Kultur | 23.03.2013

Die unwiderstehliche Sündenbox

Text von Linda Bergauer | Bilder von zvg/FIFF
Der Film "Television" stellt ein kleines abgelegenes Dorf Bangladeschs vor, wo das Leben der Dorfbewohnerinnen und -bewohner noch ohne Fernseher abläuft. Der Dorfälteste, Amin (Shahir Kazi Huda), hegt eine tiefe Abneigung gegenüber jeglicher Art von Bildern. Denn sie seien, würde im Koran geschrieben stehen, das Werk des Teufels. Den viereckigen Kasten bezeichnet er schlechthin als "Box voller Sünden". Doch was sagt die Dorfjugend zu dieser reaktionären Haltung?
Solaiman und sein bester Freund Mojnu rätseln, wie Solaiman seine Geliebte Kohinoor zurückgewinnen könnte.
Bild: zvg/FIFF

Mithanpur, ein kleines, vom Rest der Welt abgeschottetes Inseldorf, lebt gänzlich bilderlos: Fotografien in Zeitungen werden abgeklebt, Mobiltelefone mit Kamerafunktion sind auf Anordnung des lokalen Anführers strengstens verboten und sein grösster Feind ist der durch und durch sündhafte Fernseher. Sogar die innovative Idee des Halal-Fernsehens, einer Theatervorführung in einem immensen Kartonfernseher am Strand, wird von Amin als verwerflich abgestempelt und er schiebt dem Ganzen schon nach wenigen Aufführungen den Riegel vor.

 

“Ohne Fernseher können wir nicht leben!”

Auf Wunsch seiner Geliebten Kohinoor (Nusrat Imroz Tisha) und entgegen den Präferenzen seines Vaters, arbeitet der Sohn des Dorfältesten Solaiman (Chanchal Chowdhury) jedoch auf ein moderneres Mithanpur hin. Schleichend gelingt es ihm, den Mini-Despoten vom praktischen Nutzen kabelloser Telefone zu überzeugen. Bald darauf stellt er ihm den Computer als “zeitgemässe Schreibmaschine” vor.

 

Als eines Morgens der Grundschullehrer und Hindu Kumar beschliesst, in seinem Wohnzimmer doch einen Fernsehapparat aufzustellen, gerät Amin in ein Dilemma und die Dorfidylle aus den Fugen. Während der Dorfälteste in seinem Haus Allah anfleht, ihm diese schwere Prüfung zu erlassen, versammelt sich der Rest der Anwohner jeden Abend zum Filmvergnügen um Kumars Haus. Dieser erlaubt aufgrund von Sanktionsdrohungen seitens des Anführers nur Hindus den Eintritt. Allerdings lässt er mithilfe von Spiegeln auch die muslimische Gemeinschaft, die sich vor dem Fenster drängt, am Bildergenuss teilhaben.

 

Mit allen Mitteln

Das Bildergefecht zwischen Amin und Kumar gipfelt im Ertappen Kohinoors vor dem Bildschirm, die als Muslimin nur dank ihrem Verhältnis zu Solaiman hineingekommen ist. Als Abtrünnige bezichtigt, wird sie bestraft, worauf sie aus gekränktem Stolz den Kontakt zu ihrem Liebhaber abbricht. Kumars Fernseher endet nach dem Vorfall in den Tiefen des Meeres.

 

Auf Solaimans Flehen, Kohinoor möge zu ihm zurückkehren, stellt die kluge und progressiv eingestellte junge Frau ein Ultimatum: Geheiratet wird erst dann, wenn alle im Dorfe sich ungestraft dem Fernsehvergnügen hingeben dürfen.

 

Mit der Bewegung des Dorfes in Richtung Bebilderung, wird die Beziehung zwischen Solaiman und seinem Vater Amin schwer auf die Probe gestellt.

 

Amusement mit Dimension

In seinem neusten Werk “Television” lässt der junge Bangladeschi Regisseur Mostofa Sarwar Farooki kaum einen Moment der Langweile aufkommen. Amins irrationale Starrköpfigkeit, der Erfindungsreichtum der Jungen, wenn es darum geht an ein Mobiltelefon oder Skype zu kommen, sowie die übertrieben Dramatik in der Liebesbeziehung zwischen Solaiman und Kohinoor, ist im höchsten Masse unterhaltsam und lässt einen beinahe das ganze Filmvergnügen mit einem Schmunzeln im Gesicht betrachten. Auf ironische Art und Weise behandelt der Film den Konflikt zwischen der traditionsverbundenen älteren Generation und dem Drang nach Modernisierung der Jugend in Bangladesch. Farooki gewährt auf amüsantem Wege einen Einblick in die Umbrüche in seinem Land, jedoch nicht ohne auch einige kritische Gedanken aufkommen zu lassen. Obwohl der Zuschauer hierzulande tendenziell mit der zukunftsorientierten Jugend sympathisiert und Amin für seine Rückständigkeit belächelt, so bleibt am Schluss die Frage: Werden die Bewohner Mithanpurs mit Fernseher wirklich glücklicher sein oder hätte sich Kopfkino nicht doch bewährt?