Kultur | 16.04.2013

Bildende Kleinkunst

Text von Fabian Frei | Bilder von Manuel Lopez
Nico Semsrott ist bekannt für seine depressive Einstellung zum Leben und sein Anliegen, diese in der Welt zu verbreiten. Denn er sieht, dass Depression zwar "scheisse für den Einzelnen", für das Wohl der Welt aber durchaus positiv zu sein scheint. Depressive Gedanken führen zu einer Sehnsucht nach einer anderen Welt. Nach Veränderung.
Von der Bühne auf die Mattscheibe. Die Schweizer Künstlerbörse präsentiert sich auch selbstkritisch.
Bild: Manuel Lopez

Das Wort Bildungsfernsehen erscheint auf der Leinwand hinter dem Performer aus Hamburg. Bildungsfernsehen, so meint er, sei bisher immer falsch gelesen worden. Es müsste eigentlich als Bildungsfern sehen verstanden werden. Er thematisiert damit die gegenwärtigen Inhalte des audiovisuellen Mediums, das angefüllt mit Talkshows, Reality-Dokumentationen oder den grossartigen Wissenssendungen zu einer zunehmend bildungsfernen Sicht auf die Welt führt.

 

Bildungsfernsehen

Neil Postman prägte 1985 den Begriff des Infotainments, um die Veränderung von Information durch das Fernsehen zu beschreiben. Information wird auf der Mattscheibe als Unterhaltung präsentiert, die jedes Thema aus Poltitk, Kultur, Erziehung, Wirtschaft als emotionalisierte, oberflächliche Unterhaltung erscheinen lässt. Damit wird, so Postman, jegliche Errungenschaft der Aufklärung zerstört und das kritisch-rationale Denken zum Verschwinden gebracht. Eben tatsächlich bildungsfernes Sehen. Etwa wenn «wissenschaftlich« erforscht wird, ob denn ein Spezialeffekt einer Hollywoodproduktion tatsächlich der Realität entspricht oder wenn einige Naturkatastrophen als die sieben Zeichen der Apokalypse gedeutet werden.

 

 

Eine neue Unterhaltung

Es ist wohl kaum überraschend, dass diesem bildungsfernen Sehen durch die Kunst auf den Zahn gefühlt wird. Die 54. Künstlerbörse der ktv, die Vereinigung KünstlerInnen – Theater – VeranstalterInnen, bietet im Kultur- und Kongresszentrum in Thun einen vielfältigen Überblick über das internationale Kleinkunstschaffen. Unterhaltung wird hier in zum Teil (selbst-)kritischen Showcases neu vorgestellt und verhandelt, neue Programme und Techniken erprobt und einem kritischen Szenepublikum dargeboten. Mittels Kabarett, Satire, Theaterstücken und einer breiten Vielfalt an Musik und Tanz stellen sich die 110 Kleinkunstproduktionen der Frage nach einer anderen Form von Unterhaltung.

 

 

“Freude ist nur ein Mangel an Information”, meint Nico Semsrott und trifft damit den Kern einer pessimistischen Weltanschauung. Bei einem Blick in die Zeitung gibt es tatsächlich nicht viel zu lachen. Mit schwarzer Kapuze über dem Kopf und einem Notizblock in der Hand lamentiert der depressiv-pessimistische Zeitgenosse kritisch über die Welt. Das Konzept scheint zu funktionieren. Nach spätestens fünf Minuten kann sich kaum noch einer auf seinem Platz halten vor Lachen. Es ist eine andere Unterhaltung, die hier präsentiert wurde. Unterhaltung nicht als Lust an voyeuristischer Schadenfreude am Leid des Anderen, sondern Unterhaltung als Lust an der Ästhetik und der Provokation, an einem reflexiven Lachen über das eigene Selbst. Nicht mehr bildungsfern sehen, sondern bildend sehen machen. Nicht in Form von Infotainment – mit Informationen versehen hat man schliesslich nichts zu lachen –, sondern als Unterhaltung mit einem selbstreflexiv-kritischen Mehrwert.

 

 

Als Dreh- und Angelpunkt der internationalen Kleinkunst vernetzt die Künstlerbörse der ktv Kulturschaffende, VeranstalterInnen und Agenturen. Die VeranstalterInnen haben die Möglichkeit, ihr Jahresprogramm zusammenzustellen und innovative neue Formen der Kleinkunst kennenzulernen. Die KünstlerInnen haben die Möglichkeit, sich einem Fachpublikum anzupreisen und neue Kontakte zu knüpfen. Mit neuen Auftritten und Verträgen in der Tasche geht es dann vielleicht auch einmal in ein Studio, um die Zuschauer zuhause vor den Schirmen wieder bildend sehen zu machen. Auch wenn sie zu diesem Zweck – zumindest bei Semsrott – in Depression versinken müssen.