Kultur | 25.04.2013

Aufgeschlitzte Frauen und tobende Männer

Text von Flavia von Gunten | Bilder von Rade Jevdenic
Aus Anlass des 75. Todestages von Krimiautor Friedrich Glauser organisierte die "Sonderkommission Criminale" das grösste Krimifestival Europas. In der vergangenen Woche konnten in diversen Städten im Kanton Bern über 100 Lesungen, Führungen und Filme über Mord und Todschlag besucht werden. Tink.ch stellte sich Thuns blutiger Vergangenheit.
Gespannt folgt die Gruppe den blutigen Geschichten der Stadt Thun. Dr. Jon Keller weiss als ehemaliger Stadtarchivar auch die historischen Hintergründe zu erzählen. Der Krimi im Schloss Thun vermochte sogar Geschichte zu schreiben.
Bild: Rade Jevdenic

Thun 1932, Untere Hauptgasse. Dichter Rauch lockt die Nachbarschaft in die Wohnung von Frau Müller. Eine Qualmspur führt die Suchenden zum Bett der jungen Frau. Da liegt sie: Von Scheitel bis zum Schritt mit einem Metzgermesser aufgeschlitzt. Dazu noch vergewaltigt. “Dank des kleinen Bekanntenkreises der Toten konnte der Täter schnell gefasst und hinter Gitter gebracht werden”, erzählt Dr. Jon Keller den Fall zu Ende. Der ehemalige Stadtarchivar von Thun führt die 55-köpfige Gruppe vom Hotel Freienhof – mit einigen Umwegen – bis in die Innenstadt. Dabei schildert er die blutige Vergangenheit des jeweiligen Ortes.

 

Kaum hat das Publikum den ersten Schrecken verdaut, weiss Dr. Keller im Hof des Schlosses die nächste Gräueltat zu erzählen. Diese liegt jedoch noch weiter in der Vergangenheit zurück als das Ableben der Frau Müller. Im 14. Jahrhundert stand Thun unter dem Regime der ostschweizerischen Grafschaft Kyburg, welche die Stadt von den Zähringern nach deren Aussterben geerbt hatte. Bruder Eberhard und Bruder Hartmann trafen sich zu einer Vertragsunterzeichnung im Schloss. Hartmann sollte regieren, Eberhard als Entschädigung viel Geld kassieren. Soweit die überlieferten Fakten, alles Weitere beruht auf einem Mythos. Eberhard, mit den Verhandlungen nicht einverstanden, schmiss Hartmann angeblich die Wendeltreppe hinunter. Daraus resultierte ein Genickbruch. Hartmann war auf der Stelle tot. Sofort lehnten sich die Thuner Bürger gegen den Mörder auf. Dieser erhielt Hilfe aus Bern. “Die Bärenstädter stärkten Bruder Eberhard aber nicht gratis: In den folgenden Jahren übernahm Bern schrittweise die Herrschaft über Thun, bis es 1384 schliesslich ganz bernisch wurde”, liefert der ehemalige Stadtarchivar die geschichtlichen Fakten zum Brudermord.

 

C.S.I. im 19. Jahrhundert

Trotz des kalten und nassen Wetters folgt die Gruppe Dr. Keller interessiert. Passanten schliessen sich den zahlenden Gästen an. Aufgefallen ist das nicht, denn die gekauften Tickets mussten nicht vorgewiesen werden. Vom hinteren Teil des Schlosses, von dem aus sich eine wunderbare Sicht über die ganze Stadt bietet, stellt Dr. Keller der inzwischen gewachsenen Gruppe den nächsten Mordfall vor. Im Juli 1852 wurde der Käsehändler Gruber leblos in seinem ausgeraubten Geschäft gefunden. Der Angeklagte stritt lange Zeit die ihm vorgeworfene Tat ab. Die Untersuchungsleitung ordnete eine für die damalige Zeit revolutionäre Hausdurchsuchung an. Ein Notizbuch, welches mit einer kuriosen Geheimschrift vollgekritzelt war, weckte den Ermittlergeist der Polizei. Um die Schrift entziffern zu können, gaben die Thuner das Beweisstück nach Zürich zu einem Universitätsprofessor. Diesem gelang es, die überführende Botschaft zu entschlüsseln: Der Angeklagte schilderte in diesem Tagebuch seine Tat bis ins letzte Detail. “Das ist wie im Fernsehkrimi”, murmelt ein Herr bewundernd. Weitere “Ah”s und “Oh”s aus dem Publikum geben ihm Recht.

 

Selbstmord statt Mord

Gewalt im Kreise der Familie ist keine Neuzeiterscheinung. Im Januar 1930 hängte auf dem Rathausplatz der Haussegen schief: Der Vater erfährt von der Verlobung seiner einzigen Tochter und erträgt diesen Gedanken nicht. Einige Tage ist er unauffindbar. Als er in die Wohnung zurückkehrt findet er dort die Tochter und deren Verlobten vor. Im seinem Zorn zückt er die Pistole und schiesst. Nicht etwa auf den Zukünftigen, sondern auf sein eigenes Kind. Er verfehlt die junge Frau und schiesst sich mit dem Gewehr in den Kopf. Ein Grinsen rauscht durch das Publikum. Immerhin landete er mit diesem Schuss einen Treffer.

 

Wenige Schritte vom Rathausplatz entfernt, weiss Dr. Keller eine weitere Episode zu erzählen. 1958 wurde auf dem Mühleplatz, der zu dieser Zeit noch eine Mühle beherbergte, ein Schädel aus der Aare gezogen. Viele Wochen ermittelte die Polizei an diesem Fall. Schliesslich stellte sich heraus, dass der Schädel ein makabres Zierstück aus einer Wohnung war. “Bin ich zum Essen eingeladen, bringe ich immer einen mit Pralinen gefüllten Schädel mit. Seltsam, dass es bei der einen Einladung bleibt”, bringt der Leiter der Führung seine Gefolgschaft zum Lachen.

 

Das vergeht den Zuhörenden sofort: Im letzten und aktuellsten Fall aus dem Jahre 1973 ist das Opfer ein 14-jähriger Junge. Auf dem Weg zu den Grosseltern, bei denen er nie ankam, verliert sich seine Spur. Wenige Tage nach seinem Verschwinden finden zwei Reiterinnen bei Riggisberg seine Leiche. Beat Gyger wurde mit starkem Druck auf den Oberkörper erstickt. Trotz über 1000 Einvernahmen und einem Beitrag in der TV-Sendung “Aktenzeichen XY ungelöst” konnten die Ermittelnden den Fall bis heute nicht aufklären. “Thuner Tagblatt”-Redaktorin Franziska Streun arbeitet zurzeit an einem Buch über diesen Fall.

 

Kein Einzelfall

Wie Dr. Keller nach der Tour bekanntgibt, wird die Stadt Thun diese Stadtführung der besonderen Art in ihr Aktivitätenprogramm aufnehmen. So werden Touristinnen und Touristen sowie Einheimische erfahren, dass für Nervenkitzel und Schauergeschichten nicht immer Blut notwendig ist. Auf die Frage, ob eine solch negativ geladene Führung, ihn am Ende des Tages belastet, meint er: “Es gehört dazu immer verschiedene Führungen durchzuführen.” Grinsend fügt er hinzu: “In ein Loch falle ich deshalb aber nicht.”