Gesellschaft | 05.03.2013

Nur ein Hilfsmittel?

Text von Flavia von Gunten | Bilder von zvg/pixelio.de
Beim Stichwort arabischer Frühling gehen uns wohl allen die selben Bilder durch den Kopf: Massenproteste, Schiessereien und viele Tote. Ist das die ganze Realität? Oder entstand durch Social Media ein falsches Bild der Lage?
Twittern direkt vom Ort des Geschehens: Während den Umstürzen im arabischen Raum eine wichtige Kommunikationshilfe.
Bild: zvg/pixelio.de

Gebannt richtete die Welt ihren Blick im Dezember 2010 nach Tunesien, wo sich ein junger Mann selbst anzündete, weil er keine Lebensperspektive mehr sah. Dieser Selbstmord löste im ganzen arabischen Raum eine Protestwelle unvorstellbarer Grösse gegen die jeweilige Regierung aus. Ein wichtiges und viel genutztes Mittel dabei waren soziale Netzwerke. Via Twitter und Facebook konnten Menschen mobilisiert werden, um an Demonstrationen teilzunehmen und sich bei den Aufständen aktiv zu beteiligen.

 

Zum Thema “Soziale Medien und die arabischen Aufstände” referierte am 12. Februar 2013 Perihan Abou-Zeid im Forum des Käfigturms, wo noch bis am 31. Mai 2013 die Ausstellung “Die arabischen Revolten und ihre Folgen” gezeigt wird und diverse Vorträge zum Thema stattfinden. Die 28-jährige Ägypterin erlebte den Umsturz hautnah als Aktivistin und via Twitter mit. Während ihrer Rede berichtete sie von ihren Erlebnissen und untermalte diese mit typischen Online-Videos, die zu dieser Zeit der Proteste massenweise entstanden sind und auf denen kaum Details zu erkennen sind, da die Qualität zu schlecht ist. Die Kommunikationsbeauftragte von Qabila Media Productions – einer Firma, die Kunden berät, wie sie mit digitalen Medien werben können – erläutert weiter die bedeutende und äusserst positive Rolle des Internets. Doch welche Richtigkeit haben die Worte Abou-Zeids? Portierte das Internet ein ganzheitliches Bild dieser komplexen Revolution?

 

Wichtiges Puzzleteil

Je länger nämlich die Volksaufstände zurückliegen, desto leiser werden die Stimmen, welche die Aufstände als “Facebook- oder Twitter-Revolution” bezeichnen. “Soziale Medien waren nur ein kleines Puzzleteil der ganzen Revolution, welches aber wichtig war”, ist sich Alec Ross, Innovationsberater im US-Aussenministerium sicher. Er sensibilisiert US-Diplomaten im Umgang mit Social Media und verfolgte das Geschehen im Osten aktiv mit. Politologin Michelle Beyeler von der Universität Bern sieht sogar Parallelen zu früheren Zeiten: “Jede Volksauflehnung hat ihre eigenen Mittel, die Bevölkerung zu mobilisieren. Zur DDR-Zeit waren es Flugblätter, heutzutage bietet sich das Internet dafür an.”

 

Fälschungen?

Zudem profitierten Zeitungen und TV-Stationen von Social Media: Zur Zeit der Aufstände wagten sich nicht viele Journalisten in die Krisengebiete. Youtube war dadurch ein willkommener Lieferant für bewegtes Bildmaterial, das nicht aus den Händen der Regierung stammte. Für die Aufständischen war das Internet das einzige Mittel, um vom Rest der Welt wahrgenommen zu werden. Wie aber konnten die Zuschauenden dabei sicherstellen, dass bei ihnen nicht gefälschte Videos über den Bildschirm flimmerten?

 

“Die meisten plagiativen Videos konnten sofort aus dem Verkehr gezogen werden. Sie waren gar nicht relevant für TV-Stationen, denn diese beziehen sich auf sichere Quellen”, erklärt Alec Ross. Wie sicher die Quellen sind, bleibt offen. Denn ihre Richtigkeit kann nur schwer überprüft werden. Ein Restrisiko, dass es sich um Fälschungen handelt, bleibt bestehen. Michelle Beyeler erkennt ein weiteres Problem in Bezug auf das Filmmaterial: “Solche Bilder sind nie repräsentativ für die Lage im ganzen Land. Es ist nur eine kleine Minderheit, die auf die Strasse geht.” In ihren Augen ist es vor allem auch die junge Generation, die aktiv auf Social Media präsent ist und sich für Massenproteste begeistern lässt. “Es wäre spannend, was passiert wäre, wenn jeder Bürger und jede Bürgerin Internetzugang gehabt hätte. Leute ohne Internetanschluss, das heisst vor allem jene auf dem Land, hatten gar nicht die Möglichkeit, von Protestaufrufen zu erfahren”, führt Beyeler weiter aus.

 

Unumstritten bleibt: Den Aufständischen waren die Sozialen Medien eine grosse Hilfe im Kampf gegen die Regierung. Und ein objektives Bild der Lage gibt es auch hier nicht. Da ist und bleibt der kritische Umgang von Medienschaffenden und Medienkonsumierenden gefragt.

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