Kultur | 23.03.2013

Ein Papierkarton als Helm

Text von Sina Kloter | Bilder von zvg/FIFF
Adrián Sabas Film "El Limpiador" (der Saubermacher) feiert am FIFF Schweizer Premiere. Der Regisseur war zum Zeitpunkt des Drehs erst 22 Jahre alt. El Limpiador ist sein erster Spielfilm und ein Versprechen für die Zukunft. Am FIFF ist der Film in der Kategorie "Internationaler Wettbewerb" für den Regard d'Or und den Publikumspreis nominiert.
Ein unbekanntes Virus treibt in der Hauptstadt Perus sein Unwesen.
Bild: zvg/FIFF

Ein junger Mann steht rauchend an einer Strassenecke. Autos fahren an ihm vorbei. Es ist dunkel. Der Mann tritt auf die Strasse, ein Auto hupt, Bremsen quietschen, die Leinwand wird schwarz. Neue Szene: Eine Person in weisser Schutzkleidung putzt mit mechanischen Bewegungen den eben gesehenen Strassenabschnitt. Damit beginnt der Film “El Limpiador”.

 

Der Film handelt von Eusebio Vela (Victor Prada Palma), einem schweigsamen, älteren Mann, der Tatorte reinigt. Er lebt alleine in einer kleinen Wohnung in Lima und der Job scheint sein einziger Lebensinhalt zu sein. Das ändert sich, als Eusebio an einem Tatort einen achtjährigen Jungen (Adrian Du Boisy) findet. Soeben ist seine Mutter an einem rätselhaften Virus, der in Lima ausgebrochen ist, gestorben. Unfreiwillig nimmt Eusebio den Jungen bei sich auf.

 

Ein Papierkarton als Helm

Es vergeht ein ganzer Tag, bevor die beiden ein Wort miteinander wechseln und nach der ersten Nacht auf Eusebios Couch ist der Junge am Morgen unauffindbar. Er versteckt sich im Wandschrank, traumatisiert vom Tod seiner Mutter. Eusebio bastelt ihm aus einem Papierkarton einen Helm, der ihn vor der Welt beschützen soll. Langsam wagt sich der Junge, dessen Name Joaquín ist, in die Wohnung und wieder nach Draussen.

 

In der Zwischenzeit befällt das Virus immer mehr Menschen in Lima. Niemand weiss wodurch der Virus ausgelöst wird, geschweige denn, wie man der Epidemie ein Ende setzen könnte. Als Folge davon wird Lima immer menschenleerer. So sind zum Beispiel Eusebio und Joaquín bei Fahrten mit der Metro die einzigen Passagiere.

 

Feuchte Augen

Die Aufnahmen von El Limpiador reihen sich aneinander wie perfekt komponierte Fotografien. Durch den Virus scheint die ganze Stadt wie ausgestorben. Das beschert dem Film einzigartige Aufnahmen, die schlicht und dadurch umso wirkungsvoller daherkommen. So kann man Eusebio und Joaquín bei Spaziergängen durch das menschenleere Lima beobachten.

 

Die Schauspieler bewegen sich kaum oder nur sehr langsam – ausgenommen Joaquín. Gesprochen wird nur das Nötigste. Diese Reduktion verleiht dem Film eine merkwürdige Intensität, die im Kinosaal zu feuchten Augen und dem lautstarken Gebrauch von Taschentüchern führte. Dieser Atmosphäre kann man sich nur schwer entziehen. Grund dafür sind unter anderem die herausragenden, schauspielerischen Leistungen von Victor Prada Palma und Adrian Du Boisy. Zudem die wunderbar naiven Dialoge zwischen Joaquín und Eusebio. Als Joaquín den alten Mann fragt, wo seine tote Mutter jetzt sei, antwortet Eusebio trocken: “Auf dem Friedhof.”

 

Tod, Leere und ein Funke Hoffnung

Adrián Saba erschafft eine utopisch anmutende Welt, in der Tod, Leere und ein Funke Hoffnung regieren. “El Limpiador” lässt sich nur schwer in Worte fassen. Ein Grund mehr sich diese 95 Minuten im Kino anzuschauen. Allerdings empfiehlt es sich das Popcorn durch Taschentücher zu ersetzen, damit, wenn das Licht wieder angeht, man sich die letzten Tränen von der Wange wischen kann.