Kultur | 19.03.2013

Metaphern aus der Tuschefeder

Letztes Wochenende feierte das Cartoonmuseum Basel die Eröffnung der neuen Ausstellung "Zeichnen hilft - Cartoons von Jules Stauber". Der 2008 verstorbene Künstler war über Jahrzehnte Hauscartoonist des schweizerischen Satiremagazins Nebelspalter. Seine reduzierten Tusche- und Federzeichnungen werden im Museum nun abwechselnd mit Illustrationen von ihm stilistisch nahestehenden europäischen Zeichnern präsentiert.
Eine Vignette über die Bedingungen des Zeichnens und den Zeichner.
Bild: zVg. Als Illustrator und Grafiker stellte Stauber auch Gebrauchsgrafiken für Bücher her. Die schwarz-weiss Cartoons werden als einzeln gerahmte Vignetten präsentiert. Becquelin übernimmt von Staubers Arbeiten das Motiv des Rabens. Bilder: Sabina Galeazzi

Auf den ersten Blick wirken die kleinformatigen, an den Wänden der Ausstellungsräume aufgereihten Zeichnungen von Jules Jean-Pierre Stauber zugegebenermassen wenig aufsehenerregend. Es handelt sich um schlichte, getuschte Federzeichnungen auf weissem Grund mit eher sparsam eingesetzten Schraffuren. Dabei verzichtet der Künstler jeweils auf die Ausarbeitung von Hintergründen und rückt so das Wesentliche ins Zentrum des Bildes: die menschliche Figur und ihr soziales Umfeld.

 

Die Poesie des Alltäglichen

Im Vordergrund steht bei Stauber der klassische Cartoon und nicht etwa die politische Karikatur, obwohl der Künstler doch fast 40 Jahre für das durchaus politische Schweizer Satiremagazin Nebelspalter gezeichnet hat. Alltagsfragen, Geschlechterrollen sowie psychologische, philosophische und zwischenmenschliche Themen sind es, die den gelernten Schriftenmaler und Dekorateur ein Leben lang beschäftigten. Dabei kleidet er seine zugespitzten Pointen stets sehr diskret in das Gewand einer poetisch angehauchten bildhaften Metapher, wie z.B. in der folgenden Vignette: Ein unscheinbarer Mann in Anzug und Krawatte trägt seinen abgeschnittenen Kopf unter dem Arm und klammert sich mit dem anderen an ein Paar riesenhafter Frauenbeine, welche nicht etwa in einem Oberkörper sondern in einer Kneifzange enden. Der Kampf zwischen den Geschlechtern und die Darstellung der klassischen Rollen von Mann und Frau nehmen einen prominenten Platz im gut 17’000 Cartoons zählenden Oeuvre des Künstlers ein. Die in den Zeichnungen zumeist nackten Frauen kokettieren jeweils mit ihren Reizen und bieten sich dem Blick der stets bürgerlich-bieder gekleideten Herren dar. Die Figuren bedürfen dabei keines zusätzlichen Dekors oder eines Hintergrundes, um auf den Zuschauer zu wirken und ihn zum Schmunzeln zu bringen.

 

Als passionierter Fahrradfahrer widmet Stauber ausserdem nicht wenige Werke seiner liebsten Freizeitbeschäftigung. Fröhliche Abbildungen von Rad fahrenden Männern, Frauen und Ehepaaren finden sich in den sorgsam gerahmten Bildvignetten. Einen weiteren Teil seines Oeuvres nehmen jedoch auch nachdenkliche Zeichnungen ein, welche die Arbeiten des Zeichners und die Bedingungen des Zeichnens selbst reflektieren.

 

Staubers französische Zeitgenossen

Ein weiteres Stockwerk widmet das Cartoonmuseum einigen mit Stauber stilistisch verwandten Zeichnern wie den drei französischen Grössen Chaval, BOSC und Sempé. Zwar ähneln die Werke der Franzosen jenen von Stauber hinsichtlich ihres reduzierten Federstriches, thematisch bewegen sie sich jedoch auf unterschiedlichen Wegen. Jean-Jacques Sempé, welcher sich unter anderem als Illustrator der Kinderbuchserie “Le petit Nicolas” einen Namen gemacht hat, stellt in seinen Zeichnungen im Gegensatz zu Stauber weniger die zugespitzte Pointe als einen leisen, hintergründigen Bildwitz in den Vordergrund. Noch sparsamer als Stauber gestaltete hingegen Jean-Maurice Bosc, der parallel mit Stauber im Nebelspalter veröffentlichte, seine politischen Bildmotive. Der unter der Signatur BOSC arbeitende Cartoonist litt zeitlebens unter starker Depression und seine psychische Verfassung spiegelt sich in den abgründigen Darstellungen seines Oeuvres wieder.

 

Die weibliche Sicht auf Stauber

Für den letzten Teil der Ausstellung mit dem separaten Titel “Stauber Revisited” setzten sich fünf junge Zeichnerinnen mit Vignetten des Cartoonisten zum Thema Paarbeziehungen und Geschlechterrollen auseinander und interpretierten diese auf eigene Weise um. So stellt beispielsweise die französische Karikaturistin COCO den von patriarchalen Rollenbildern geprägten Motiven Staubers eine aktualisierte, leicht feministisch angehauchte Sicht entgegen, indem sie die Geschlechter in ihren direkten Adaptionen der Vignetten die Plätze und die Attribute tauschen lässt. Und die Grafikerin Hélène Becquelin weitet die Motive Staubers in ihren mit Farbe unterlegten Cartoons zu regelrechten Bildgeschichten aus. Dabei übernimmt sie auch beliebte Motive Staubers wie z.B. den Raben. Andere Künstlerinnen wie Lika Nüssli oder Gabi Kopp adaptierten das Thema weitaus freier und bedienten sich für ihre Umsetzung so unterschiedlicher künstlerischer Medien wie der Rauminstallation oder dem Textildesign. Bei ihnen verschwimmen schliesslich auch die von Stauber noch so klaren Rollenbilder und mit ihnen die Definitionen von Weiblich und Männlich selbst.

Links