Kultur | 13.03.2013

“Ich möchte nie wieder enttäuscht werden”

Der frankokanadische Regisseur Xavier Dolan hat mit 23 Jahren bereits drei Kinofilme gemacht. Nach "J'ai tué ma mère" und "Les Amours Imaginaires" startet am 14. März "Laurence Anyways" in Basel, Bern, St. Gallen und Zürich. Der dritte Film handelt von der Beziehung zwischen Laurence und Frédérique, als sich Laurence entscheidet, als Frau zu leben. In Cannes wurde Dolans Film 2012 in der Kategorie "Un Certain Regard" gezeigt. Tink.ch traf Xavier Dolan in seiner Heimatstadt Montréal.
Xavier Dolan mit Tink.ch-Reporter Martin Sigrist.
Bild: Martin Sigrist "Künstler wollen geliebt werden." Shayne Laverdiere

Xavier, wie lief der Start von “Laurence Anyways”?

Der Film ist ziemlich lang und hat in den USA momentan keinen Vertrieb. Auch hier in Quebec wurde er eher kalt aufgenommen. Die Kritiker haben ihn zwar gelobt, aber die Leute sind nicht so begeistert von lokalen Produktionen und finden es nicht nötig, lokale Künstler zu unterstützen. Der Film behandelt ein delikates Thema und ist damit sicher nicht Mainstream. Trotzdem haben wir erwartet, dass ihn sich mehr Leute anschauen.

 

Die Medien fragen, warum du in deinem neuen Film nicht mitspielst. Langweilt dich die Frage?

Es gibt viele Fragen, die mich langweilen, aber nicht diese. Den Leuten ist aufgefallen, dass ich nicht mitspiele und sie sagen, dass es gut ist für den Film. Damit haben sie wohl Recht, obwohl ich das nicht gerne zugebe. So konnte ich mich ganz auf die Regie konzentrieren und habe viele technische und psychologische Dinge über den Film und Teamarbeit gelernt. Das wäre sonst nicht möglich gewesen. Als aber mein Fehlen im Film als Schlüssel zum Erfolg bezeichnet wurde, fühlte ich mich verletzt. Ich wollte einfach mal was anderes machen. Beim nächsten Film werde ich wohl wieder mitspielen.

 

 

Die Kritiker scheinen dich zu lieben. Ist das gefährlich?

Ich bin besessen von Kritiken, denn ich möchte sie verstehen. Gerade wenn ich Kritiker beeindrucken möchte, bin ich oftmals nicht einverstanden. Ich möchte, dass sie auf meiner Seite sind. Wenn sie’s nicht sind, denke ich mir: Wenn er den Film nicht mag, soll er halt selber einen machen. Ich weiss, solche Gedanken sind erbärmlich. Manchmal bin ich erwachsen und denke mir einfach, das nächste Mal krieg’ ich ihn auf meine Seite.

 

Du kannst nie alle erfreuen.

Ich weiss und ich würde das nicht wollen. Aber eigentlich wollen das insgeheim am Tag der Premiere alle. Dieser Gedanke ist sehr kindisch, aber ich bin auch sehr jung.

 

Künstler wollen nicht Mainstream sein.

Künstler wollen geliebt werden.

 

Fühlst du dich mit deinen Filmen geliebt?

Ich fühle mich geliebt, aber von einer sehr kleinen Gemeinschaft. Ich spreche nicht von der Schwulengemeinde. Es ist jetzt mein dritter Film und ich habe keine Kompromisse gemacht und konnte somit nie sehr viele Leute erreichen. Ich verstehe, dass das nicht Filme sind, die von vielen geschaut werden. Aber schlussendlich mache ich diese Arbeit, um meine Welt mit den Leuten zu teilen. Wenn in Quebec nur 30’000 Leute von acht Millionen meinen Film anschauen, habe ich dann versagt? Ich habe diesem Film drei Jahre meines Lebens gewidmet, dazu mein Geld, meine Zeit, meine Energie, habe den Kontakt zu Freunden und Familie verloren. War es das wert, wenn niemand den Film sieht? Es tut mir leid, aber ich mache das auch für mich selbst, um Antworten auf Fragen zu erhalten und als eine Form von Therapie, um die Wut rauszulassen, die ich in mir habe. Ich möchte Leute erreichen.

 

Bist Du enttäuscht?

Ja, das bin ich, das hat mich wirklich enttäuscht. Ich liebe meine Arbeit weniger, seit ich weiss, wie viele Leute den Film gesehen haben. Der Film erscheint noch in weiteren Ländern, aber ich möchte meine Hoffnung nicht zu hoch ansetzen, um dann wieder enttäuscht zu werden. Ich möchte nie wieder enttäuscht werden. Ich werde nie wieder einen Film nur in der Hoffnung machen, dass es dann schon klappt. Ich möchte nie wieder enttäuscht werden, es gibt nichts Schlimmeres als Enttäuschung.

 

Du hast Gemeinschaften angesprochen, die deine Filme schauen. Warum bist Du bei denen beliebt?

Wie soll ich das wissen? Ich habe mich das nie gefragt, es ist für mich offensichtlich. Meine Filme haben schwule Inhalte. Ich bin nicht überrascht, dass gerade Schwule meine Filme schauen, aber wir sind alles Individuen. Niemand mag meine Filme nur weil er schwul ist. Ich möchte mit meinen Filmen nicht nur gewisse Leute ansprechen. Es beschäftigt mich eher, ob heterosexuelle Texaner meine Filme schauen als Schwule in Berlin. Ich versuche mit meinen Filmen zu beeinflussen, wie Schwule in dieser Industrie porträtiert werden und wie wir darüber sprechen. Ich versuche einfach über LGBT-Themen zu sprechen, ohne sie zum Kern meiner Filme zu machen.

 

Stehen diese Themen bei “Laurence Anyways” denn nicht im Zentrum?

Nein, eben gerade nicht, und das wurde kritisiert. Leute aus der Transgender-Szene meinten, ich weiche dem Thema aus. Dabei wollte ich nicht über die verschiedenen Stufen der Verwandlung vom Mann zur Frau sprechen sondern über Liebe. Der Film läuft auf einem anderen Level ab. Im Hintergrund sind diese Fragen, aber ich fand es nicht nötig, sie zu betonen. Ich erzähle die Geschichte von Individuen mit ihren Eigenenarten. In der Gesellschaft gibt es nicht nur einen Weg, um etwas zu tun. Viele Transsexuelle meinen, mein Film sei so nicht realistisch: Transexuelle würden nicht so in die Schule kommen. Ich würde es auch nicht so machen, weil ich nicht transexuell bin und den Mut nicht hätte. Doch Laurence macht es so, einfach so, weil er es will. Ich wollte keinen Dokumentarfilm machen, ich habe keine Nachforschungen betrieben. Ich wollte nicht respektlos sein, aber in meinem Film funktioniert es einfach so.