Gesellschaft | 03.04.2013

Ein Raunen geht durch den Kontinent

Ein Papst, der grillieren kann und Bus fährt: Die Wahl des Argentiniers Jorge Mario Bergoglio (76) zum Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche hat Symbolwirkung - insbesondere auch in seiner Heimat Lateinamerika.
Auch in Lateinamerika laufen der katholischen Kirche die Schafe davon. Kann Papst Franziskus ihr Image verbessern?
Bild: Céline Graf, Santiago de Chile

In einer Confiserie im Zentrum von Buenos Aires verfolgten die Gäste die Papstwahl am 13. März am Fernsehen. “Als sie sagten, es sei Bergoglio, spürte ich ein Raunen. Alle schüttelten vor Erstaunen den Kopf.” So schilderte der Lokalbesitzer einer Reporterin von Clarín die Stimmung. Spontan versammelten sich Gläubige auf der Strasse, in Kirchen und Universitäten zum Fest. “Francisco / primero / te quiere el mundo entero”, sangen sie in der Kathedrale von Buenos Aires, “Francisco / der Erste / die ganze Welt liebt dich”. Mit Franziskus kommt der Papst zum ersten Mal aus Lateinamerika. Auf dem Kontinent feierte die katholische Bevölkerung diese Premiere nicht nur in Jorge Mario Bergoglios Herkunftsland Argentinien wie einen WM-Sieg der Fussball-Nationalmannschaft.

 

Auch die lateinamerikanische Presse reagierte überrascht und stolz zugleich. Viele Zeitungen veröffentlichten am Tag nach der Wahl Sonderausgaben. “Europa ist nicht mehr der dynamischste Sektor des Katholizismus”, stellte der chilenische Mercurio fest. Mit Bergoglios Berufung wird der wachsenden Bedeutung Amerikas und vor allem Lateinamerikas für die katholische Kirche endlich Rechnung getragen. 2012 lebten über 40% der Katholiken in Amerika (586 Mio., davon 425 Mio. in Lateinamerika), während in Europa innerhalb eines Jahrhunderts der Anteil von zwei Dritteln auf einen Viertel gesunken ist.

 

Warum Bergoglio?

Allerdings laufen auch in Lateinamerika der katholischen Kirche die Schafe davon. So profitieren laut der New York Times von den Mitgliederabgängen vor allem evangelikale Gemeinden und Pfingstkirchen, aber auch konfessionslose Strömungen wie der Agnostizismus oder der Atheismus werden attraktiver. Zudem hätten die Kardinäle genauso gut einen Papst aus Asien oder Afrika wählen können, wo die katholische Kirche blüht. “Ein Papst aus Europa, Nordamerika oder China wäre mit denselben Problemen der römisch-katholischen Kirche konfrontiert”, sagte der chilenische Kardinal Jorge Medina in einem Interview mit der Segunda. Auf der To-Do-Liste des geistlichen Oberhaupts stehen neben dem Mitgliederschwund etwa die Aufklärung sexueller Missbrauchsfälle oder die Reform des Machtapparats, Kurie genannt, nach den jüngsten Affären um die “VatiLeaks”-Dokumente und die Vatikanbank.

 

“Die Kardinäle haben Bergoglio die Reform der Kurie zugetraut, aber auch, dass er eine glaubwürdigere, den Armen nahe Kirche verkörpert”, sagt Mariano Delgado, Professor für Kirchengeschichte an der Universität Freiburg (CH). Bergoglio ist Teil des Jesuitenordens, zu dessen Aufgaben Armenfürsorge, Missionierung und Bildung gehören. Als Erzbischof von Buenos Aires hatte er sich immer wieder öffentlich und deutlich zu sozialen und politischen Fragen geäussert. Etwa 2009, als er der argentinischen Regierung vorwarf, sich seit Jahren nicht um das Volk zu kümmern. Am Tag darauf forderte sein Vorgänger Benedikt XVI, den “Skandal der Armut” in Argentinien zu beenden.

 

“Entscheidend zur Wahl beigetragen hat sicherlich auch die kurze Rede, die Bergoglio in einer der Versammlungen der Kardinäle vor der Konklave hielt”, schätzt Mariano Delgado. In der Rede rief Bergoglio zur Überwindung der narzisstischen “Selbstzentrierung der Kirche” auf. Diese stehe dem “Ziel der Verkündigung des Evangeliums in Wort und Tat vor allem für die Armen und Leidenden” im Weg. “Letzteres hat er nach seiner Wahl sofort zu verstehen gegeben, die Reform der Kurie wird er bald anpacken müssen”, kommentiert der Theologe.

 

Lob von Ex-Mitschüler

Der neue Papst fährt Bus, will nicht im Palast wohnen, trägt das schlichtere Bischofskreuz: solche Gesten symbolischer Bescheidenheit machen ihn zu einem Hoffnungsträger. In Lateinamerika, wo sich gemäss OECD-Berichten Länder mit den grössten Einkommensungleichheiten der Welt befinden, ist die Erwartung besonders hoch, Papst Franziskus werde sich für die Armen einsetzen. “Dass er die lateinamerikanische Realität kennt, schafft Vertrauen”, sagt Jose Antonio Rosas, Leiter des Instituto de Líderes Católicos an der Universität Cátolica de Chile.

 

Vorschusslorbeeren hat der 76-jährige Bergoglio aus dem Nachbarland Chile auch von ehemaligen Professoren und Mitschülern erhalten. Etwa von Fernando Montes, Rektor der Jesuitenuniversität Alberto Hurtado in Santiago de Chile, der mit Bergoglio die Jesuitenschule in Santiago besuchte. Er beschreibt Bergoglio als “bescheiden” und “intelligent, aber nicht so intellektuell wie sein Vorgänger”. In Argentinien, wo sich die beiden als führende Jesuiten später wieder trafen, habe Bergoglio ihm einmal einen typisch argentinischen Asado (Grill) zubereitet.

 

Neue Medien, alte Werte

Die Papstwahl war eines der meist-kommentierten Ereignisse in den sozialen Netzwerken. Laut der chilenischen Tercera landete es gar auf dem dritten Platz nach Obamas Wiederwahl und dem Super Bowl 2013. Bis auf die Spekulationen um Bergoglios Verhalten während der Militärdiktatur überwogen in den vergangenen Wochen positive Darstellungen von Papst Franziskus. So könnte der “lächelnde Papst”, wie er schon genannt wurde, der Kirche helfen, ihr Image zu verbessern.

 

In Bezug auf die Sexualmoral allerdings sind von ihm keine Reformen zu erwarten, im Gegenteil. Als Erzbischof positionierte sich Bergoglio zu Themen wie Homosexuellen-Ehe, Verhütung oder Abtreibung konservativer als einige seiner Vorgänger. Dies wiederum könnte in Buenos Aires und anderen Zentren Lateinamerikas manch progressiver eingestellten Menschen enttäuschen.