Kultur | 05.04.2013

Der Goalie, der gar kein Goalie ist

Text von Flavia von Gunten | Bilder von Flavia von Gunten
Der Mundartroman "Der Goalie bin ig" von Pedro Lenz ist schon längst ein Bestseller. Letztes Jahr erschien bereits die fünfte Auflage, 2014 kommt die Verfilmung in die Schweizer Kinos. Auch die Theateradaption ist sehenswert.
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  • Pascal Ulli musste für seine Rolle als Ueli 15 Kilogramm abspecken

    Bild: Pascal Ulli musste für seine Rolle als Ueli 15 Kilogramm abspecken - 2 / 9

  • Gedreht wird neben der Industriezone Langenthals

    Bild: Gedreht wird neben der Industriezone Langenthals - 3 / 9

  • Ungewohnte Szenen spielen sich dieser Tage in „Schummertau“ ab

    Bild: Ungewohnte Szenen spielen sich dieser Tage in „Schummertau“ ab - 4 / 9

  • Warten gehört auf einem Filmset der Tagesordnung an

    Bild: Warten gehört auf einem Filmset der Tagesordnung an - 5 / 9

  • Marcus Signer verkörpert den Hauptcharakter Goalie

    Bild: Marcus Signer verkörpert den Hauptcharakter Goalie - 6 / 9

  • Der Autor persönlich versichert sich, dass am Set alles rund läuft

    Bild: Der Autor persönlich versichert sich, dass am Set alles rund läuft - 7 / 9

  • Kaltes, nasses Wetter – ideal für die Stimmung der Geschichte

    Bild: Kaltes, nasses Wetter – ideal für die Stimmung der Geschichte - 8 / 9

  • Die Szene ist im Kasten, Regie und Schauspieler haben Zeit für Spässe

    Bild: Die Szene ist im Kasten, Regie und Schauspieler haben Zeit für Spässe - 9 / 9

«Aagfange hets eigetlech vüu früecher. Aber i chönnt jetzt ou grad so guet behoupte, es heig a däm einten Obe aagfange, es paar Tag nachdäm, dasi vo Witz bi zrügg cho.« Der erste Abschnitt des Debutromans von Pedro Lenz gibt bereits reichlich Einblick in die Psyche der Hauptfigur: Dem Goalie, der gar kein Goalie ist. Gerade aus der einjährigen Haft aus der Strafanstalt Witzwil entlassen, kehrt Goalie in seine Heimat «Schummertau« zurück. Ohne Geld, ohne Hab und Gut, dafür mit einem Mordsgelust auf einen «Kafi-Fertig im Maison«. Das Café «Maison« ist es auch, das den Goalie in ein Gefühlschaos bringt: Er hat sich in die attraktive Bedienung Regula verguckt, welche seine Liebe aber nicht erwidert.

Schnell knüpft Goalie nach der Entlassung Kontakt mit seinem Jugendfreund Ueli. Dessen Vater besorgt Goalie eine Anstellung in einer Druckerei, was dem Ex-Drogenabhängigen eine gewisse Struktur in den Alltag bringt. Diese währt aber nicht lange – die Ereignisse überschlagen sich und nach einem kurzen Spanienaufenthalt ist in Schummertal für Goalie nichts mehr so, wie es einmal war. Darauf beschliesst er, in Bern einen Neustart zu wagen.

Herausforderung Dialekt

Am Ende des Buches weiss die lesende Person nicht, ob sie lachen oder weinen soll. Am liebsten würde man den ewigen Geschichtenerzähler Goalie, der in seiner eigenen Welt zu leben scheint, wachrütteln und ihm den Weg in ein geregeltes Leben aufzeigen. Pedro Lenz überzeugt in dem im Jahre 2010 erschienen Roman mit Szenenhumor und Wortwitz: «Gschichte si nid wi Zähn, wo nume zwöi Mou chömen und wenn se verbrucht hesch, isch fertig. Nei, d Gschichte wachsen immer wieder noche«, erklärt der ewige Geschichtenerzähler seine Lieblingsbeschäftigung.

