Gesellschaft | 26.03.2013

Basel im Wandel

Dass eine Stadt nicht am Reissbrett entworfen wird, zeigt die momentan geführte Debatte um die Zukunft von Basel Nord. Wo heute noch eine Industriebrache liegt, soll bis voraussichtlich 2030 ein Quartier entstehen, das 7000 Menschen neuen Wohn- und Arbeitsraum bieten könnte. Das städtebauliche Projekt, das unter dem Namen "Rheinhattan" bekannt ist, erweist sich als Kristallisationspunkt gesellschaftlicher Konflikte, die weit über die Frage hinausreichen, welchen zukünftigen Charakter die Rheininsel haben wird.
So würde Rheinhattan aussehen: Eine Visualisierung des Bau- und Verkehrsdepartement Basel.
Bild: zVg. Noch dominieren leerstehende Flächen und wucherndes Grün das Hafenareal. "Rheinhatten" stösst nicht von allen Seiten auf Zustimmung. Bilder: Martina Probst.

Wohl an keinem anderen Ort in Basel als im Grenzgebiet von Klybeckquartier und Kleinhüningen zeigt sich deutlicher, dass in baulichen Substanzen so etwas wie ein sichtbares Gedächtnis gespeichert ist. Dieses macht sich etwa dort bemerkbar, wo im Verputz der Fassaden der mehrgeschossigen Reihenhäuser Risse klaffen, an Brückengeländern Rost prangt oder seit Jahrzehnten bestehende Eckkneipen noch immer den gleichen Namen tragen. Nirgends tritt es womöglich offener zutage als beim Hafenbecken, wo sich derzeit der Lebenszyklus eines vormals durch die Hafenwirtschaft genutzten Warenumschlagplatzes schliesst. An die betriebsamen Zeiten des Rheinhafen-Westquais erinnern heute nur noch einige wenige Silos und Lagerhallengebäude. In den nächsten Jahren sollen aber auch diese Artefakte abgetragen werden, um den neuen Bauvorhaben rund um die Rheininsel zu weichen. Wer das Hafenareal heute betritt und den grauen Zylindern den Rücken zuwendet, dem öffnet sich der Blick auf eine offene Fläche – eine der letzten ihrer Art im ansonsten dicht bebauten Basler Stadtgebiet.

 

Eine Industriebrache als Projektionsfläche

Interessant ist dieses weitläufige Hafenareal nicht nur darum, weil es fürs Auge eine willkommene Abwechslung bietet. Interessant ist es insbesondere aus dem Grund, weil die Brache eine Herausforderung an das menschliche Vorstellungsvermögen darstellt. Das “terrain vague” bietet sich als Projektionsfläche experimenteller Gedankenspielereien an. Jeder kann sich ihr bemächtigen, um sie mit beliebigen Bebauungsvisionen zu kolonialisieren. Da dem Denkbaren bekanntlich keine Grenzen gesetzt sind, werden von verschiedenen Interessensgruppen Entwürfe skizziert, die unterschiedlicher nicht sein könnten: unter den vielfältigen Assoziationen, die das nutzungsoffene Terrain hervorruft, finden sich Konzepte zu einem zukünftigen Naturschutzgebiet (Vogelinsel), zu einer dicht bebauten Hochhausinsel (Rheinhattan) oder einem energieneutralen Ökoquartier (Greenhattan). Andere gedenken etwas zu versenken, das noch gar nicht existiert (Rheinhattan versenken!) oder wollen einfach Gras über die Ödnis wachsen lassen.

