Kultur | 26.02.2013

“Fötzel aus Brüssel”

Text von Anita Béguelin | Bilder von Manuel Lopez
Charles Lewinsky erfindet nicht nur Wörter, er entwickelt ganze Zukunftsszenarien. In seinem neuen Buch "Schweizen" versetzt er die Schweiz in die Zukunft und zeigt auf überspitzte Weise, in welche Richtung sich dieses Land bewegen könnte.
Welche Zukunft darf's sein? Charles Lewinsky hat einige zu bieten.
Bild: Manuel Lopez

Wie die Zukunft der Schweiz aussieht, weiss niemand. Lewinsky jedoch hat für die Schweiz nicht nur eine, sondern 24 Zukünfte auf Lager. Und trotz ihrer Absurdität sind sie alle typisch schweizerisch. Da er sich gerne “stilistisch austobt”, wie Lewinsky es nennt, ist jede der Kurzgeschichten in einer anderen Textform geschrieben. Das Buch “Schweizen” ist dadurch abwechslungsreich. Jede Geschichte überrascht aufs Neue.

 

Abstimmung mit Folgen

Lewinskys Neuerscheinung lässt sich nicht zusammenfassen. Zu vielseitig sind die Texte, zu verschieden die Zukunftsszenarien. Wer “Schweizen” aber gelesen hat, will nicht mehr aufhören, davon zu erzählen. Die Kurzgeschichten sind unterhaltsam und trotz ihrem Ideenreichtum leicht nachvollziehbar. So wird zum Beispiel in einer möglichen Schweizer Zukunft die Initiative “Die Schweiz den Schweizern” mit 51 Prozent angenommen, was zur Folge hat, dass alle Ausländerinnen und Ausländer das Land verlassen müssen. Krankenhäuser schliessen deshalb ganze Stockwerke. Behandelt wird nur noch, wer ein absoluter Notfall ist. So passiert es, dass zu spät festgestellt wird, dass jemand ein Notfall gewesen wäre.

 

“Schneh” tut es auch

Was wäre, wenn die Schweiz der EU beitreten würde? Auch darauf hat Lewinsky eine mögliche Antwort und die erscheint beim Lesen des Buches ganz plausibel. In einem Brief an den Bundesrat erklären Uri, Schwyz und Unterwalden ihre mit sofortiger Wirkung eintretende Unabhängigkeit. Denn mit diesen “Fötzel aus Brüssel, verdammti Schissihünd” wollen sie nichts zu tun haben. Und falls sich die Erderwärmung bewahrheiten sollte, fahren die Schweizerinnen und Schweizer der Zukunft trotzdem Ski, sogar im Sommer. Denn der neu entwickelte “Schneh” schmilzt auch bei grosser Hitze nicht.

 

Karikaturen der Zukunft

Lewinsky erschafft überspitzte Zukünfte, die einen zum Lachen bringen und eine klar politische Dimension haben. Bei ihm geniessen Kinder einen zusätzlichen Feiertag: Am Tag, als Blocher zum Bundespräsidenten auf Lebzeiten gewählt wurde, haben alle schulfrei. Die “Essvaupeh” hat nun die absolute Mehrheit, erfahren wir in einem Aufsatz eines Schuljungen. Und auch wenn es das Wort “Schweizen” nicht gibt und die Schweiz ein solches Unikat ist, dass ein Plural davon nur schwer vorstellbar ist: Lewinsky macht es möglich. Obwohl die Zukunftsszenarien übertrieben dargestellt sind, tragen sie dennoch alle eine Spur Wahrheit in sich. Oder wie Lewinsky es selbst ausdrückt: “Karikaturen können ähnlicher sein als Spiegelbilder.”

 


“Schweizen – 24 Zukünfte” von Charles Lewinsky, 176 Seiten, Verlag Nagel & Kimche im 2013.