Wer den 168-seitigen Roman verschlingt, muss den Kopf aber bei der Sache haben. Denn das Buch ist trotz Spannung und Humor anstrengend zu lesen. Nicht zuletzt weil es in Oberaargauer-Dialekt verfasst ist. Für Dialekthasser sowie unsere nördlichen Nachbarn wurde das Buch deshalb letztes Jahr unter dem Titel «Der Keeper bin ich« ins Hochdeutsche übersetzt. Sogar eine italienische Auflage wurde mittlerweile veröffentlicht.

Restlos ausverkauft

Unterhaltung bietet auch die Theaterfassung der Geschichte, die vom Konzerttheater Bern in den Vidmarhallen aufgeführt wird. Am 13. April ist die Derniere, welche wie alle Vorstellungen restlos ausverkauft ist. Dass die Darbietung nur bis in den Frühling gespielt werden kann, hat seinen Grund: Die Inszenierung von Regisseur Till Wyler von Ballmoos ist mit nur einem Schauspieler besetzt. Fünf Schneemänner, die mit zunehmender Dauer der Darbietung mehr und mehr in ihre Einzelteile zerlegt werden, verkörpern die Gesprächspartner des Hauptdarstellers. Wyler von Ballmooses Arrangement kommt dem Buch sehr nahe, da dieses in Monologform verfasst ist. Auch im Text von Jonathan Loosli, der den Goalie spielt, erkennt man die schriftliche Version sofort wieder.

Trügt der Schein?

Gespannt sein darf man, welchen Eindruck der Film, der im Frühjahr 2014 in die Kinos kommt, hinterlassen wird. Einen ersten Augenschein für die Medienleute gab es vergangene Woche in Langenthal, das im Roman unter dem Decknamen «Schummertau« den Hauptschauplatz abgibt. Es ist erst der zehnte von 27 Drehtagen. Die Stimmung ist demensprechend ruhig. Ob der Schein trügt? Denn vor versammelter Presse die Schauspieler anzuschreien, würde die Filmcrew in ein schlechtes Licht rücken. Die Darsteller warten, trotz dicken Wollmänteln fröstelnd, auf ihren Einsatz. Für das Frieren ist nicht nur allein das garstige Wetter verantwortlich: «15 Kilogramm musste ich in den letzten Monaten für meine Rolle abnehmen. Ein molliger Schauspieler kann keinen authentischen Drogenabhängigen spielen«, erklärt Pascal Ulli, der die Rolle von Ueli, dem besten Freund von Goalie (Marcus Signer), übernommen hat. «Die richtigen Schauspieler zu finden war eine langwierige und heikle Aufgabe. Nun haben wir eine ideale Truppe beisammen«, berichtet Regisseurin Sabine Boss im Gespräch mit Tink.ch.

Boss hat bereits Erfahrung im Drehen von Mundartfilmen. 2003 führte sie beim Erfolgsfilm «Ernstfall in Havanna« die Regie. Mike Müller war als Hauptdarsteller dieses Filmes sogar für einen Schweizer Filmpreis nominiert. «Ich mache mir während den Dreharbeiten keine Gedanken über eine Nomination eines solchen Preises. Trotzdem spüre ich, dass wir mit diesem Projekt etwas ganz Spezielles schaffen«, äussert sich die 47-jährige.

Wer das Drehbuch liest und dieses mit dem Buch vergleicht, merkt, dass die Spanien-Szenen in Italien gedreht wurden. Boss bestätigt dies zwar auf Anfrage, möchte es aber nicht weiter kommentieren. Fest steht nur, dass der Drehort aus Kostengründen nach Italien verlegt wurde. Ob diese Malheur, zu dem man stehen könnte, die Qualität des Filmes schmälert, zeigt sich 2014 in den Kinos.