Gesellschaft | 18.04.2013

“Ein Schaumgebäck mit Migrationshintergrund, bitte!”

Text von Elin Fredriksson | Bilder von Elin Fredriksson
Kann man sich zu Kaffee und Kuchen gegenseitig Vorurteile an den Kopf werfen ohne sich dabei an den Kragen zu gehen? Ja. Und zwar an den Treffen des Vereins "Café Secondas" im Unternehmen Mitte in Basel. Hier treffen sich Migrantinnen zweiter Generation, um sich in einem geschützten Rahmen über den Alltag als "Seconda" auszutauschen. Am Treffen des 13. Aprils diskutieren die Frauen über Vorurteile und Stereotypen - dabei wird keine Nationalität verschont.
Bei ihrem Treffen im "Unternehmen Mitte" reden die Frauen offen über Vorurteile gegenüber anderen Kulturen.
Bild: Elin Fredriksson

“Ich bin keine Seconda, aber ich habe zwei Secondos.” Damit stellt sich eine venezuelanische Mutter zweier in der Schweiz aufgewachsener Söhne am Treffen vor. Damit macht sie schon zu Beginn deutlich, dass das Spektrum der teilnehmenden Frauen weit zu fassen ist. Das oberste Ziel des Vereins ist es, jungen Secondas einen Raum anzubieten, wo sie ihre Probleme mit Gleichgesinnten besprechen können. Der Verein spricht mit seinem Namen zwar in erster Linie Migrantinnen zweiter Generation an, aber jede Frau, die eine Verbindung zur Thematik verspürt, sei herzlich willkommen. Sogar eine Seconda-Hündin mit polnischem Hintergrund ist anwesend.

 

Breites Spektrum

Die behandelten Themen reichen von Familienrecht, über Steuerangelegenheiten bis zu Karrierefragen. “Natürlich sind das nicht unbedingt Seconda-spezifische Fragen, aber es geht darum, im Zusammenhang mit solchen Themen den Hintergrund der Frauen zu berücksichtigen”, sagt Bettina Kiedl, Co-Präsidentin des Vereins, die als Österreicherin vor 14 Jahren in die Schweiz kam. Als Beispiel nennt sie eine Referentin, welche an einem Treffen über Frauenrecht sprach und eine tamilische Seconda war. Auf diese Art und Weise haben die Frauen einen ganz konkreten Zugang zur Thematik.

 

Frauen unter sich

Der geschützte Rahmen, in dem ein reger Austausch stattfindet, behandelt nicht nur migrationsspezifische Themen, sondern auch geschlechtsspezifische. “Es ist selbstverständlich, dass junge Männer mit Migrationshintergrund ähnliche Probleme haben, aber es ist auch wichtig unter Frauen zu diskutieren, weil man so nochmals ganz andere Dinge beleuchten und besprechen kann”, so Bettina Kiedl. Ausserdem könne es in einer gemischten Diskussionsrunde je nach nationalem oder religiösem Hintergrund zu kulturellen Reibungen kommen, fügt Dina Ohanna, Co-Präsidentin, hinzu. Neben dem Fördern eines Austauschs zwischen jungen Secondas ist es den Vereinsmitgliedern auch wichtig, den Teilnehmerinnen ihre Potentiale bewusst zu machen. Als Seconda steht man im Alltag oft zwischen den Kulturen und muss beispielsweise als Mediatorin zwischen Eltern und öffentlichen Institutionen agieren. Solche Aufgaben können für Secondas in einem späteren Berufsleben von Nutzen sein, da sie den Vorteil mitbringen den Draht zu mehreren Kulturen zu haben.

 

Alles nur zum Lachen?

Am Treffen des 13. Aprils dreht sich alles um das Thema Vorurteile und Klischees. Nach einem humorvollen Einstieg mit einem Video des deutsch-türkischen Komikers Kaya Yanar werden eigene Erfahrungen und Meinungen zum Thema Vorurteile diskutiert. Die verschiedenen Stereotypen, denen die jungen Frauen in ihrem Alltag begegnen, werden durchaus mit Humor betrachtet. “Mein Arbeitskollege nennt die Mohrenköpfe einfach Schaumgebäck mit Migrationshintergrund”, erzählt Dina Ohanna, deren Eltern aus Marokko stammen. Offen werden verschiedene Vorurteile besprochen und dargelegt. Doch das Thema wird nicht nur von seiner humoristischen Seite behandelt, auch die Verletzlichkeit, die mit bestimmten Kommentaren verbunden sein kann, wird sichtbar. Eine der Teilnehmerinnen erzählt von einem Vorfall mit einem Polizisten, der sich eine rassistische Bemerkung erlaubte. “Das stört mich viel mehr, wenn ein offizieller Beamte so etwas sagt, als wenn ich das einfach in der Tram höre”, sagt sie.

 

“Ihr Europäer!”

Ein weiterer Aspekt, der die jungen Frauen beschäftigt, sind die groben Kategorien, in die sie teilweise eingeteilt werden. Eine Teilnehmerin erzählt, welchen absurden Situationen sie im Alltag begegnet: “Manche Leute begrüssen mich mit ‚Namaste-˜, da sie glauben ich sei Inderin. Dass ich einen ausländischen Akzent habe, passt dann auch noch dazu. Dabei bin ich Tamilin und habe einen italienischen Akzent, da ich im Tessin aufgewachsen bin.” Eine weitere Teilnehmerin, welche halb-Deutsche, halb-Ghanesin ist, erzählt, wie sie sich sowohl in Ghana als auch in Europa als Ausländerin fühlt: “Mein Vater sagt ‘Ihr Europäer’ und steckt mich in dieselbe Schublade!”

 

Alle Teilnehmerinnen haben unterschiedliche Hintergründe und verschiedene Bezüge zu ihren Ursprungsländern und zur Schweiz. Doch gemeinsam ist ihnen der Zugang zur Schnittstelle der Kulturen und das Café Secondas scheint genau dieser Schnittstelle einen Raum zu geben. Probleme werden direkt angesprochen und Vorurteile gegenüber Arabern, Tamilen und auch Schweizern offen auf den Tisch gelegt, obwohl Vertreterinnen dieser Nationen sich im selben Zimmer befinden.

 

Vorurteile für alle

Bei der Integration von Migranten im schweizerischen Alltag nimmt die Diskussion eine andere Wendung: “Schweizer sind halt einfach verschlossen und machen ihre fixen Pläne lange im Voraus. Logisch, ist es schwierig den Anschluss zu finden”, lautet eine Aussage. Sofort kommen Gegenstimmen auf, das sei jetzt aber auch ein Vorurteil, man könne ja auch nicht alle Schweizer in einen Topf werfen. Von Klischees sind eben alle betroffen, dies rufen sich die jungen Frauen an jenem Treffen ins Bewusstsein. Wenigstens scheinen sie darüber lachen zu können, dass sie auf Hochdeutsch angesprochen werden, obwohl sie breitestes Baseldeutsch sprechen oder wenn der Postbeamte eine Samba-Bewegung macht, nur weil sie einen südamerikanisch klingenden Namen haben. Und wenn es einen Ort gibt, wo all diese Geschichten und Erlebnisse münden und verstanden werden, dann ist es hier, im Café Secondas.