkommentaren sind sämtliche Fakten, ausgenommen du erfindest sie selbst. Mit kreativ erschaffenen Argumenten heizt du die Diskussion gekonnt an und wirst bestimmt die anderen Leser auf deine Seite ziehen. Dafür eignen sich auch Satzkonstruktionen wie “Diese Italienner leben doch Schon 30 Jare in Bern und sprechen noch keis deutsch!” oder “Die Atomkraft war doch sicher bis es in Fukushima gebrutzelt hat!”. Und vergiss nie: Vor dem Absenden auf keinen Fall nochmals durchlesen!