Gesellschaft | 26.03.2013

Bittere Fakten zur süssen Versuchung

Text von Linda Bergauer | Bilder von Linda Bergauer
Die Schweiz hat den Ruf als das Schoggiland schlechthin. Chocosuisse belegt dies mit Fakten; keine andere Nation kann mit unserem durchschnittlichen Pro-Kopf-Konsum von süssen 11,9 Kilogramm mithalten. Aber wie sieht es eigentlich mit den Arbeitsbedingungen auf den Plantagen der Hauptingredienz unserer geliebten Schokolade, dem Kakao, aus? Die EvB stellt klar: Nicht fair genug. Und das soll sich ändern!
Die Schweizer NGO EvB zeigt mit ihrem Schoggi-Guide auf, dass im süssen Schokoladenbusiness auch bittere Seiten existieren. Aber nicht nur.
Bild: Linda Bergauer

Ganze 94’008 Tonnen Schokolade hat die Schweizer Bevölkerung nach Angaben von Chocosuisse im Jahr 2011 verspiesen – damit stellen wir uns an die Spitze aller Konsumländer. Am allerliebsten Schlemmen wir um die Osterzeit.

Der Genuss ist jedoch einseitig, zeigt die Erklärung von Bern auf: 5,5 Millionen Kleinbauernfamilien und ihre 14 Millionen Arbeiter, welche in Entwicklungsländern für die Kakaoproduktion sorgen, leben in bitterer Armut. Ihr Anteil am Gewinn ist marginal, von unserer Liebe zur Schokolade kriegen sie wenig mit. Es herrsche ein Machtgefälle zwischen Schweizer Schokoladefirmen und ihren Rohstofflieferanten, so die EvB.

 

Kakao-Engpass droht – wegen Armut

Mit unfairer Schokolade kann niemand leben, stellt die EvB klar: weder die zahlreichen Kinder, die bei der Arbeit auf Kakaoplantagen aufgrund des Einsatzes von Pestiziden und mangelnder Sicherheitsvorkehrungen ihre Gesundheit riskieren, noch die Bauernfamilien, welche Niedrigstpreise erzielen – und schon gar nicht die Schweiz. Aufgrund der Armut seitens der Produzenten sieht die EvB einen Kakao-Versorgungsengpass kommen: Die Bauern könnten sich keine Weiterbildungen leisten, dringend notwendige Investitionen in oftmals alte und kranke Kakaopflanzen würden sie ebenso wenig vermögen und nicht zuletzt orientiere sich der Nachwuchs nicht selten an anderen Agrarrohstoffsektoren, welche mehr Einkommen versprächen als jener des Kakaos.

 

Die EvB sieht diese bitteren Tatsachen als Anlass, Forderungen an Staat und Unternehmen zu stellen. Die Schokoladenfirmen sollen sich um transparente Lieferketten und Einhaltung der Arbeits- und Menschenrechte auf den Plantagen bemühen. Der Staat wiederum solle die Unternehmen dazu verpflichten, diesbezüglich regelmässig Rechenschaft abzulegen.

 

Die Grossen nachlässig

Aufgrund folgender Kriterien hat die Nichtregierungsorganisation, welche sich der globalen Gerechtigkeit verschrieben hat, 19 Schweizer Schokoladeunternehmen auf ihre soziale Verantwortung untersucht: Rückverfolgbarkeit innerhalb der Lieferkette und Risikoanalyse, Massnahmen zur Verbesserung der Situation auf den Kakaoplantagen, Kontrolle und Standards sowie Transparenz und Kommunikation.

 

In ihrem vor Ostern 2013 herausgegebenen Schokolade-Guide “Die Wahrheit über Schweizer Schokolade” hat die EvB aufgelistet, welche Konzerne sich darum bemühen, den Kakaobauernfamilien Preise in angemessener Höhe zu garantieren sowie Grundrechte einzuhalten, und welche sich herzlich indifferent gegenüber der Not ihrer Lieferanten verhalten. Gerade die ganz Grossen scheinen sich am allerwenigsten um die Kleinen zu scheren; Lindt und Sprüngli, Nestlé und Chocolat Frey reihen sich alle in die Kategorie “Nachlässige” ein. Es folgt im Büchlein eine Auflistung von Verweigerern, Firmen, welche die Beteiligung an der EvB-Befragung abgelehnt haben. An der Spitze und als einzige in der Rubrik “Fortgeschrittene” stehen derzeit Pronatec und Chocolats Halba.

 

Konsumenten bestimmen Angebot

Was gilt es nun für Herrn und Frau Schweizer zu tun, wo man doch weiterhin in den Genuss der begehrten Tafeln und Hasen kommen möchte? Die EvB antwortet pragmatisch: Letzten Endes bestimmt der Konsument, welches Produkt sich auf dem Markt halten kann.

 

Daher gilt es beim Einkauf auf Produktelabels zu achten, welche für die Einhaltung bestimmter ökologischer und sozialer Standards stehen. Max Havelaar und UTZ sind dabei Vorreiter in Sachen Fairness, nachhaltigem Anbau und besserer Zukunftsaussichten für die Farmer und ihre Familien. Zudem darf ohne falsches Schamgefühl beim Lieblingsschokoladehersteller nach dessen Herstellungsbedingungen gefragt und auf mehr Gerechtigkeit gepocht werden.

 

Nicht zuletzt soll man weiterhin (faire!) Schokolade schlemmen, damit die Kakaobauern im Süden von der Nachfrage profitieren können, und jeden Bissen davon in vollen Zügen geniessen. Im Wissen, dass eine ganze Menge Arbeit dahinter steckt.

 

Info


Der Schoggi-Guide “Die Wahrheit über Schweizer Schokolade – Schokoladenfirmen im Vergleich” kann kostenlos bei der Erklärung von Bern bestellt werden. Ausserdem wird auf der Facebook-Seite der EvB an einer digitalen “stop-bad-chocolate”-Schoggi-Tafel gebaut. Mehr als 9000 Leute haben bereits ein Täfelchen gepostet. Mitte April will die EvB dann einer der nachlässigen Schokoladefirmen eine echte, faire Schoggitafel überreichen – mit allen Unterschriften.

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