Kultur | 20.03.2013

Theater bei Tisch

In einem grossen, hellen Schulzimmer sitzen Schülerinnen und Schüler der Kantonsschule Wattwil an einem langen Tisch. Was nach einer einfachen Schullektion aussieht, sind in Wahrheit Theaterproben. Das Zimmer hat in den vergangenen zwei Jahren bereits Proben zu Aufführungen des Musicals Grease und zu Shakespeares Sommernachtstraum miterlebt - allesamt aufgeführt von Amateurschauspielern der Kantonsschule Wattwil und unter der Leitung von Regisseurin Barbara Bucher. Jetzt steht eine neue Produktion kurz vor der Premiere.
Nicht Schullektion sondern Drama beim Leichenmahl: Die Kanti-Schülerinnen und Schüler proben und spielen ihre Rollen überzeugend.
Bild: Vanessa Zallot Regisseurin Barbara Bucher gibt Anweisungen, um die Schüler aus der Reserve zu locken.

Das Stück, das die Vierzehn- bis Achtzehnjährigen vorbereiten, heisst “Liichemöhli” und zeigt eine Familienzusammenkunft anlässlich einer Beerdigung. Die Schauspieler und Schauspielerinnen nehmen dabei während des gesamten Stücks an einem Tisch Platz. Eine Szenerie, die ab und zu durch Video-Einspielungen unterbrochen wird. Natürlich bleibt die Familie, deren Situation ziemlich verzwickt ist, nicht vom voraussehbaren Drama verschont. Es sind Umstände und Streitigkeiten, die man möglicherweise von eigenen Familienfesten kennt. Das ist auch der Grund dafür, dass sich die Gruppe selbst für dieses Thema entschieden hat.

Diese Woche wird “Liichemöhli” im Chössi-Theater in Lichtensteig aufgeführt. Doch bis es überhaupt dazu kommen konnte, bedurfte es einiger Vorarbeit.

 

“Ich kann es, oder ich kann es nicht!”

“Von Sommer bis Herbst haben wir vor allem Theatertechniken behandelt”, erzählt Barbara Bucher. Dabei habe sie die Gruppe und ihre Stärken kennenlernen können. Das sei ein wichtiger Schritt, denn jede Gruppe ermögliche auch einen eigenen Stoff. Zudem erwähnt sie, dass vielen Amateuren die Vorstellung eines Theaterprozesses völlig fehle. Beispielsweise unterschätzten sie oft die Wichtigkeit von Technik. Theater werde oft mit “Ich kann es, oder ich kann es nicht!” abgetan. Dass dahinter aber viel mehr steckt, müsse erst einmal begriffen und ernst genommen werden.

Es ist genau diese Unwissenheit, die Barbara Bucher so an der Arbeit mit Jugendlichen fasziniert. In ihnen stecke sehr viel Potenzial, von dem sie gar nichts wüssten: “Ich finde es eine grosse Chance, wenn man über Theaterarbeit nahe an die Persönlichkeit von jemandem kommt und ihre Stärken hervorholen kann.”

 

Hemmungslose Peinlichkeiten

Jede Probe beginnt mit einem Aufwärmen. Die Schülerinnen und Schüler bewegen sich frei im Raum und leisten den Anweisungen der Regisseurin Folge. Auf Kommando bricht die Gruppe in Gelächter, bzw. Tränen aus. Dieses Einwärmen sei sehr wichtig, da die Schüler so “den Alltag hinter sich lassen können”, wie Barbara Bucher verrät. Mit Hemmungen sei man Fehl am Platz bei ihnen, sagen die Mitwirkenden Marco Müller und Sven Lusti. Ausserdem sei das Aufwärmen meistens peinlicher als das Spielen selbst. Vor allem wenn man es übertreibe, so wie sie es täten, meinen sie lachend. “Aber in die Rolle schlüpft man eigentlich erst, wenn man anfängt zu spielen”, sagt Marco, der im Stück die Rolle des depressiven und einsamen Hans-Jörg übernimmt.

 

Der Reiz, ein Arschloch zu sein

Auf die Frage, ob sie sich mit ihrer Rolle identifizieren können, antworten die Mitwirkenden Caroline Schmid, Sven und Marco alle auf dieselbe Weise: Eher nicht. “Ich bin ein richtiges Arschloch!”, sagt Sven nachdem er seine Rolle – den karrieregeilen, überheblichen und koksenden Rechtsanwalt Kurt – beschrieben hat. “Eigentlich sind alle total wütend auf mich und wollen mich nicht in der Familie haben”, fügt er hinzu. Caroline wiederum, die in “Liichemöhli” die zickige, arrogante Claudia spielt, betont den Reiz daran, jemanden zu spielen, der man nicht ist. “Aber es macht Spass”, sind sie sich am Ende des Gesprächs einig.

 

Info


“Liichemöhli” wird am 20., 21. und 22. März jeweils um 20.15 Uhr im Chössi-Theater Lichtensteig aufgeführt.

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