Kultur | 26.03.2013

Auf dem Fahrrad in die Freiheit

Text von Linda Bergauer | Bilder von zvg
Die erste Regisseurin Saudi Arabiens, Haifaa Al-Mansour, präsentiert mit dem Film "Wadjda" eine auf den ersten Blick unscheinbare Geschichte über ein kleines Mädchen, welches sich in den Kopf gesetzt hat, Fahrrad fahren zu lernen. Ihr Umfeld findet das unsittlich, was Wadja aber nicht davon abhält, ihren Traum wahr zu machen. Mit ihrer Zielstrebigkeit sorgt sie für grossen Tumult. Das Fazit der Reporterin: Ein extraordinärer Film, den man nicht verpassen sollte! Er kommt Mitte April ins Kino.
Wadjda - das Mädchen, das ein Fahrrad will und dafür Einiges unternimmt.
Bild: zvg

Im konservativen Königreich Saudi Arabien ist es Frauen untersagt, sich hinter das Steuer eines Autos zu setzen, und fast genauso ungern werden sie im Sattel eines Fahrrads gesehen. Für die Einhaltung dieser  restriktiven Verhaltenskodizes  sorgen die wachsamen Augen der Öffentlichkeit sowie die sogenannte Religionspolizei.

Wadjda (Waad Mohammed), ein 11-jähriges Mädchen mit Chuck Taylors an den Füssen und zahlreichen nonkonformistischen Ideen im Kopf wünscht sich jedoch nichts sehnlicher, als in den Besitz eines Fahrrads zu kommen, um mit dem Nachbarsjungen Abdallah (Abdullrahman Al Gohani) um die Wette radeln zu können.

 

Koranverse fürs Zweirad

Wadjda lebt alleine mit ihrer Mutter (Reem Abdullah) in der Vorstadt Riyadh und wird nur alle ein bis zwei Wochen von ihrem Vater (Sultan Al Assaf) besucht. Dieser hat sich auf die Suche nach einer Zweitfrau gemacht, da erstere ihm keinen Sohn zu schenken vermag. Ihre Tage verbringt das Mädchen damit, den Nachbarsjungen Abdallah zu necken und vom Fahrrad, welches sie in einem kleinen Laden an der Ecke erspäht hat, zu träumen. Auf des Ladenbesitzers Aussage, dass sie sich ihr Traumvehikel so oder so nicht leisten könne, beschliesst die gewitzte Wadjda ihm das Gegenteil zu beweisen: Sie beginnt auf dem Schulhof selbst zusammengestellte Mixtapes und geknüpfte Fussballbänder zu verkaufen, um sich die erforderten Rials abzuverdienen. Dabei wird sie jedoch von der rigiden Schuldirektorin, Madame Hussa (Ahd Kamel), ertappt und, weil es sich um verbotene Geschäfte handelt, auch entsprechend sanktioniert.

 

Wadjda bleibt nach diesem Misserfolg nur noch ein kleiner Hoffnungsschimmer: Sie meldet sich für den alljährlichen Koran-Rezitationswettbewerb an, welcher mit einer hohen Preissumme dotiert ist.

Mit Hilfe eines Play-Station-Lernprogramms gelingt es dem zielstrebigen Mädchen ihre Konkurrentinnen auszustechen und den ersten Platz zu ergattern. Bei der Preisverleihung verrät sie dem Publikum ungeschickterweise aufgeregt, dass sie den Gewinn in ihren zweirädrigen Traum zu investieren gedenke, worauf ihr das Geld vorenthalten wird.

Es existiert jedoch noch ein weiterer Weg, Wadjda das Fliegen auf zwei Rädern durch die Strassen Riyadhs zu ermöglichen.

 

Leise Revolution

Haifaa Al-Mansours Idee, einen Film zu realisieren, der sich um etwas Simples dreht, wie ein Mädchen, das sich ein in Saudi Arabien für Männer gedachtes Fortbewegungsmittels wünscht, ist so einfach wie revolutionär. Nach eigenen Angaben wollte die Regisseurin kein lautes Werk kreieren, das ihre Kultur per se anprangert. Ihr Ziel war vielmehr ein Film, der auf sanfte Art und Weise auf die Probleme, mit welchen Frauen in Saudi Arabien konfrontiert sind, hinzuweisen vermag. Der Film zeigt auf, dass sie dazu verdammt sind, versteckt zu existieren. Verhüllt bis auf die Augenpartie, gleicht der weibliche Anteil der Bevölkerung Saudi Arabiens durch die öffentliche Sphäre huschenden Schatten. “Wadjda” berührt und lässt westliche Zuschauer über Aussagen wie “Du willst als Mädchen Fahrradfahren? Möchtest du etwa deine Jungfräulichkeit verlieren?!” ungläubig den Kopf schütteln.

 

Trotzdem erweckt der Film alles andere als ein Gefühl der Desillusionierung, Al-Mansour skizziert viel mehr ein Bild der Hoffnung. Denn: Veränderungen beginnen bekanntlich im Kleinen. Beispielsweise bei einem mutigen Mädchen, welches sich über die Grenzlinien ihrer traditionsverbundenen Gesellschaft hinwegsetzt, um auf ihrem Fahrrad den Duft der Freiheit einatmen zu können.

 

Info


“Wadjda” startet am 11. April 2013 in den Kinos der Deutschschweiz. In der Romandie ist der offizielle Kinostart bereits am 3. April 2013.