 

Visionen einer nachhaltigen Quartierentwicklung

Solange der Aushandlungsprozess andauert und noch keine konkrete Entscheidung darüber gefällt worden ist, welchem Verwendungszweck das Areal tatsächlich zugeführt werden wird, kann jede potentiell umsetzbare Idee zur zukünftigen Gestaltung der Freifläche geäussert werden. Tonja Zürcher, eine der Initiantinnen von “IG Greenhattan”, welche sich von der Stadtplanung etwas weniger Konzentration auf das Bauen in die Höhe, dafür etwas mehr Verbindlichkeit in Sachen Nachhaltigkeit und Energieeffizienz wünschen würde, weist dann auch darauf hin, dass man sich momentan noch in einer Positionierungsphase befindet. In dieser gelte es, den Aushandlungsprozess möglichst öffentlichkeitswirksam mitzuprägen und die Bevölkerung für alternative Planungsmöglichkeiten zu sensibilisieren. Aus Sicht der Grossratskandidatin der Partei der Jungen Grünen Schweiz bedeutet dies, dass in eine autofreie, energiepositive und naturnahe Zukunft gebaut werden soll. Die Zeit sei reif, die Pflöcke für einen grüneren Stadtwerdungsprozess einzuschlagen. Bis zur Publikation des Stadtentwicklungsplans – kurz STEP – bleibt ihr und ihren Mitstreitern noch Zeit. Die Erarbeitung konkreter Umsetzungspläne ist auf Ende Jahr 2014 vorgesehen.

 

Ideologien als Diskussionshemmer

Spricht man den Stadtplaner Thomas Waltert auf die Radikalität an, mit der einige Parteien in letzter Zeit ihr Sendungsbewusstsein kundtaten, so spricht er diplomatisch von der Willensbekundung der Stadtbasler Bevölkerung, ihre mitwirkende Rolle im urbanen Transformationsprozess wahrzunehmen. Eine Äusserung, die von einer gesunden Gesprächskultur auf der Basis eines fairen Diskurses ausgeht. Ob von einer solchen noch gesprochen werden kann, wenn man den Animositäten Rechnung trägt, die von bestimmten Akteuren gegenüber anderen Involvierten geäussert wurden, bleibt fraglich. Insbesondere fiel die Haltung einiger Medien negativ ins Auge, die den Konflikt noch zusätzlich durch eine unpragmatische Berichterstattung befeuerten, anstatt zu einer Objektivierung beizutragen. Dies zeigte sich etwa im November letzten Jahres, als anlässlich einer von SRF 1 organisierten Podiumsdiskussion eine Gruppe von Linksaktivisten das Gespräch durch eine Störaktion sabotierte. Mit der Aktion sollte unter anderem darauf aufmerksam gemacht werden, dass das Projekt wesentlich von ökonomischen Interessen geleitet würde, anstatt die Debatte für alternative Wohn-, Lebens- und Gemeinschaftsmodelle zu öffnen. In der Folge berichtete Tele Basel in der als “Annäherung” bezeichneten Sendung vom “militanten” Widerstand, der sich im Kleinbasler Quartier formiert habe – und liess den Zuschauer dabei nicht unverschont von polemischen Zuspitzungen, die ebenfalls einiges am Kommunikationsstil des Lokalsenders zu wünschen übrig liessen. Im Report wurde mit stereotypisierenden Etikettierungen operiert, die den kritischen Teil der Klybecker Wohngemeinde als “Sozialromantiker” und “Öko-Idealisten” betitelte.

 

Gesprächskultur als Grundlage einer zukunftsträchtigen Stadtwerdung

Natürlich kann darüber gestritten werden, ob es von Seiten der Linksautonomen eines etwas weniger militanteren Redestils bedurft hätte, um von den lokalen Medien verstanden zu werden. Dass im Rahmen einer Reportagesendung – deren Nachrichtenwert ansonsten eher gering war – aber verallgemeinernde Vorurteile gegenüber den Bewohnern des Klybeck-Viertels in Umlauf gebracht wurden, die so nicht zutrafen, lässt auf eine Voreingenommenheit schliessen, die als problematisch einzustufen ist. Eine weniger oberflächliche Berichterstattung hätte den berechtigten Sorgen der Anwohner um die Wohnraumverteuerung und daraus resultierenden möglichen Verdrängungsprozessen mehr Platz eingeräumt – und mit dieser medialen Deutung dem Zuschauer einen Informationsdienst erbracht. Damit hätte der Sender seinen Anteil zum politischen Entscheidungsprozess beigetragen, auf dessen Grundlage sich eine nachhaltige und demokratische Stadtentwicklung vollzieht.