Kultur | 29.04.2013

Dame, König, Ass, Spion

Text von Vanessa Zeuch
Düster, durch Nebel von Zigarettenrauch, begegnet uns der 2012 Oscar-nominierte Thriller "Tinker Tailor Soldier Spy" des schwedischen Regisseurs Tomas Alfredson. Die erste Rezension aus der neuen, monatlichen Serie der Filmredaktion "Lieblingsfilm des Monats".
Gary Oldman in seiner Paraderolle als Smily. Budapest: Der Verrat an Jim Prideaux. Tinker Tailor Soldier Spy. Wer ist der Spion? Smily in der Schaltzentrale des "Circus".

Es ist Kalter Krieg. Beide Seiten versuchen, die jeweils andere unbemerkt zu unterwandern, es gibt Maulwürfe, Doppelagenten, Desinformation und Sabotage – ein Wettstreit der Geheimdienste.

 

Ein Verräter hat sich eingeschlichen in die höchsten Kreise des britischen Secret-Service. Er soll schon seit Jahren dort sein und wichtige Informationen an die Gegner liefern. Tinker, Tailor, Soldier, Poor Man und Beggar Man sind Codenamen, die der alte Geheimdienstchef seinen engsten Mitarbeitern zugewiesen hat. Einer dieser fünf muss der Verräter sein, der von Karla, dem Spionage-Ass des russischen Geheimdienstes, umgedreht wurde.

 

Die Situation ist so brisant, dass, um das Netz aus Intrigen, Machtspielchen und Verschwörungen zu durchdringen, ein Außenstehender dazugeholt werden muss. George Smiley (Gary Oldman), ein Meisterspion der alten Schule, soll den Maulwurf finden. Er war einst die rechte Hand des Geheimdienstchefs, und musste zusammen mit ihm nach einer missglückten Geheimoperation seinen Platz räumen. Das was Smiley als einen großartigen Spion auszeichnet, macht ihn aber gleichzeitig zu einer ungewöhnlichen Hauptfigur: Er ist still, zurückgenommen und hält sich meist unauffällig im Hintergrund.

 

Oldman in einer Paraderolle

Smiley ist eine faszinierende Figur, schweigsam und wachsam das Geschehen durch seine übergroße Brille beobachtend. Die Auswahl dieses Accessoires hat Gary Oldman lange beschäftigt – ein Hinweis darauf, wie sorgsam selbst die Details in Tinker Tailor Soldier Spy durchdacht sind. Trotz des durchwegs guten Schauspielensembles bleibt es Oldmans Film. Weniger talentierte Schauspieler hätten den Meisterspion zu einer langatmigen, trägen Figur verkommen lassen. Oldman entlockt der Figur, die ein ständiges Pokerface aufzusetzen scheint, dennoch die nuanciertesten Gefühlsregungen. Das um Jahre gealterte Gesicht Oldmans in Großaufnahme ist einer der interessantesten Momente des Films.

 

Romanvorlage vom echten Spion

Das geistige Kräftemessen zwischen Smiley und dem unsichtbar bleibendem Karla beginnt und sorgt für einen ebenso komplexen wie spannenden Film, der auf die Aufdeckung des Verräters hinarbeitet. Die Romanvorlage lieferte John Le Carré, ein britischer Autor von Spionage-Romanen wie “Der Schneider von Panama” oder “Der Spion, der aus der Kälte kam”. Die Besonderheit: Le Carré war selbst in den 50er und 60er-Jahren bei den britischen Geheimdiensten MI5 und MI6 tätig. Diese Tatsache ist mit ein Grund, warum der Film nicht die haarsträubenden Unglaublichkeiten von Super-Spionen wie Bourne oder Bond zeigt, sondern das tagtägliche Handwerk von Geheimdienstmitarbeitenden im “Circus”, wie der Secret Service intern genannt wird. Smiley und sein kleines Team verlassen sich auf altmodische Techniken: Abhören, Akten entwenden und Nachdenken. Mithilfe der Hinweise von Agenten aus aller Welt ziehen sie die Schlinge um den Maulwurf immer weiter zu. Dazu entführt uns der Film nach Budapest, Paris und Istanbul.

 

Jeder hat sein Geheimnis

Zusammengehalten werden die vielen, einzelnen Erzählstränge durch eine Weihnachtsfeier des “Circus”. Es ist ein raffinierter Kunstgriff, immer wieder im Filmverlauf auf diese Party zurückzublenden und damit die einzelnen Protagonisten zu charakterisieren: Das Alkoholproblem des einen, die Hinterhältigkeit des anderen.

 

Der Film ist eine Ensembleleistung. Bis in die Nebenrollen ist er mit einer Handvoll der derzeit besten britischen Schauspieler besetzt, deren Freude an ihrer Arbeit auch der Zuschauer spürt. Neben Gary Oldman spielen John Hurt (Dumbledore aus Harry Potter), Colin Firth (King George aus The Kings Speech) und Tom Hardy (Bane aus The Dark Knight). Herauszuheben ist auch die rechte Hand Smileys, gespielt vom Benedict Cumberbatch, der den meisten als Sherlock aus der gleichnamigen, hochgelobten BBC-Serie ein Begriff ist. Einziges Manko: Eine starke Frauenfigur sucht man in diesem Film vergeblich.

 

Nicht nur durch die schauspielerischen Leistungen weiß Tinker Tailor Soldier Spy zu glänzen. Der Film ist auch visuell ein Genuss. Lange, ruhige Einstellungen lassen den Zuschauenden Zeit, sich an dem authentischen 70er-Jahre-Dekor zu ergötzen. Die reduzierten Farben helfen zusätzlich, sich in den Zeitgeist dieser Jahre hineinzufinden. Für die stimmigen Bilder zuständig ist Hoyte van Hoytema, ein in der Schweiz geborener Kameramann. Sein Talent hat auch Christopher Nolan, Regisseur der Batman-Trilogie, erkannt und ihn für seinen nächsten Film verpflichtet.

 

Der anspruchsvolle Film

Bereits 1979 wurde die Buchvorlage John Le Carrés von der BBC verfilmt, als Miniserie und daher mit genügend Zeit, alle miteinander verflochtenen Fäden und jedes einzelne der Puzzleteile auf das Genaueste zu zeigen. Soviel Muße kann sich Tinker Tailor Soldier Spy mit einer Laufzeit von gut zwei Stunden nicht leisten und so ist der Zuschauer hier gefordert, aktiv zusammen mit Smiley die Hinweise zu lesen und den Fall zu lösen. Das ist sicherlich kein Blockbuster-Kino, dazu ist die Spannung zu subtil, die Handlung zu vertrackt und die Bilder zu ruhig. Vielleicht ist das ein Grund, warum er 2011, dem Jahr der übermächtigen Film-Franchises (Transfomers 3, Fluch der Karibik 4, Hangover 2, The Fast and Furious 5, der letzte Harry Potter-Film), die ihre an Spaß und Unterhaltung orientierten Filme natürlich mit einem ungleich größeren Budget bewerben können, an den Kinokassen geschwächelt hat.

Der Film bietet aber anspruchsvolle Unterhaltung, der es an nichts mangelt: visuell überzeugend, schauspielerisch stark und mit einer raffinierten Geschichte. Tinker Tailor Soldier Spy hat das Zeug zum Lieblingsfilm.