Gesellschaft | 19.03.2013

Nächstenliebe und Zaunkriege

Text von Dr. Radegeber | Bilder von Archiv Tink.ch.
Das direkte Umfeld eines jeden Menschen, der nicht fernab von Zivilisation lebt, ist die Nachbarschaft. In der dieswöchigen Ausgabe der Ratgeberkolumne widmet sich Dr. Radegeber der Frage, worauf es in nachbarschaftlichen Beziehungen ankommt.
Nicht immer beim Wort zu nehmen: Dr. Radegeber.
Bild: Archiv Tink.ch.

„Nachbaren sind wie Kartoffeln, wenn man sie isst, sind sie tot.“ Das wusste schon Sokrates. Allerdings ticken in schweizerischen Nachbarschaften die Uhren anders. Denn die Quartiere bilden ihren eigenen Mikrokosmos. Man kennt sich von der Bäckerstheke und grüsst sich brav beim Vorbeigehen. Man nickt freundlich und schüttelt Hände. Man unterhält sich über den Vermieter und im Weggehen weiss man den Namen des Gesprächspartners nicht mehr so richtig. Trotzdem möchten eigentlich alle gute Nachbarn sein. Dr. Radegeber sagt dir diese Woche, wie du das wirklich erreichst.

 

Sehen und gesehen werden

Das Wichtigste bereits beim Einziehen ist die Begrüssungs-Tournee! Es gehört nun mal dazu, alle Nachbaren abzuklappern um ihnen allen „Hallo“ zu sagen. Am besten noch was mitbringen. Bei dieser Gelegenheit lassen sich wichtige nachbarschaftliche Anliegen, wie, dass man gerade Single ist und einen exorbitanten Lohn verdient, oder auch, dass man nicht Single ist und trotzdem mal gerne auf einen Wein vorbeikommt, anbringen. Betone dabei, dass dir ein gutes Nachbarschaftsklima sehr am Herzen liegt. Es wird dir dadurch leichter fallen, unauffällig Kleider deiner Nachbaren zu tragen, bevor du sie wieder im Waschkeller liegen lässt.

 

Wenn dich die Neugier überwältigt, wird es bestimmt auch mal spannend sein, Nachbaren aus den Gebäuden gegenüber durch ein Fernrohr zu beobachten. Beliebt machst du dich allerdings am effektivsten, wenn du auf dem Balkon sichtbar Hanf anbaust oder das Schlafzimmer mit roten Lampen beleuchtest. Aufmerksamkeit und Anerkennung von Nachbaren sorgen so für ein sehr angenehmes Klima. Als Mann erarbeitest du dir diese z.B. auch, wenn du mit voller Lautstärke den ganzen Tag Frauentennis schaust. Ich verspreche dir, die Blicke deiner Nachbaren werden anerkennend sein.

 

Kussmund für Nachbaren

Eine konfliktfreie Nachbarschaft ist und bleibt eine rein utopische Vorstellung. Grundlose Spannungen herrschen zwischen Nachbaren immer vor. Vor allem wenn sie sich nicht gut kennen und vom Anschauen her schon doof finden. Solche Potentiale für Auseinandersetzungen zu meiden, ist jedoch feige und lahm. Vielmehr solltest du klar Position beziehen und in den Kleinkrieg ziehen.

 

Der Klassiker ist der Brief im Treppenhaus. Diesen verbannst du umgehend aus deinem Hinterkopf. Wende dich stattdessen mit einem eindeutigen Statement direkt an die betroffene Person. Wenn deine Nachbaren selbst einen Brief aufhängen, ist es sehr wichtig, dass du verdeutlichst, das Schreiben gelesen zu haben. Dies machst du am besten, indem du mit einem Schmollmund Lippenstiftabdrücke auf dem Brief hinterlässt.

 

Wenn auch rote Lippen nichts mehr nützen und Konflikte eskalieren, ist ein Kampf mit härteren Bandagen angesagt. Eine Idee ist dann den Briefkasten der Nachbaren zu demolieren, ihre Namensschilder von der Eingangstür zu reissen oder die Klingel mit Sekundenkleber gedrückt festzumachen.

 

Subtiler vorgehen hingegen soll man bei Konflikten mit dem Vermieter. Lohnenswert ist es, wenn du auf möglichst legale Art und Weise deine Abneigung bekräftigst. Das machst du, indem du bei der nächsten Überweisung der Miete als Zahlungszweck „für sexuelle Dienste“ vermerkst. Oder mal umgekehrt: ziellos Nachbaren anrufen und sich über den Vermieter beschweren.