Gesellschaft | 12.02.2013

“Du musst Gott alles geben”

Freikirchen in der Schweiz verzeichnen keinen Aufschwung in punkto Mitgliederzahlen. Dennoch wächst die International Christian Fellowship (ICF) in Bern rasant. Vorurteile über diese Gemeinschaft sind reichlich im Umlauf. Ein Blick hinter die Kirchenmauern schafft Klarheit.
Das ICF in Bern: Fluch oder Segen?
Bild: Rade Jevdenic.

Drei Minuten zählt der Countdown auf der Grossleinwand runter. Drei Minuten bis zum Start des “radical”, des Sonntagsgottesdienstes im International Christian Fellowship (ICF) Bern. Die Fabrikhalle 12 ist bis auf den letzten Stuhl gefüllt.

 

Was überrascht: Die Anwesenden sind weitgehend junge, modisch gekleidete Leute, die so ganz und gar nicht dem Bild von Freikirchen-Mitgliedern entsprechen. Kaum ist die Uhr abgelaufen, tritt die hauseigene Live-Band auf die Bühne und stimmt ihren ersten Song an. Lobpreis und Anbetung, modernerweise auch Worship genannt, nennt man diese Lieder. Bis auf eine Ausnahme sind sie alle in englischer Sprache verfasst.

 

Anglizismen und Aktivitäten

Allgemein ist die englische Sprache sehr präsent. Geschickt vermischt “Senior Pastor” Niklaus Burkhalter in seinen Predigten Mundart und Englisch. Auch der Internetauftritt der Freikirche ist überfüllt mit Anglizismen. Den Gläubigen scheint’s zu gefallen. Sie singen kräftig mit und die meisten befinden sich in einer für Worship typischen Anbetungsposition: Die Hände zum Himmel gestreckt, der Blick in sich versunken, mit jeder Faser des Körpers scheinbar bei Gott.

 

Laut Niklaus Burkhalter, der als “Chlöisu” bekannt ist, besuchen wöchentlich rund 500 Besucher die Gottesdienste (celebrations) im ICF Bern. Als er 1998 gemeinsam mit seiner Frau Andrea den Berner Ableger der Freikirche gründete, waren es gerade mal acht Leute. Die Grundwerte der Freikirche scheinen  die Gläubigen zu überzeugen. Da vielen von ihnen die Landeskirche veraltet und eingefahren erscheint, ist ICF dem Geist der Zeit gefolgt. Verpasst man eine Celebration, so kann man sich die im Internet in Bild und Ton zu Gemüte führen. Auch ausserhalb der Gottesdienste bietet das ICF zahlreiche Aktivitäten (smallgroups) für jede Lebenssituation an:  Von Budgetberatung über Müttertreffen bis hin zu Beziehungscoaching. Da drängt sich schnell die Frage auf, ob die Kirche die Grenzen hin zu einer Sekte überschreitet.

 

Hugo Stamm ist ausgewiesener Experte im Bereich Freikirchen und Sekten, und arbeitet als Redaktor beim Tages-Anzeiger. Er kennt eine Antwort auf diese Frage: “Das ICF ist keine eigentliche Sekte, zeigt aber verschiedene sektenhafte Aspekte. So werden weltlich Phänomene in erster Linie religiös interpretiert. Das führt zu einem starken Endzeitglauben, zur Vorstellung von einem realen Satan, der Menschen verführt und zu engen Dogmen.”  Weiter meint Stamm, dass dadurch Exorzismen durchgeführt würden, was zu schweren seelischen Belastungen führen könne. Ausserdem betrachte ICF Sex vor der Ehe als verwerflich und Homosexualität als nicht von Gott akzeptiert. Dies führe bei sensiblen Gläubigen zu einem Glauben der Unterordnung und Angst.

