Kultur | 19.03.2013

Kampusch und die Wahrheit

Text von Anita Béguelin | Bilder von Rade Jevdenic
Natascha Kampusch wurde 3096 Tage im Haus ihres Entführers festgehalten. In der erdrückenden Verfilmung ihrer Autobiografie ist diese Zeit auf 109 Minuten gekürzt. Es sind Minuten, die nur schwer zu ertragen sind.
Man entgeht dem Plakat nirgends: "3096 Tage".
Bild: Rade Jevdenic

Natascha Kampusch wurde 1998 als zehnjähriges Mädchen in Wien vom Nachrichtentechniker Wolfgang Priklopil entführt und über acht Jahre lang in seinem Haus festgehalten. Im Alter von 18 Jahren gelang ihr die Flucht, Priklopil nahm sich laut offiziellen Angaben noch am selben Tag das Leben. Kampusch entschied sich gegen ein Leben in der Anonymität und gab bereits zwei Wochen nach der Flucht ihr erstes Interview. Ihr Auftauchen führte zu einem enormen Medienecho, Kampusch ist mittlerweile weltberühmt. 2010 erschien ihre Autobiografie, welche zwei Jahre später unter der Regie von Sherry Hormann verfilmt wurde und nun in den Kinos zu sehen ist.

 

Gute-Nacht-Kuss vom Entführer

Auf dem Schulweg wird die zehnjährige Natascha (Amanda Pidgeon) von Priklopil (Thure Lindhardt) entführt und in seinem Haus in ein Kellerverlies gesperrt. Kein Tageslicht dringt zu ihr, sie weiss nicht, weshalb sie hier ist und wie lange sie noch bleiben muss. Priklopil bringt ihr zu essen und liest ihr Geschichten vor. Gehorcht sie nicht, wird sie bestraft. Die ambivalente Beziehung zwischen dem kleinen Mädchen und ihrem Entführer wird besonders gut sichtbar, als Natascha Priklopil um einen Gute-Nacht-Kuss bittet.

 

Die Dusche ist oben

4 Jahre später: Natascha Kampusch, nun gespielt von Antonia Campbell-Hughes, ist immer noch am selben Ort. Im Keller um Essen bettelnd. Dass ihr dieses weitgehend verwehrt wurde, zeigt ihre abgemagerte Figur. Es folgen eindrückliche Szenen. Als bei Natascha die Periode einsetzt, kann sie Priklopil überzeugen, sie “oben” duschen zu lassen. Es ist das erste Mal seit ihrer Entführung, dass Natascha ihr Kellerverlies verlassen darf, um nach oben ins Haus zu gehen. Es ist das erste Mal, dass sie Tageslicht sieht. Die Sehnsucht, mit der sie durch die Gardinen zu spähen versucht, ist schmerzhaft mit anzusehen. Und als Natascha in einer späteren Szene zum ersten Mal seit Jahren barfuss über gemähten Rasen geht, glaubt man das Gras an den eigenen Füssen fühlen zu können.

 

Gewalt und Demütigung

Die feinsinnigen Szenen werden aber überschattet von Brutalität und Psychoterror. Priklopil schlägt Natascha und lässt sie im Haus als Sklavin arbeiten. Zudem muss sie in einem ständigen Spiel ihre Rolle als dankbare, zurückhaltende Frau einhalten, um ihren Entführer zufriedenzustellen. Als Zuschauerin oder Zuschauer würde man am liebsten den Kinosaal verlassen. Spätestens nach der Hälfte des Films ist kaum mehr etwas anderes zu sehen als Priklopil, der Natascha verprügelt und demütigt. Und es gibt nur einen Grund, bis zum Ende im Kinosaal sitzen zu bleiben: Nataschas Flucht. Daran hält sich der Zuschauer fest. Im Moment, als Natascha im roten Kleid durch das Gartentor schlüpft, halten wohl alle den Atem an.

 

Wer kennt die Wahrheit?

Im Fall Kampusch gibt es immer noch viele ungeklärte Fragen. Denn Natascha Kampusch ist die einzige Zeugin ihrer eigenen Geschichte und so bleibt kaum etwas anderes übrig, als ihre Erzählungen als Wahrheit anzunehmen. Ob “3096 Tage” denn auch wirklich die Gegebenheiten so wiedergibt, wie sie waren, weiss allein Kampusch.

 

Über Natascha Kampusch kursieren nicht nur Gerüchte, sondern ganze Verschwörungstheorien. So wird ihr zum Beispiel vorgeworfen, sie decke einen Pädophilenring. Kritiker gehen davon aus, dass Priklopil nicht als Einzeltäter gehandelt hat und Kampusch möglicherweise noch immer von Mittätern erpresst werde. Weiter glauben verschiedene Stimmen, Kampusch hätte ein Kind, das nun von Bekannten von Priklopil grossgezogen werde. In Österreich versuchte ein Polizist gar, an DNA eines Schulmädchens zu gelangen, um dies zu beweisen.

 

Besonders kritisch zu betrachten sind Theorien, die besagen, Kampusch und Priklopil hätten eine Liebesbeziehung geführt. Ausgerechnet Ludwig Koch, Natascha Kampuschs Vater, geht noch einen Schritt weiter: Im Buch “Vermisst” von Allan Hall stellt er seine Sichtweise dar und bezeichnet Natascha als Lügnerin. “Das Mädchen aus dem Keller ist ein Mythos”, steht in einer von der Internetseite oe24.at veröffentlichten Passage. Sie habe mit der Flucht bis zur Volljährigkeit gewartet, um nicht zurück zu ihrer Familie oder in ein Heim zu müssen.

 

Schluss mit Vorwürfen

Wer “3096 Tage” sehen will, der mutet sich selbst viel zu. Die Verfilmung von Natascha Kampuschs Autobiografie ist erdrückend und hinterlässt ein unangenehmes Gefühl. Es bleibt zu hoffen, dass mit dem Film ein Ende der Vorwürfe gegen Natascha Kampusch erreicht wird. Denn wer “3096 Tage” sieht, dem wird klar, dass es keine Rolle spielt, ob sie im Keller gewohnt hat oder in Priklopils Bett schlafen durfte. Es bleibt dabei: Natascha Kampusch hat Schlimmes erlitten. Und sollte sie tatsächlich eine Tochter haben, so hat sie das Recht, dies zu verschweigen.