Kultur | 06.03.2013

“Sightseers” verspricht handgestrickte Erotik

Text von Vivienne Kuster | Bilder von zvg
Regisseur Ben Wheatleys neues Werk ist eine pechschwarze Britische Komödie, aber auch Liebes- und Horrorfilmcharakter fehlen nicht: "Sightseers" oder auch "Ferien der speziellen Art" bewegt sich über die Grenzen der Genres hinweg und bietet eine tolle Alternative zu den typischen Hollywoodproduktionen.
Alice Lowe als Tina in "Sightseers". Sie ist ausserdem die Co-Autorin des Films.
Bild: zvg

Tina und Chris sind frisch verliebt und wollen mit dem Wohnwagen eine britische Provinz nach der anderen abklappern. Bald schon fällt auf, dass die beiden kein gewöhnliches Paar sind. Sie führen eine innige Beziehung, welche aber einen kindlichen Eindruck hinterlässt. Tina ist eine leidenschaftliche Strickerin und findet ihre rosafarbene, selbstgestrickte Unterwäsche erotisch. Sie strahlt eine gewisse Naivität aus. Chris hingegen erscheint sehr selbstbewusst, hat jedoch einen skurrilen Umgang mit Problemen: Ein Streit mit einem Litteringsünder endet für diesen tödlich. Es folgen weitere Meinungsverschiedenheiten mit Fremden und so auch weitere Morde. In der Mitte des Films übernimmt dann Tina, die Chris abgöttisch liebt, die Rolle der Mörderin. Bei ihr sind es nicht Meinungskonflikte mit den Opfern, die sie zur Tat antreiben. Ihr Motiv ist die Eifersucht. Sie möchte Chris in keiner Weise mit anderen teilen. Der Wahnsinn nimmt kein Ende.

 

Starke Bilder, starke Schauspieler

“Der Film zeigt Bilder von England, wie sie in der Wirklichkeit nur selten existieren”, meinte ein Brite im Publikum: warme und fröhliche Bilder von romantischen Sonnenunter- und aufgängen bis hin zum klaren Sternenhimmel. Der typische englische Regen verkommt zur Randerscheinung. Auch mit der Kameraführung beweist der Regisseur seine Liebe zum Aussergewöhnlichen. Szenen in der Totalen gibt es kaum, dafür umso mehr lediglich auf das Wesentliche fokussierte Aufnahmen. Manches wirkt dadurch nackt. Vor allem aber bekommt der Zuschauer das Gefühl, inmitten des Geschehens zu sein.

 

Die für uns eher unbekannten Hauptdarsteller Alice Lowe und Steve Oram arbeiten auf hohem Niveau und überzeugen mit intensiver Mimik und Körpersprache. Ihre nüchterne Spielweise passt zum Film und sie helfen mit, ihn zu einem Gesamtkunstwerk zu machen.

 

Das paradoxe Kunstwerk

Interessant am Film sind die auftretenden absichtlich inszenierten Widersprüche, die zum Nachdenken anregen. Die schönen und romantischen Bilder wirken zur mal traurigen mal horrorartigen Handlung paradox. Ebenso die musikalische Gestaltung. Während harmlosen Szenen spannungsaufbauende Musik beigemischt wird, sind die Morde mit leichten, feinen Klängen unterlegt. Durch diese starken Kontraste werden einzelne nebensächliche Teile der Handlungen betont, was einem aber die Aufmerksamkeit für die Kernaussage nimmt.

 

Andererseits kommt auch die Komik in diesem Werk nicht zu kurz. Komödiantischer Höhepunkt des Films ist eindeutig Tinas Versuch, Chris mit der selbstgestrickten Unterwäsche zu verführen, was ihr auch gelingt. Der sarkastische und ironische Britische Humor verleiht der Geschichte über den ganzen Film hinweg eine gewisse Süsse.

 

Für alle Fans von Ironie und Sarkasmus

Allen, die ihre schwachen Nerven satt haben, empfiehlt sich dieser Film als Training. Die Mordszenen werden nackt und ungekürzt gezeigt. Jeder Kinobesucher ist live dabei, wenn Chris oder Tina das Leben ihrer Opfer beenden. Auch Fans von Ironie werden den Film mögen. Für einen romantischen Kinoabend mit dem Liebsten ist er nicht geeignet.