 

Ein frommer Gast

Ein starker Glaube ist nötig, um Mitglied bei ICF zu sein. Oder wie es Sängerin Andrea Burkhalter zwischen den einzelnen Liedern ausdrückt: “Du musst Gott alles von dir geben können. Kannst du es nicht, helfen wir dir auf diesem Weg.” Diesen Weg ist auch der Gast des heutigen Abends, Heinz Strupler, gegangen. 1990 gründete er in Zürich das ICF. In seiner Rede plaudert der fromme Mann aus seinem Leben mit Gott. “In meinem Welschlandjahr besorgte ich mir sogar den Schlüssel der Kirche, damit ich jeden Morgen eine Stunde mit Gott alleine war und meine Gebete zu ihm sprechen konnte”, erläutert der 67-Jährige. Gebete sind ein weiterer zentraler Punkt in einer Celebration.

 

Vor Beginn der Feier hatten die Anwesenden die Gelegenheit, einen Gebetszettel in eine Urne zu werfen. Nun liest Chlöisu diese auf der Bühne vor. Ob seine Neurodermitis und der Husten bald verschwinden, wenn Gott mitlauscht? Eine komische Vorstellung. Pfarrer Martin Scheidegger, der von 1990 bis 2011 die ökumenische Beratungsstelle “Religiöse Sondergruppen und Sekten” aufgebaut hat, kennt sich mit solchen Phänomenen aus. Warum Menschen glauben, dass ihre Gebete und Wünsche in Realität übergehen werden, dazu meint Scheidegger: “Diese Vorstellung ist grundsätzlich im Menschen verankert. Es handelt sich hierbei um ein gesellschaftliches Phänomen, das vielleicht etwas mit Abschiebung von Verantwortung und Lasten zu tun hat.” Stamm steht diesem Phänomen skeptischer gegenüber: “Sektenhaft ist für mich auch der Glaube, Gott spreche mit den rechtgläubigen Christen des ICF und beschütze sie. So wird ein kindlich naiver Glaube entwickelt, der selten mit den realen Erfahrungen korrespondiert.”

 

Fluch oder Segen

Nach eineinhalb Stunden ist der Anlass vorbei. Die Kollekte, aus der ein Teil zur Finanzierung des ICF verwendet wird, schliesst den Abend ab. An der Ausgangstür stehen zwei junge Damen und wünschen einen gesegneten Sonntag. Die Halle wird sofort wieder aufgeräumt. Denn in wenigen Stunden feiert die Glaubensgemeinschaft eine weitere Celebration – die dritte an diesem Tag.

 

Das ICF scheint mit ihrem Konzept also offensichtlich Erfolg zu haben. Woher dieser rührt, weiss Hugo Stamm: “Die eventartige Form des Gottesdienstes zieht vor allem junge Leute an. Auf der Bühne wird ein Spektakel mit halbprofessioneller Livemusik aufgeführt, das mitreisst. Ausserdem finden vor allem einsame Leute Anschluss an eine enthusiastische Gemeinschaft.” Dieselbe Erklärung für den Erfolg des ICFs hat auch Martin Scheidegger und ergänzt: “Wichtig ist zudem das Erleben von verbindlicher Solidarität, was in der heutigen Gesellschaft oft fehlt.”

 

Füllt das ICF also Lücken der Gesellschaft und bietet Menschen jeglicher Zugehörigkeit ein Zuhause? Ist die häufige Kritik der Medien an dieser Freikirche gesucht? Scheidegger meint, dass gerade die gelebte Verbindlichkeit und Rücksichtnahme innerhalb der Gemeinschaft positive Aspekte sein könnten. Allerdings gäbe es aber ernst zu nehmende Tendenzen: “Wenn die Fähigkeit etwas zu reflektieren und damit auch die Eigenständigkeit eines Individuums durch bevormundende Elemente im ICF abnehmen, ist das eine ernste Sache.”

 

Noch etwas weiter würde Hugo Stamm gehen: “Es besteht die Gefahr, dass sich die Gläubigen von der ursprünglichen Umgebung entfremden, den Glauben radikal ausleben, weltliche Aspekte vernachlässigen, in eine Scheinwelt abrutschen und Wesensveränderungen erleiden. Sie glauben, von Gott auserwählt zu sein und wähnen sich oft in der Überzeugung, von Gott authentische Botschaften zu bekommen und so gegen die Unbill des Lebens besser gewappnet zu sein. Das kann zu Realitätsverlust und Wahrnehmungsverschiebungen führen.”