Gesellschaft | 26.02.2013

Wo Frau laufen lernt

Text von Flavia von Gunten | Bilder von Manuel Lopez
Einfach ist es nicht. Dazu kommt das hohe Unfallrisiko. Dennoch mühen sich viele Frauen auf High Heels ab. Weshalb die ganze Anstrengung? Tink.ch wagte sich auf eine Spurensuche im schweizweit ersten Laufkurs auf hohen Schuhen in Thun.
Ein Unfallrisiko: High Heels.
Bild: Manuel Lopez

Wer das Kursangebot der Klubschule Migros durchforstet, mag seinen Augen kaum trauen. Ein Lehrgang zum sicheren Laufen in High Heels? Ist das nötig? Der Teilnehmerinnenansturm gibt den Organisatoren Recht. Der Kurs in Thun ist bis auf den letzten Platz ausgebucht. 16 Frauen jeden Alters versammeln sich im Kurslokal, um gemeinsam an ihrem Laufstil zu feilen. Geleitet wird der Unterricht von der 44-jährigen Marlis Schwizer. Sie hat im Auftrag der Klubschule das ganze Konzept für diese Schulung entwickelt.

 

 

Absatz- statt Schuhgrösse

Nach dem obligaten Vergleichen der Absatzhöhe (“Lueg mau die dert äne, die het ja Monschderabsätz”) kann die erste von zehn 50-minütigen Lektionen starten. Das Aufwärmen der Füsse sei sehr wichtig, erklärt die Kursleiterin: “Wenn die Füsse kalt sind, können sie bis zu einer halben Schuhgrösse kleiner sein. Daher ist es auch wichtig, nur mit warmen Füssen Schuhe zu kaufen. Sonst folgt im Ausgang die böse Überraschung.” Mit den ersten Tipps im Hinterkopf, müssen die Frauen erstmals ihre Laufkünste unter Beweis stellen. Bereits da erkennt der Zuschauende Unterschiede. Während einige das erste Mal auf hohem Absatz unterwegs sind, haben andere reichlich Erfahrung damit. “Im Ausgang bin ich immer auf High Heels unterwegs. Die Absätze geben mir eine schönere Haltung”, so Kursteilnehmerin Monika.

 

Starke Muskulatur als Basis

Wie die meisten Teilnehmerinnen macht sie sich keine Sorgen wegen Verletzungen und Folgeschäden: “Ich bevorzuge Stiefel. Die geben mir automatisch mehr Halt als High Heels. Dadurch sinkt auch das Risiko abzuknicken und sich eine Verletzung einzufangen.” Diese Meinung vertritt auch die Kursleiterin. “Mit dem richtigen Training und vor allem einer gestärkten Muskulatur können wir Verletzungen vorbeugen. Aber auch auf flachen Schuhen kann immer etwas passieren«, gibt Schwizer zu bedenken. Die Zahl der Frauen, die sich jährlich wegen zu hohen Schuhen in ärztliche Behandlung begeben müssen, ist unbekannt. “Unsere Unfallstatistiken sagen nicht aus, welche Stolper- oder Sturzunfälle durch High Heels verursacht werden”, erklärt Barbara Senn von der Suva. Auch Dr. Petra Heil, Oberärztin in der Orthopädie und Traumatologie am Spital Thun, kann keine genauen Zahlen nennen: “Ungefähr einmal pro Monat behandle ich eine High Heels-Patientin. Allerdings kommt es stark auf die Region an. Hier im Berner Oberland gibt es deutlich weniger Unfälle mit hohen Schuhen als zum Beispiel in Zürich, wo Frauen öfters High Heels tragen.”

 

 

“Die Tipps geben mir Sicherheit”

Um gar nicht erst in eine Unfallsituation zu geraten, trainieren die High Heels-Azubis fleissig weiter. Mit Kräftigungsübungen auf Yogamatten wird die gesamte Muskulatur gestärkt. Zur Belohnung nach diesen schweisstreibenden Verrenkungen geht’s zurück auf den in Schachbrettoptik gehaltenen Laufteppich. Noch einmal stolzieren die Damen in ihren edlen Fussbestückungen darauf herum. “Nach der ersten Lektion habe ich zwar nicht das Gefühl, dass ich besser laufe. Die Tipps von Marlis geben mir aber Sicherheit”, schwärmt Madeleine. Schon vor dem Kurs sei sie oft in High Heels anzutreffen gewesen sein: “Sei es beim Ausgehen, zu einem schönen Kleid oder einfach beim Auswärtsessen. Ich habe gar keine Gelegenheit, sie noch öfters zu tragen”, lacht sie. Diese bietet sich von nun an jeden Donnerstag dank dem Kurs in der Klubschule. Ganz nach dem Motto: “Schönheit muss leiden.”