Kultur | 22.03.2013

Erste Liebe und Farbfersehen

Text von Sina Kloter | Bilder von zvg/FIFF
Brahim Fritahs erster Spielfilm "Chroniques d'une cour de récré" (Chronik eines Spielplatzes) spielt 1981 in Frankreich. Der Film enthält autobiografische Züge, was erklärt, weshalb die Hauptperson im Film denselben Namen trägt wie der Regisseur. Die Geschichte zeigt die Welt durch die Augen des 10-jährigen Brahims.
Der 10-jährige Brahim (r.) mit seinem besten Freund (l.) aus gutem Hause.
Bild: zvg/FIFF

Schauplatz ist ein Armenviertel. Viele Familien im Viertel sind angewiesen auf die Jobs in der nahe gelegenen Fabrik. Nur durch die Entlöhnung dieser Arbeit können sie ihren Lebensunterhalt bestreiten. Auch Brahims Vater arbeitet in diesem Betrieb als Nachtwächter. Die ständige Angst, die Fabrik könnte den Standort wechseln, prägt den Familienalltag.

 

Fotokamera ohne Film

“Chroniques d’une cour de récré” zeigt Brahims Erlebnisse in dieser Zeit. Da gibt es den rebellischen, besten Freund aus gutem Hause, einen Farbfernseher, die erste kleine Liebe zur Klassenkameradin Nathalie und eine Fotokamera, die meistens keinen Film enthält.

 

Das alles beschert Brahim eine vergnügte Freizeit. Gleichzeitig spürt er, welche Bedeutung die Fabrik für seine Familie und die Erwachsenen des Viertels hat. Die Ambivalenz Brahims spielt der Jungschauspieler Yanis Bahloul authentisch. Dies zeigt sich vor allem durch die Körpersprache Brahims. Sein Blick ist verträumt und die Schulter leicht eingezogen, dies vermittelt dem Zuschauer einen guten Einblick in Brahims Zerrissenheit. Es ist eine grossen Qualität des Filmes, dass alle jungen Schauspieler es schaffen, ihre Rollen überzeugend zu spielen. Dadurch gewinnt der Film an Glaubwürdigkeit. Der Regisseur Brahim Fritah erklärt in einer Diskussionsrunde nach der Vorstellung am internationalen Filmfestival Fribourg, dass er und sein Team die jungen SchauspielerInnen zwei Jahre lang auf deren Rollen vorbereitet hätten.

 

Flaschenwünsche

Weil die Geschichte aus der Sicht eines Kindes erzählt wird, kann sich der Regisseur einiger unkonventioneller Bilder bedienen. So lässt er zum Beispiel Brahim Wünsche in Flaschen sprechen, diese verschliessen und an einem Kran vor der Fabrik aufhängen. Ein Zeichen für die Hoffnung auf eine bessere Zukunft.

 

Auch die Träume Brahims, welche die “reale” Handlung des Filmes immer wieder unterbrechen, muten bildgewaltig an. Allerdings fügen sie sich nicht richtig in die Handlung ein und erschwerden dadurch das Verständnis der Handlung. Ein zweites Manko des Filmes ist die Geschichte an sich. Sie ist zu wenig stimmig und viel zu beliebig. Man wartet vergeblich auf einen richtigen Höhepunkt, welcher dem Film Spannung einhauchen würde. Als im Film ein Streik ausbricht, da die Fabrik geschlossen werden soll, gibt es die leise Hoffnung auf einen rasanten Anstieg der Spannungskurve. Doch selbst diese hochexplosive Situation wird zu schnell entschärft. Die Handlung bleibt in der Schwebe, was beim Zuschauer keine bleibende Erinnerung an den Film hinterlässt.

 

“Chroniques d’une cour de récré” ist ein Film mit einer vielversprechenden Ausgangslage, die leider durch eine zu beliebige Geschichte vertan wird. Dennoch lohnt sich ein Kinobesuch, da unkonventionelle Kinderrituale, wie das Aufhängen von Flaschenwünschen, und der Umgang der Kinder untereinander die Besuchenden immer wieder zum Schmunzeln bringen.

 


Entschlüsselt!

 

Der Film läuft am FIFF als Teil des Themenschwerpunkts “Entschlüsselt! Kein Kinderspiel für Kinder”. Diese Sektion zeigt Filme, welche Kinder in Krisensituationen in den Fokus stellen. Andere Filme dieser Kategorie sind, unter anderem, “Beasts of the Southern Wild” und “Infancia Clandestina”.