Kultur | 18.04.2013

Die lange Nacht der kurzen Filme

Text von Simon Keller | Bilder von Simon Keller.
Der Kurzfilm fristet in der Welt des Kinos bis heute ein wenig beachtetes Dasein. Als heiterer Einstieg für einen "wichtigeren" Langfilm, auf bewusst kulturellen Fernsehsendern oder an ausgewählten Festivals zu betrachten, jedoch im Mainstream bis heute noch kaum weder mit Ruhm oder Geld wirklich gewürdigt, ist der Kurzfilm stets in ein Nischenprodukt geblieben. Die "Kurzfilmnacht-Tour 2013" wird dies zwar kaum ändern, gibt aber einen tollen Einblick in die beeindruckende Vielfalt der Kurzfilms.
In den nächsten zwei Monaten reisen die Kurzfilme durch die ganze Schweiz.
Bild: Simon Keller.

Wenn man es nicht besser wüsste, könnte man meinen, es handle sich um die Premiere eines Blockbusters: Restlos ausverkauft sind die beiden Kinosäle des Basler Kinos “Kultkino Atelier” an diesem regnerischen Freitag Abend, der geradezu zu einem Kinobesuch einlädt. Und vor den erwartungsvollen Menschen jeden Alters, die sich beim Betreten der Kinosäle über die neusten Kinofilme unterhalten, wartet ein langes Programm: Mit vier Kurzfilmblöcken an je etwa einer Stunde besucht die “Kurzfilmnacht-Tour 2013” in den nächsten zwei Monaten elf Schweizer Städte. Zum Programm gehören prämierte Schweizer Kurzfilme, europäische Kurzfilmperlen, lustige Kurzfilme (“Funny Things”) sowie, zu später Stunde, Kurzfilme, in denen es nur um das Eine geht.

 

Grosse Programmvielfalt

Dass die überwältigende Mehrheit der Kinobesucher auch zumindest bis zum dritten Block bleibt, ist in erster Linie der exzellenten Auswahl der Filme zu verdanken, die nicht nur durch ihre Qualität, sondern vor allem auch durch ihre überraschende Vielfalt überzeugen können. So gibt es im Block “Funny Things” beispielsweise mit “The Centrifuge Brain Project” von Till Novak eine satirische “Mockumantry” (eine rein erfundene Dokumentation) über die Arroganz und den Übermut der Wissenschaft am Beispiel haarsträubender Achterbahnerfindungen. Auf der anderen Seite sieht man im zum Schreien komischen und absolut kultverdächtigen “Las Palmas” von Johannes Nyholm einem Kleinkind beim Randalieren in einer Strandbar zu. Das macht nicht nur grossen Spass, sondern ist auch ein sehr kreatives Lob auf den (kindlichen) Freigeist.

 

Schwere Kost

Am meisten in Erinnerungen bleiben jedoch die ernsten Darbietungen dieses Abends. Die als Einstieg gezeigte schweizerisch-kanadische Co-Produktion “Terminal” von Samuel Flueckiger, ein Film über Sterbetourismus, ist schwere Kost, kann aber durch seine feinfühlige Erzählweise sowie durch das intensive Spiel der Hauptdarsteller überzeugen. Auch “Traumfrau” von Oliver Schwarz, die zurecht umjubelte Dokumentation über einen Mann, der eine Beziehung mit einer Silikonpuppe führt, entpuppt sich als differenziertes Porträt statt einer spöttischen Lachnummer. Schwarz schafft es, in weniger als zwanzig Minuten die Zerrissenheit eines Mannes aufzuzeigen, der in einer Beziehung mit einer Silikonpuppe lebt. Dieser behandelt die Puppe so liebevoll, als wäre sie eine echte Frau. Auf der anderen Seite ist er sich der Leblosigkeit seiner Puppe durchaus bewusst und hat die Suche nach einer echten Partnerin noch nicht ganz aufgegeben. Das berührt und erschüttert.

 

In wenig Zeit viel gesagt

Das eigentliche Highlight des Abends stellt aber der lettisch-estnische Animationsfilm “Villa Antropoff” dar, der mit unglaublich prägnanten und schonungslosen Bildern die Perversion und die Absurdität der heutigen kapitalistischen und globalisierten Welt aufzeigt. Was nur den wenigsten abendfüllenden Produktionen gelingt, schaffen die Regisseure Kaspar Janicis und Vladimir Leschiov in nur 13 Minuten: Eine Gesellschaftskritik, die nicht nur den Finger dort auf die Wunde legt, wo es wehtut, sondern den Zuschauer in ihrer Wucht und Intensität stumm im Sitz erschaudern lässt.

 

Momente wie diesen erlebt man mehr als einmal. Nicht selten kann man sich gar bei der Frage ertappen, wozu denn eigentlich lange Filme nötig sind, wenn Dinge schon in so kurzer Zeit so eindrucksvoll gesagt werden können. Manchmal beschleicht einen sogar der Verdacht, dass so mancher Langfilm wohl davon profitiert hätte, wenn man aus ihm einen Kurzfilm gemacht hätte. Besonders deutlich wird dies im genialen Schlussbild des unkommentierten Dokumentarfilms “Titloi Telous (Out Of Frame)” über die griechische Wirtschaftskrise. Hier sieht man eine halb abgerissene griechische Flagge vor einer halb fertiggestellten Halle. Mehr als dieses Bild hätte der Film eigentlich nicht gebraucht. Und so verlässt man den Kinosaal mit der Erkenntnis, dass auch für den Film gilt: Ein Bild sagt mehr als tausend Worte.

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