Kultur | 19.03.2013

Ein Werbespot für Coca-Cola

Text von Sina Kloter | Bilder von zvg
Pablo Larraíns neuster Film "No" bildet den Abschluss einer Trilogie über die chilenische Diktatur. "No" handelt vom chilenischen Referendum im Jahre 1988 und der Kraft der Werbung. Die Satire war in der Kategorie "Bester fremdsprachiger Film" 2013 für den Oscar nominiert.
Gehört nicht zu den Mainstream-Filmen: "No" zum chilenischen Referendum von 1988.
Bild: zvg

Der Film erzählt die Geschichte von René Saavedra (Gael García Bernal). Er ist ein chilenischer Werbefachmann, der im amerikanischen Exil seinen Beruf erlernte. René trägt Jeans, fährt Skateboard und besitzt ein eigenes Haus. Das politische Geschehen in Chile Ende der 80er Jahre tangiert ihn kaum. Bis eines Tages der “Kommunist” Urrutia in der Werbeagentur auftaucht und René für die “No”-Kampagne engagieren will.

 

Nach anfänglicher Skepsis entwirft René eine farbenfrohe Kampagne. Der Leitspruch “Chile la alegria ya viene” (Chile die Freude erwartet uns) und ein Regenbogen sollen der Opposition den Sieg bescheren. Die Kampagne beruht damit stärker auf Werbestrategien als auf einem politischen Programm. Nicht verwunderlich, dass ein Oppositionspolitiker die Kampagne in einer Szene als “einen Werbespot für Coca-Cola” betitelt.

 

Historischer Hintergrund

1988 konnte das chilenische Volk abstimmen, ob sie den Diktator Pinochet für weitere acht Jahre an die Spitze der Regierung stellen möchte. Pinochet hatte zu diesem Zeitpunkt bereits 15 Jahre lang das Land regiert. Regierungen aus der ganzen Welt verlangten eine Legitimation für seine Regierungstätigkeit. Deshalb bekam die Opposition eine einmalige Chance: Sie erhielt jeden Tag 15 Minuten Sendezeit im Staatsfernsehen. Zuvor liess Pinochet weder andere Parteien noch eine Gegenkampagne zu. Einen Monat später, am 5. Oktober 1988, fanden die Wahlen statt. Rund 56 Prozent stimmten gegen eine weitere Amtszeit Pinochets. Die ungewöhnlich hohe Wahlbeteiligung – 92% aller Stimmberechtigten liessen sich für die Wahl eintragen – wurde auf die Gestaltung der “No”-Kampagne zurückgeführt.

 

Verschmelzung von Raum und Zeit

“No” überzeugt durch seine Machart: Er vermischt fiktiv gedrehte Szenen mit realen Aufnahmen aus den achtziger Jahren. Zum Beispiel verwendet der Film die Fernsehspots, welche zu dieser Zeit ausgestrahlt wurden. Der Regisseur Pablo Larraín erklärt in einem Interview mit Cineworx: “Es ging uns um eine Verschmelzung von Raum und Zeit.” Dieser Effekt wird unterstützt durch das mittlerweile ungewöhnlich gewordene 4:3 Format und den analogen Videokameras, die zum Drehen verwendet wurden. Dadurch wirken die Farben wärmer und intensiver, was dem Film eine ungewöhnliche Stimmung verleiht.

 

Zudem punktet “No” durch zahlreiche witzige Szenen. So versteht ein Minister Pinochets das Regenbogen-Symbol der “No”-Kampagne als Zeichen für “Schwule” statt als Anspielung auf den Meinungspluralismus. Ausserdem spielt Gael García Bernal derart zwingend, dass man beinahe Sympathie für den Opportunist René empfindet.

 

Überblick behalten

An einigen Stellen mutet das Filmerlebnis allerdings etwas schwerfällig an. Durch die vielen unterschiedlichen Charaktere verliert man ab und an den Überblick, wer die Personen auf der Leinwand sind. Dadurch kann dem Film bei einzelnen Passagen nur schwer gefolgt werden. Er bricht allerdings nie auseinander, da die Entwicklung von René und seiner Kampagne einen roten Faden bildet und so die Geschichte zusammenhält.

 

Der Film ist eine wunderbare Satire, die den Balanceakt zwischen Gesellschaftskritik und Witz mühelos meistert. “No” ist all jenen Kinogängern zu empfehlen, die sich abseits des Mainstream-Filmschaffens bewegen und Gefallen an Wortwitz und gesellschaftskritischen Themen finden.