Gesellschaft | 12.03.2013

ÖV für Anfänger

Text von Dr. Radegeber | Bilder von Archiv Tink.ch
In der aktuellen Ratgeber-Kolumne verrät Dr. Radegeber unter anderem, wie man sich am besten durch den öffentlichen Verkehr kämpft, aber auch was Herbert zugestossen ist. Eine abgefahrene Anleitung.
Nicht immer beim Wort zu nehmen: Dr. Radegeber.
Bild: Archiv Tink.ch

Der Berner Regional-ÖV ist kein Zuckerschlecken, denn schon beim Verlassen des Hauptbahnhofs, zwischen Vegi-Restaurant und Sprüngli, wird man üblicherweise von einer wilden Horde rumpöbelnder Radaumacher böse angestarrt oder angerempelt. Und jenseits des Bahnhofs sorgen oft die Bus- und Tramfahrer, indem sie enthusiastisch ihre Hupe dauerdrücken, selbst für den Radau. Wie kommt man unter diesen Umständen mit öffentlichen Verkehrsmitteln unbeschadet durch die Stadt?

 

Nun, ich empfehle allen am ehesten den öffentlichen Verkehr ganz zu meiden. Wenn man Bern zu Fuss durchstreift, wird dich, von um Unterschriften oder Geld bettelnden Leuten abgesehen, nichts aufhalten können. Und auch das Fahrrad wäre eine gute Variante, wenn meins mit Namen Herbert, nicht kürzlich gestohlen worden wäre. Wer sich trotzdem in Busse und Trams wagt, sollte Folgendes beachten: Bist du Rentner, Frau mit Kinderwagen, Mann mit Hund oder einer dieser Sonderlinge, der sein Fahrrad im Bus transportiert? Achte darauf, die öffentlichen Verkehrsmittel während den Stosszeiten zu benutzen. Für Leute, die während den Stosszeiten Bus oder Tram fahren, ist es zudem wichtig, dass sie sich einen Stehplatz in der Nähe der Türen erkämpfen und sich dann beim nächsten Halt weigern, sich zu bewegen.

 

Zug um Zug

Für die Welt jenseits der Berner Stadtgrenzen ist nicht mehr Bernmobil, sondern die SBB schuldig. Dabei kommen jedem gleich Erinnerungen von Zugbegleitenden, die aufgrund ihrer überragenden Nettigkeit oft mit Stewardessen verglichen werden, und Zugdurchsagen, die in jeder erdenklichen Sprache von den Zugführenden makellos wiedergegeben werden, in den Sinn. Doch auch bei Zugreisen kann man sich mit einigen Kniffs die Reiserei angenehmer gestalten.

 

Als erstes sollte man den sogenannten “Sound-Sharing-Trick” anwenden. Es geht darum, Kopfhörer zu verwenden, die so laut sind, dass das gesamte Abteil dein neues DJ-Antoine-Album mit dir zusammen geniessen kann. Pendler schätzen kulturell hochstehende Unterhaltung während einer langweiligen Zugfahrt stets, und so wirst du unterwegs bald neue Kontakte knüpfen. Um Leute kennenzulernen, kann es auch hilfreich sein, wenn du während der Zugfahrt mit deiner Tante am Telefon das gesamte letzte Familienfest durchdiskutierst. Damit lässt du den ganzen Wagen wissen, was für ein familienorientierter, lieber Mensch du bist.

 

Der Sitzplatz-Knigge

Ausserdem ist der Sitzplatz-Knigge von höchster Wichtigkeit. Sobald du den Zug betrittst, stelle sicher, dass du ein leeres Abteil findest. Die Anderen machen das genauso. Setze dich auf keinen Fall zu einem anderen Passagier! Damit symbolisiert man die verzweifelte Suche nach Konversation und bringt die natürliche Sitzreihenfolge durcheinander. Diese gestaltet sich in einem Vier-Plätze-Abteil nämlich wie folgt:

 

1. Nachdem sich die Personen einzeln im Zug auf alle Abteile verteilt haben, setzt sich der erste jeweils in Fahrtrichtung ans Fenster. Der Platz ist sehr begehrt, da man dort unauffäulig vor sich hindösen und auch schlafen kann.

2. Der Zweite Passagier möchte dem ersten natürlich nicht zu nahe kommen und setzt sich in Gegenfahrtrichtung an den Gang.

3. Der Dritte Passagier, der nun keine Lust verspürt, über die anderen Füsse hinweg zu klettern, setzt sich direkt in Fahrtrichtung an den Gang.

4. Der letzte Passagier dieses Abteils muss nun über sechs Beine steigen, um den Fensterplatz in Gegenfahrtrichtung zu erhaschen.-¨ Wenn du genau dieser letzte Passagier bist, symbolisiere, während du an den Platz in der Ecke stolperst, durch ernste Blicke an die anderen Reisenden, dass du dankbar für diesen Platz am Fenster bist.

 

Wer diese Tipps befolgt, wird sich mit Bravour durch überladene Busse, Trams und Züge kämpfen.