Kultur | 13.02.2013

“Jugendliche grübeln gerne über dem Tod”

Simon Stephens ist ein englischer Dramatiker und Lyriker. Seit Jahren arbeitet er immer wieder mit dem deutschen Regisseur Sebastian Nübling zusammen, der nun nach "Reiher" und "Punk Rock" mit "Morning" schon zum dritten Mal eines von Stephens' Stücken mit dem Jungen Theater Basel inszeniert hat. Tink.ch traf den Autor nach der Premiere von "Morning" zum Interview.
Drei von Stephens' Stücken wurden schon vom Jungen Theater Basel aufgeführt.
Bild: Münchner Kammerspiele/zvg.

Tink.ch: Was denken Sie über die Inszenierung von “Morning”?

Simon Stephens: Ich bin begeistert von der Vision, die Sebastian Nübling von meinem Stück hat und von der immensen Energie dieser jungen Darsteller und davon, wie sie dazu fähig sind, ebendiese Vision einzufangen. Das ist sehr aufregend. Was so wunderbar daran ist, mit Sebastian Nübling zu arbeiten – und das ist inzwischen schon das sechste Mal, das ich mit ihm zusammenarbeite – ist, dass er sehr tief in den Metabolismus meiner Stücke sieht, und eine energiegeladene und sichtbare theatralische Sprache findet, meine Stücke auf die Bühne zu bringen. Es gibt niemanden in England, der diese Art von Energie hat, und so brauche ich irgendwie alle paar Monate ein bisschen Sebastian Nübling (lacht), nur um mich daran zu erinnern, wie energiegeladen Theater sein kann. Und ein Teil davon zu sein, ist einfach unbeschreiblich aufregend.

 

Was ist denn der Unterschied zwischen dieser Adaption des Stückes und der englischen?

Darüber habe ich gerade mit meiner Frau gesprochen. Ich denke, Sebastians Produktion ist eine Produktion über den Nihilismus des Tötens. Und die Energie des Nihilismus. Wenn man von der philosophischen Position aus arbeitet, dass rein gar nichts einen Wert hat, dann kannst du vollkommen verrückt handeln und deine Taten tragen keine Konsequenzen. Und in Sebastians Produktion geht es grösstenteils darum. In der englischen Version ging es, glaube ich, viel mehr um Verzweiflung und Einsamkeit. Es war trauriger und emotionaler. Und in dieser Version hier ist viel mehr Energie und die Verzweiflung ist eher unterschwellig da. Aber natürlich haben beide Versionen viel gemeinsam: Amateur-Schauspieler hier, Amateur-Schauspieler in London, junge Schauspieler hier, junge Schauspieler in London, ganz und gar nicht naturalistisch, sehr expressionistisch, Live-Musik, Dubstep.

 

Sagen Sie mal, woher wissen Sie eigentlich so viel über Jugendliche?

Ja (lacht), ich war mal einer, vor langer Zeit… Nein, ich denke, was ich wirklich habe – und ich weiss nicht, ob ich überhaupt etwas über Jugendliche weiss –  ist ein riesiges Vertrauen in junge Menschen. Und ich mag junge Menschen. Und Jugendliche stimmen mich wirklich sehr optimistisch und ich bin sehr inspiriert von der Energie und der Kreativität junger Menschen. Und so arbeite ich von einem Standpunkt der Begeisterung darüber, was Jugendliche tun können, aus. Und sogar “Morning”, das sehr düster und brutal ist, ist getränkt vom Vertrauen in die Fähigkeit dieser jungen Schauspieler, dieses Theaterstück kraftvoll und überzeugend zu spielen.

 

Aber wenn Sie sagen, dass Sie ein solches Vertrauen in junge Menschen haben, widerspricht dies ein wenig der Tatsache, dass Ihre Stücke stets sehr dunkel und ziemlich pessimistisch sind…

Ja, man könnte sagen, dass sie pessimistisch sind, das ist schon richtig (lacht). Aber das ist eigentlich eine sehr interessante Frage. Ich denke, Theater ist generell optimistisch. Denn das Herz, die Natur des Theaters ist rein optimistisch. Und ich bin optimistisch, dass, wenn ich mein Stück in die Hände von Sebastian Nübling gebe, er es so gut inszenieren wird wie er kann. Und dass er Schauspieler finden wird, die “Ja” zu ihm sagen und die tun werden, was er von ihnen verlangt, und ich bin optimistisch, dass er ein Publikum finden wird, das das Stück mit so viel Klarheit betrachten wird, sich dem Sinn des Stückes öffnen wird und seine Zuneigung dafür zeigen wird. Und das ist ein sehr optimistischer Gedanke, nicht?

