Kultur | 20.03.2013

1 Schiffbruch, 1 Tiger, 1 Junge – Das Rezept für vier Oscars

Text von Vivienne Kuster | Bilder von Vivienne Kuster
«Life of Pi" oder auch "Schiffbruch mit Tiger" war in den Kinos ein voller Erfolg. Die verfilmte Geschichte des Buchautors Yann Martel berührte viele: Piscine Molitor Patel, ein indischer Junge, überlebt nach einem Schiffbruch fast acht Monate auf einem Rettungsboot. Mit ihm ein Tiger. Nun erscheint der Film, der unter anderem vier Oskars gewonnen hat, auf DVD. Dabei sollte das Buch aber nicht vergessen werden.
"Schiffbruch mit Tiger": Die Geschichte hat es verdient gelesen und geschaut zu werden, sagt die Tink.ch-Reporterin.
Bild: Vivienne Kuster

Ein junger kanadischer Schriftsteller möchte ein neues Buch herausbringen. Seine Kreativität verlässt ihn aber, er begibt sich auf Inspirationsreise. Über glückliche Zufälle landet er bei Piscine Molitor Patel, einem indischen Mann mit Frau und zwei Kindern, der ihm eine unglaubliche Geschichte erzählt. Es ist eine berührende Geschichte, die den Leser oder Betrachter anregt, über Glaube und Übernatürliches nachzudenken.

 

Piscine, auch Pi genannt, ist ein neugieriger und intelligenter Junge, dessen Suche nach dem Sinn des Lebens zur Spiritualität führt. Als Hindu aufgewachsen erweitert er seinen Glauben um das Christentum und den Islam. Die Religion bildet bereits zu Beginn den Kern der Geschichte. Pi wächst im Zoo von Pondicherry als Sohn des Direktors auf. Bereits als kleiner Junge lernt er den Umgang mit den Tieren. Sein Vater ist stets darauf  bedacht, dass seine Kinder den Tieren mit viel Respekt begegnen.

 

Als der Zoo für die Familie nicht mehr rentiert, beschliessen Pis Eltern nach Kanada auszuwandern und verkaufen die Tiere. Pi, seine Eltern und sein Bruder reisen mit einem Frachter nach Amerika, welcher auch einige verkaufte Zoobewohner in den Westen transportiert.

Eines Nachts gerät der Frachter aber in einen heftigen Sturm und sinkt. Mit ihm jegliche Passagiere – bis auf ein Zebra, eine Hyäne, ein Orang-Utan, Pi selbst und den Tiger Richard Parker. Ein Rettungsboot ist deren Rettung, wobei sich die vier Tiere umgehend in einem Kampf befinden. Sieger des Gefechtsquartetts ist Richard Parker. Pi selbst hat sich derweil aus Rettungswesten ein kleines Floss gebaut, um sich dem Kampf zu entziehen. Er ist nun alleine mit Richard Parker, einem ausgewachsenen bengalischen Tiger. Dank eines Buches mit Überlebenstipps, seiner Intelligenz, seinem Willen und Glauben wird Pi mit kreativen Einfällen zum Überlebenskünstler und Tigerdompteur.

 

Selten gelungene Verfilmung eines Buches

Jeder kennt das Phänomen: Das Buch gerade fertig gelesen, geht man mit freudigen Erwartungen ins Kino. Bequem im roten Sessel sitzend folgt dann die Enttäuschung. Bei dieser Verfilmung sieht es anders aus. “Life of Pi” fehlt auf der Leinwand nichts Wesentliches. Im Gegenteil: Es wurden sogar einige Details aufgegriffen und vertieft. Nicht umsonst hat der Film vier Oskars gewonnen.

Die Bilder machen Eindruck, ebenso die visuellen Effekte, welche dem Film einen der Oskars eingebracht haben. Nur ganz selten wirken sie kitschig. Weiter überzeugt der Streifen mit wenig Text und viel guter Musik. Die Filmmusik hat zu Recht ebenfalls einen Oskar gewonnen. Sie geht eine gelungene Symbiose mit Bild und Handlung ein.

Die Übersetzung vom Roman zum Drehbuch beziehungsweise zur Regieumsetzung hat sehr gut funktioniert, sodass der Film dem Buch alle Ehre erweist. Regisseur Ang Lee hat sich seinen Oskar für die beste Regie verdient. Den vierten bekam “Life of Pi” für die beste Kamera, verantwortlich für die tollen Bilder.

 

Was nun: Film oder Buch?

Wie man sich die Geschichte nun zu Gemüte führen möchte, spielt inhaltlich gesehen keine Rolle. Klar ist, dass das Buch mehr Details liefert, obwohl der Film viele Dinge davon aufgreift, beispielsweise wie sich Pis Spitzname in der Grundschulzeit entwickelt hat, was eigentlich Rahmenhandlung ist. Vor allem aber lebt die geschriebene Version von der langatmigen Erzählweise des Autors. Martel nimmt, wenn er auf einen Punkt hinschreibt, gerne lange verschlungene Wege. Genau diese Abschweifungen erzeugen eine Spannung, die der Film nicht übernehmen kann. Zudem unterstreicht das Buch Kernaussagen deutlicher und eingängiger. Sieht man nur den Film, besteht die Gefahr, die Geschichte, aufgrund der beschränkten Dauer eines Filmes, nur oberflächlich zu betrachten.

 

Bei dieser genialen Handlung ist aber eine tiefgründige Betrachtung angebracht. Allerdings sollte wer das Buch zur Hand nimmt es zügig durchlesen. Gelegenheitslesern sei es weniger empfohlen. Wegen der Abschweifungen des Autors kann man schnell den roten Faden verlieren.

 

Fazit

Die Geschichte hat es verdient gelesen und geschaut zu werden. Die DVD kann man sich definitiv öfters ansehen, ohne dass der Film an Spannung oder Intensität verliert. Und wer den Film bereits gesehen hat und gerne liest, erfreut sich am Roman. Etwas mehr Konzentration braucht das Lesen aber doch, denn leicht geschrieben ist das Buch nicht.