Kultur | 05.03.2013

Bildergeschichten für Erwachsene

Am 28. Februar fand die letzte Mittagsführung zur Ausstellung "Comics Deluxe - Das Comicmagazin Strapazin" im Cartoonmuseum Basel statt, welche nach fast dreimonatiger Dauer an jenem Wochenende schliesslich ihr Ende fand. Präsentiert wurde dabei ein Einblick in das nun schon 28-jährige Bestehen eines Magazins, welches die deutschsprachige Comicszene nachhaltig beeinflusst hat und sich nie dem kommerziellen Geschmack unterordnen wollte.
Jedes einzelne Stockwerk widmet sich einem Jahrzehnt im Bestehen von Strapazin.
Bild: Sabina Galeazzi Die 80-er Jahre waren geprägt von einer düsteren Bildsprache. Nebst zeichnerischen Arbeiten enthielt die Ausstellung auch skulpturale Werke. Das Magazin mit Verlagsort in Zürich feiert bereits seinen 28. Geburtstag.

Es war eine bunt zusammengewürfelte Gruppe, Junge und Alte, welche sich am Donnerstag zur mittäglichen Führung „Inside Strapazin“ im Cartoonmuseum Basel in der St. Alban-Vorstadt eingefunden hatte. Die Kuratorin Anette Gehrig führte persönlich durch die auf mehreren Stockwerken der Liegenschaft angelegte Ausstellung, begleitet von den beiden jungen Künstlerinnen und aktuellen Verlegerinnen des Magazins Julia Marti und Milva Stutz. Dabei bot Gehrig den Zuhörern eine kurze und konzentrierte Einführung in die Entwicklung des deutschen Comics und die Geschichte von Strapazin, dessen Namen übrigens nicht zufällig ein Zusammenzug der Worte „Magazin“, „Strapaze“ und „Aspirin“ darstellt. Der Kuratorin nach war die Herausgabe des ersten Heftes eine regelrechte tour-de-force, welche sowohl die Beteiligten als auch den Verlag selbst an ihre Grenzen brachte.

 

Raus aus dem Kinderzimmer

Bis in die frühen Achtzigerjahre hinein führte das Genre des Comics im deutschsprachigen Raum ein Nischendasein als verpönte Kinder- und Schundlektüre. Beeinflusst durch amerikanische Independent-Comicmagazine und die Do-it-yourself-Kultur der Punk-Generation gab eine Gruppe engagierter deutscher Künstler 1984 im Eigenverlag die erste Ausgabe von Strapazin heraus. Dabei distanzierte sich die Zeitschrift von Anfang an bewusst von den kommerziell erfolgreichen Comic-Formaten wie den amerikanischen Superheldencomics von Marvel und DC Comics, welche in erster Linie ein jugendliches Publikum ansprechen wollten, und griffen in ihren Arbeiten einstmals vom Comic-Format verpönte und sperrige Themen wie Krankheit, Sexualität und Drogensucht auf. Auch in formaler Hinsicht unterschieden und unterscheiden sich die Bildergeschichten im Strapazin vom Aufbau eines klassischen Comics mit seiner fixen Paneel-Anzahl und den Sprechblasen und weisen zum Teil eher eine Nähe zu Buchillustrationen und Grafiken auf.

 

Grenzen ausloten

Im Anschluss stellten die beiden Herausgeberinnen Stutz und Marti die neueste, noch druckfrische Ausgabe des Magazins mit dem passenden Titel „Kollision“ vor, welche offiziell erst am 15. März ihre Vernissage feiert, und verteilten Exemplare zur Durchsicht an die Zuhörer. Dabei erzählten die Kunsthochschulabsolventinnen von ihrer Arbeit als Verlegerinnen seit 2011 und ihren anderen gemeinsamen Publikationen. Beide Künstlerinnen arbeiten für Strapazin nicht nur als Herausgeberinen sondern auch als Zeichnerinnen und sprengen in ihren Arbeiten bewusst die Grenzen des Comicgenres, indem sie z.B. auf Sprechblasen und eine lineare Erzählweise verzichten und mehr Wert auf die grafische Darstellung von emotionalen Zuständen legen. „Uns interessiert vor allem das Unsichtbare, das, was zwischen den Menschen geschieht“, betont Milva Stutz. In ihren Arbeiten bedient sich die ausgebildete Illustratorin dafür bei unterschiedlichsten Zeichenmedien wie beispielsweise dem Kohlestift in der Bildfolge „Dazyland“, einer Parodie auf eine ideale Märchenwelt.

 

Kollidierende Beiträge

Soviel sei schon mal verraten: Auch die neueste Ausgabe von Strapazin trägt die Handschrift der Verlegerinnen Stutz und Marti und bricht bisher am stärksten mit der üblichen Heftstruktur des Magazins und dem Aufbau eines Comics an sich: Einzelne Fragmente werden zu eigenen Geschichten angeordnet und Sprechblasen fallen völlig weg, wobei Bilder in schwarz-weiss und grau überwiegen. Was ursprünglich nicht zusammenpasst, wird zu einer Einheit zusammengefügt und die verschiedenen Möglichkeiten von Narration werden ausgelotet und kritisch reflektiert. Dieser experimentelle und stark reduzierte Stil, den die beiden Frauen seit der Herausgabe ihres ersten Heftes im Juni 2011 verfolgen, stösst bei den Strapazin-Lesern nicht nur auf Gegenliebe. „Wir haben durchaus auch einige kritische Briefe erhalten“, gibt Julia Marti lächelnd zu. „Allerdings hoffen wir, mit „Kollision“ auch eine neue Leserschaft erreichen zu können, welche bisher keinen Zugang zum Comicgenre und zu Bildergeschichten gefunden hat: Grafiker, Architekten oder Illustratoren.“

 

Strapazin ist jedenfalls eines der wenig Independent-Formate, welches, laut der Kuratorin, die durchschnittliche Lebensdauer von vier Jahren einer nicht-kommerziellen Zeitschrift um ein weites überschritten hat. Und nach wie vor stellt jedes Heft ein „Überraschungspaket“ dar, bei dem der Leser nie genau vorhersehen kann, was ihn darin schlussendlich erwartet.

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