 

Sie können aber nachvollziehen, weshalb Menschen “Morning” als seht pessimistisch bezeichnen könnten?

Nun weiss ich gar nicht, ob dieses Stück pessimistisch ist. Wenn es etwas Pessimistisches enthält, heisst das dann gleich, dass das ganze Stück pessimistisch ist? Ein Teil von mir denkt, dass man, indem man Dunkelheit in der Kunst präsentiert, ein Licht auf diese Dunkelheit wirft. Und Licht auf Dunkelheit zu werfen ist doch eine sehr optimistische Geste. Ich verliess diese Vorstellung heute nicht mit dem Gedanken “Fuck, bin ich deprimiert!”. Es war vielmehr etwas wie “Wow, das ist ein bisschen beängstigend und aufregend”, und man muss bestimmt darüber nachdenken, aber ein Gedanke ist eine grossartige Sache, und es gibt nichts besseres als eine Gruppe von Leuten im selben Raum, in dieselbe Richtung blickend und gemeinsam denkend. Das ist etwas sehr Optimistisches. Und es ist unglaublich inspirierend!

 

Ja, das ist wahr. Ich habe “Punk Rock” hier gesehen und festgestellt, dass es doch ein paar Ähnlichkeiten zwischen den beiden Stücken gibt. Es geht in beiden um Tod und Mord und auf eine gewisse Weise um Einsamkeit und Hoffnungslosigkeit.

Ich schreibe immer und immer wieder über Tod. Und über den Schatten des Todes und darüber, was es heisst zu sterben. Und in diesem Sinne schreibe ich auch über Liebe, denn Liebe hat sehr viel mit dem Tod zu tun. Und ich denke über Optimismus und Pessimismus nach, weil beides im Schatten des Todes geboren wird. Ausserdem ist es sehr menschlich, über den Tod nachzudenken, und ich glaube, Jugendliche denken sehr viel über den Tod nach. Dieses Stück ist für junge Menschen geschrieben, für ein junges Publikum, für junge Schauspieler und ich glaube, etwas an diesem Stück gefällt Jugendlichen. Junge Menschen mögen Ideen und sie mögen Denken. Junge Menschen mögen Gewalt und ich glaube, junge Menschen denken gerne über den Tod nach. (lacht). Je mehr Stücke ich schreibe, und ich habe bisher schon zwanzig Stücke geschrieben, die professionell inszeniert wurden, desto mehr habe ich das Gefühl, dass das eigentliche Ziel nicht ist, ein neues Thema zu finden, über das nie geschrieben wurde. Das eigentliche Ziel ist es, neue Perspektiven zu finden. Und so glaube ich, dass die Ideen in “Morning” im Grunde dieselben sind wie die Ideen in “Punk Rock”, aber vielleicht von einem etwas anderen Ansichtspunkt. Über Erfolg oder Misserfolg zu urteilen bleibt Leuten wie euch überlassen.

 

Richtig, vielen Dank. Noch eine letzte Frage: Haben Sie schon Pläne für neue Stücke? Etwas, was Sie uns erzählen und worauf wir uns schon freuen dürfen?

Nun, ich habe nach “Morning” bereits drei weitere Stücke geschrieben, doch noch keines davon ist professionell produziert worden. Aber da gibt es dieses Stück, meine Adaption von Marc Haddons Roman. “Super guter Tag” heisst es auf Deutsch, “The curious incident of the dog in the night time” heisst es auf Englisch. Dieses Stück wird für die deutschsprachige Welt im Herbst dieses Jahres veröffentlicht. Und ich hoffe, dass das Junge Theater Basel dieses ebenfalls inszenieren wird, denn in meinen Augen ist es das beste Theater im deutschsprachigen Raum. Meine Stücke schreibe ich für Orte wie diesen. Es ist einfach viel mehr Leben hier, mehr Energie und das ist überhaupt der Grund, warum ich das mache. Warum ich diese Stücke schreibe.