Politik | 19.04.2013

Dialog in alle Richtungen

Text von Sina Kloter | Bilder von Rade Jevdenic
Wie bereits 2010 empfängt der Bundesrat den Dalai Lama auch dieses Jahr nicht. Damals erklärte sich Pascale Bruderer Wyss dazu bereit, den Dalai Lama zu empfangen. Zu diesem Zeitpunkt war die SP-Nationalrätin höchste Schweizerin. Seit Dezember 2011 vertritt sie den Aargau im Ständerat
SP-Nationalrätin Pascale Bruderer stellt sich auch im Zug gelassen den Fragen von Tink.ch-Reporterin Sina Kloter.
Bild: Rade Jevdenic

Tink.ch: Pascale Bruderer, weshalb haben Sie sich 2010 dazu entschlossen, den Dalai Lama zu empfangen?

Pascale Bruderer: Die ursprüngliche Anfrage ging an den Bundesrat, der sich aber entschieden hat, diesen Termin aus Zeitgründen nicht wahrzunehmen. Die Schweiz stand dann vor der Situation, dass der Dalai Lama zu Besuch kommt und diesen mit einem Dank für die Solidarität, welche die tibetische Bevölkerung in der Schweiz erfahren hatte, verbinden wollte. Als die Anfrage an mich gerichtet wurde, war ich der Meinung, dass es wichtig ist, den Dank entgegen zu nehmen und die Gelegenheit zu nutzen, um einer Diskussion zu Menschenrechtsfragen und der Situation in Tibet Raum zu geben. Dies waren die Hauptgründe, weshalb ich den Dalai Lama als Nationalratspräsidentin getroffen habe.

 

Wie lief das Treffen ab?

Nach einem öffentlichen Teil konnte ich ihn zu einem persönlichen Gespräch treffen. Er hat sich stark für meine Aufgaben und Wünsche im Bezug auf mein Amt als Nationalratspräsidentin interessiert. Ebenfalls fand er mein Engagement für mehr Dialog zwischen den Generationen eindrücklich, da er sich selbst ebenfalls dafür einsetzt. Es war ein persönliches und bodenständiges Gespräch. Im Zentrum stand aber seine Dankbarkeit gegenüber der Schweiz und ihrer Bevölkerung für die Solidarität mit den Tibeterinnen und Tibetern. Er hat diesen Dank in eindrücklichen Worten an mich gerichtet und mich gebeten, diesen an die offizielle Schweiz weiterzuleiten. Man darf nicht vergessen, dass in der Schweiz mit rund 3500 Personen eine der weltweit grössten Gemeinschaft von Tibeterinnen und Tibeter leben. Auch deshalb bin ich der Meinung, sollte ein Besuch des Dalai Lamas von der Schweizer Politik gewürdigt werden.

 

Wie waren die Reaktionen aus Ihrem privaten und politischen Umfeld nach dem Empfang des Dalai Lamas?

Für mich hat sich bestätigt, dass die Bevölkerung viel Verständnis dafür hat, dass sich die Schweizer Politik mit den Themen rund um Tibet auseinandersetzt. Ich habe in einer ähnlichen Zeitspanne auch den Parlamentspräsident von China getroffen und mit ihm wichtige Themen rund um das Freihandelsabkommen zwischen China und der Schweiz diskutiert. Dialog sollte in alle Richtungen möglich sein. Die Tatsache, dass wir mit China gute Wirtschaftsbeziehungen pflegen, sollte nicht bedeuten, dass wir uns nicht mit Vertretern des Tibets treffen können. Negative Reaktionen gab es ausschliesslich auf diplomatischer Ebene. Der Empfang hat damals zu einigen Diskussionen geführt.

 

Sollte der Bundesrat Ihrer Meinung nach den Dalai Lama empfangen?

Ja, ich bin der Meinung, dass er für ein solches Gespräch bereit sein soll und ich möchte auch betonen, dass ein solches Treffen nicht den Charakter eines Gespräches mit einem Regierungsvertreter haben muss. Genau wie die Schweiz setzt sich der Dalai Lama weltweit für Menschenrechte und Dialogfähigkeit ein. Dies, sowie die wichtige Rolle, welche die Schweiz in der Vergangenheit gegenüber Tibet eingenommen hat, sind Gründe, die für ein Treffen sprechen.

 

Was ist Ihrer Meinung nach der Grund, warum der Bundesrat den Dalai Lama auch dieses Jahr nicht empfängt?

Im Jahr 2010, als ich den Dalai Lama getroffen habe, wurden terminliche Gründe vorgeschoben. Dieses Mal wurden auch inhaltliche Gründe genannt. Das Risiko für Verstimmungen mitten in einer wichtigen, wirtschaftlichen Verhandlungsphase mit China wurde beispielsweise erwähnt. So wie ich es verstanden habe, ist es in Zukunft aber durchaus möglich, dass sich der Bundesrat mit dem Dalai Lama treffen wird.

 

Sollte die Schweiz zu Tibet eine klarere Stellung beziehen?

Man darf das Engagement der Schweiz für die Einhaltung der Menschenrechte nicht unterschätzen. So möchte ich explizit auch den Dialog zu Menschenrechtsfragen würdigen, den die Schweiz mit China führt. Ich persönlich bin überzeugt, dass die Schweiz in dieser Hinsicht eine differenzierte und bei Bedarf durchaus klare Haltung einnimmt. Deshalb sehe ich nicht, was gegen einen Empfang seitens eines Bundesratsmitglieds spricht – wie es in anderen Ländern auch der Fall ist.

 

Wenn Sie Bundesrätin werden, empfangen Sie den Dalai Lama?

Ich halte es für sehr unwahrscheinlich, dass ich diese Frage einmal beantworten muss. Es ist kein Ziel von mir, Bundesrätin zu werden. Aber in meinen Augen spricht nichts dagegen, dass die Mitglieder der Landesregierung den Dalai Lama treffen und das würde selbstverständlich auch für den unwahrscheinlichen Fall gelten, dass ich das selbst wäre.