Kultur | 20.03.2013

“Who has seen tomorrow?”

Text von Linda Bergauer | Bilder von zvg
Arte zufolge werden in Indien 800 Filme pro Jahr produziert. Mumbai Cha Raja ist einer davon - und doch ist er in vieler Hinsicht erfrischend anders als Bollywood und Konsorten. Ein authentisches Bild der Höhen und Tiefen im Leben eines Jungen aus dem Armenviertel Mumbais.
Rahul und sein bester Freund Arbaaz auf einem ihrer Streifzüge über den Dächern Mumbais.
Bild: zvg

Das schelmische Trio Rahul (Rahul Bairagi), Arbaaz (Arbaaz Khan) und Salman (Salman Khan) verbringt die Zeit im Slum Mumbais damit, das Taschengeld mit dem Verkauf von Ballonen um einige Rupees aufzubessern, bei kleinen Gaunereien unertappt zu bleiben und gelegentlich Rahuls Angebeteter nachzustellen. Nach der landestypischen Maxime “Who has seen tomorrow?” leben die drei Jungen für den Moment, durchstreifen gemeinsam die unzähligen Gassen der Grossstadt und versüssen sich das Leben mit selbst kreierten Spielen und Chai.

 

Der erste Eindruck von Unbeschwertheit täuscht jedoch – Rahul und seine Mutter sind Opfer häuslicher Gewalt. Der Alkoholsucht verfallen, erhebt das Oberhaupt der Familie nicht selten seine Hand gegenüber den beiden und trübt damit die scheinbare Leichtigkeit in Rahuls Leben. Als der Junge eines Tages für seine Mutter eintritt, artet die Situation aus. Er flüchtet auf die Strasse, um den Schlägen seines Vaters zu entgehen und zusammen mit seinen Freunden Rachepläne zu schmieden.

 

Mitten drin!

Manjeet Singh, dem Regisseur dieses Werks, ist es dank lebendiger Kameraführung und dem Einsatz stimmiger musikalischer Untermalung gelungen, die Zuschauer von der ersten Sekunde an mitten ins Geschehen, ins farbenfrohe und geräuschvolle Mumbai, hineinzuziehen – beinahe wägt man sich selbst in den überfüllten Strassen der Metropole, wo einen eine Mischung aus Gewürzduft und Abgasen in der Nase kitzelt. Obwohl das Budget des Filmes eher bescheiden ausgefallen ist, zaubert der Produzent eindrückliches Bildmaterial auf die Leinwand und dem Zuschauer dank der gewitzten Besetzung nicht selten ein Lächeln ins Gesicht.

 

Hauptsächlich vermittelt der Film jedoch ein authentisches, unbeschönigtes Bild der sozialen Verhältnisse Indiens – ganz im Gegenteil zu manch anderem Produkt des Bollywood-Subkontinents und erweist sich damit als erfrischend anders. Mit der Kamera wurde festgehalten, was für zahlreiche Kinder Mumbais harte Realität ist. Zudem zeigt der Film wunde Punkte einer zutiefst patriarchalischen Gesellschaft auf, wie häusliche Gewalt und die Doppelmoral was die Ehre des Mannes angeht.

 

Die Tatsache, dass es sich bei den jungen Schauspielern um Laien handelt, welche der Regisseur nach eigenen Angaben auf der Strasse neben seinem Haus in Mumbai angetroffen hat und welche selbst aus problematischen Verhältnissen stammen, verleiht dem Werk eine weitere Prise Glaubwürdigkeit.

 

Ein Tribut an die Lebensfreude

Auf ein Happy End im eigentlichen Sinne hoffen die Zuschauerinnen und Zuschauer vergebens. Dafür erwartet sie ein Werk von berührender Echtheit, das in seinen Bann zu ziehen weiss. “Mumbai Cha Raja” ist ein gesellschaftskritischer Film, eine Geschichte von Schmerz, von Freundschaft und Hoffnung. Aber vor allem handelt es sich bei dem Stück um eine Hommage an den Durchhaltewillen der Kinder in den Slums von Mumbai und deren Fähigkeiten, im Einfachen das Schöne zu finden und trotz der Schatten in ihrem Leben jeden Tag zur Fülle auszukosten.

 

Info


Der Film “Mumbai Cha Raja” läuft am FIFF in Fribourg noch einmal, am Samstag 23. März um 20 Uhr im Kino Rex