Kultur | 13.04.2013

“Än güätä Wurscht brücht Ziit”

Text von Petra Passeraub | Bilder von Petra Passeraub
Der Ringkuhkampf am Ostermontag in Raron ist jedes Jahr gut besucht. Jedoch stehen für einmal nicht die Kühe im Mittelpunkt, sondern die Besucher und das allgemeine Geschehen an einem Wurststand.
Am Stächfäscht im Goler ging es um die Wurst - gleich mehrfach.
Bild: Petra Passeraub

Wer am Walliser Ringkuhkampf im Goler arbeitet, hat ein gedrängtes Programm. Die ersten Mitarbeiter beginnen um sechs Uhr damit, die Kühe anzunehmen und zu beschriften. Gut hat es da, wer einen Posten am Grill innehat. Die Schicht beginnt um zehn Uhr. Etliche Teller werden vorbereitet mit einem Brötchen und einem Löffel Senf, damit die Zeit in den Stosszeiten nicht für unnötige Arbeiten gebraucht wird. Um halb elf, wenn einige Würste am Brutzeln sind, trudeln schon die ersten hungrigen Zuschauer ein. Die Standbetreiber haben den Ofen voll mit duftenden Würsten, die auch direkt ihren Weg in die Mägen der Wartenden finden.

 

Ruhe bewahren

Nach und nach wird die Schlange immer länger und die Ringkuhfreunde zunehmend unruhiger. Da kann es schon mal vorkommen, dass sich Leute beschweren, sie würden bereits eine halbe Stunde warten. In solchen Momenten ist es wichtig Ruhe zu bewahren und eine Erklärung abzugeben: “Än güätä Wurscht brücht Ziit.” Und so stehen die Leute da, erwidern nichts mehr, warten gemütlich auf ihre Wurst und unterhalten sich hie und da mit anderen Wartenden.

 

Wenn sie dann die Wurst in den Händen oder auf dem Teller haben, kommt promt: “Die Wurst ist aber wirklich gut!” Wer nun denkt, dass die Arbeit getan ist, der täuscht sich. Den ganzen Nachmittag über wird die Schlange der Hungrigen nicht kürzer, deshalb bleibt den Arbeitenden oft nicht einmal Zeit, den eigenen knurrenden Magen zu stillen.

 

Zunehmende Spannung

Später am Nachmittag geht es dann gemütlicher zu und her, das Essen wird zur Nebensache. Grund dafür sind die Finals der Ringkuhkämpfe. Es beginnen die Rinder. Diese Kämpfe werden mit Gelassenheit angeschaut. Später folgen die sogenannten Erstmelken und Zweitmelken. Die Wartenden am Wurststand unterhalten sich höchstens angeregt darüber, welche Kuh denn jetzt den Kampf gewinnen wird. Man schnappt ab und zu Wortfetzen von einem Gespräch auf, das in einmaligem Walliserdeutsch geführt wird. Als der Final der ausgewachsenen Kühe näher rückt, wird die Schlange am Wurststand immer kürzer. Jetzt geht es zwar um die Wurst, aber eben nicht auf dem Teller.

 

Auch ich als Mitarbeiterin, die in Sachen Ringkuhkampf eher ein Laie ist, fiebere automatisch mit. So werde ich unruhig, als mir ein hungriger Gast am Wurststand die Sicht auf den Kampf versperrt, bei dem es um eine Königin der Ringkühe geht. Man hört die Zuschauer in der Arena rufen und hat das Gefühl, etwas Wichtiges zu verpassen.

 

Nach dem Fest ist vor dem Fest

Nach dem Final folgt dann der verdiente Feierabend, sei es als Wurststand-Mitarbeiterin oder als Besitzer der Kühe. Alle haben einen langen Tag hinter sich. Mit einem guten Glas Wein, einer letzten Bratwurst oder bei einem feinen Raclette klingt der Abend aus – und ich freue mich schon auf das nächste Mal, wenn es wieder heisst: “Hiitu isch Stächfäscht, chusch oi?”