Kultur | 05.02.2013

Die Nacht der Stromgitarren

Text von David Schneider | Bilder von Kilian Brotschi
Am Samstag dem 2. Februar wurde die Kulturfabrik Lyss regelrecht zum Erbeben gebracht: Im Rahmen der Konzertreihe "Rock the Kufa" zelebrierten sechs Schweizer Bands den guten alten, handgemachten Rock und liessen dazu die E-Gitarren aufheulen.
Rock nach alter Schule in der Kulturfabrik Lyss am 2. Februar 2013.
Bild: Kilian Brotschi

Fasnachtszeit in Lyss: Die Strassen werden vom Konfettiregen überdeckt, die Leute sind bunt kostümiert und die Musik dringt durch die gesamte Innenstadt. Am Rande dieses bunten Treibens wird als Gegenveranstaltung ganz anderes Geschütz aufgefahren. Wie in den vergangenen Jahren findet pünktlich auf den Fasnachtssamstag das Rockfestival “Rock the Kufa” statt.

 

Reis, Bohnen und Rock’n-˜Roll

Es ist Viertel vor Sechs an einem meteorologisch gesehen durchzogenen Samstag: Noch ist in der Kufa Lyss kein Besucher anzutreffen und in der grossen Halle herrscht nach einem Nachmittag voller Soundchecks eine Ruhe, wie man sie in den folgenden acht Stunden nicht mehr erleben wird. Schliesslich warten backstage sechs aufstrebende Rockbands auf ihren Auftritt und die Möglichkeit, sich einem breiten Publikum zu präsentieren.

 

Sympathische Wucht

Eröffnet wird der Abend von der Berner Heavy-Rock-Band “Grey Monday”. Eine Stunde nach der Türöffnung betritt die fünfköpfige Truppe die Bühne und zeigt bereits mit dem ersten Song auf, in welche Richtung es am heutigen Abend gehen soll. Vorwärts und zwar laut und schnell. Die Band agiert selbstsicher und lässt sich auch durch das zahlenmässig kleine Publikum nicht abschrecken. Diese Formel geht auf: Bereits während dem ersten Konzert strömen mehr und mehr Leute in die Halle. Grey Monday, welche bereits über 70 Auftritte hinter sich haben, überzeugen durch Unverkrampftheit und durch die sympathische Art des Sängers, der zwischen den Songs lockere Worte findet. Der Auftakt ist gelungen und sowohl das Publikum, als auch die noch anstehenden Bands haben Lust auf mehr.

 

Tobende Stimmung

Mit dem Bühnenumbau geht es zügig voran. Das Drumset auf der Bühne lässt schon erahnen, wer als nächstes in die Saiten greift. Der Schriftzug “Grove” fasst gut zusammen, was die Zuschauer in der folgenden Stunde erwartet: Rohen und kratzigen Rock wie wucheres Gehölz. Und um beim Forst-Vokabular zu bleiben: Vor der Bühne steht mittlerweile ein dichter Wald aus gutgelaunten Rockliebhabern. Als dann Grove wie ein Feuerwerk ihre Show entfachen, wird schnell klar, welche Gruppe am meisten Fans in den Publikumsrängen hat.

 

Mit dem ersten Song “We are Grove” haben die fünf Jungs aus dem Seeland die Zuhörer gleich für sich gewonnen. Es wird kräftig mitgeschrien und –geklatscht. Der Wunsch nach einem Kind vom Sänger wird nach jedem Song lauter. Die Mischung aus Power Rock und Hardrock überzeugt mit eingängigen Melodien und Gitarrenriffs. Beim Led Zeppelin-Cover “Whole Lotta Love” zeigt sich die Liebe dieser Band zur Musik. Spätestens als Gitarrist und Sänger den Balkon stürmen, geht einem nur noch ein Wort durch den Kopf: wild. Auch wenn die Stücke einige Patzer haben, das Publikum verzeiht und tanzt weiter. Bis zum letzten Ton schwitzen die Bandmitglieder Blut und verwandeln die Halle in eine Grossraumsauna.

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Magnetisierende Klanggebilde

Nach “Grove” und ihrem schweisstreibenden Power-Rock stand der sphärische, aber nicht minder mitreissende Indie-Rock von “Bright November” aus Bern auf dem Programm. Der Bandname – auf Deutsch: strahlender November – beschreibt sogleich die Stilrichtung dieser Band: Ein Ansatz von Gegensatz. “Bright November” lassen sich nicht einfach in eine Schublade stecken. Vielmehr gelingt es ihnen, durch das Spiel mit Tempo und Volumen jeden Song wie ein Gewitter aufzubauen. Der Bass sorgt für das Grundgerüst und hallende Gitarren vermischen sich mit taktvollem Schlagzeug. Die vier Freunde, welche sich 2010 zu einer Band zusammenschlossen, verstehen es, eindrückliche Klangbilder zu erzeugen. Ihre gemeinsame Liebe zu Bands wie “Coldplay” und “Kings of Leon” zeichnet sich ab, ohne dabei zu sehr dem Stadionrock ihrer Vorbilder zu verfallen. Neben zwei Gitarren und etlichen Effektgeräten bauen “Bright November” geschickt Synthieklänge in ihre Klangkonstrukte ein. Dass diese Musik begeistert, hat die Band letztes Jahr beeindruckend erfahren. Nach ihrem ersten Auftritt an der Vorrunde des Emergenza Bandcontests im Mai 2012 standen die Jungmusiker ein paar Monate später auf der Bamboo-Bühne des Gurtenfestival.

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Zurück in die Achtziger

Auf die junge Nachwuchsband aus der Hauptstadt folgt nach elf Uhr eine Band, deren Mitglieder schon so lange Musik machen, wie die Mitglieder der restlichen Bands alt sind. “The Order”, mit Frontsänger Gianni Pontillo aus Basel, sind eingefleischte Rockmusiker. Seit den Achtzigerjahren spielen die vier Herren die Art von Musik, welche sie auch am liebsten hören: Hard Rock. Die Riffs erinnern an Hair-Metal-Bands aus den Achtzigern, nur dass eben die langen Haare fehlen. Es ist ihr erster Auftritt seit einem halben Jahr, nachdem sie letzten August ihr viertes Album “1986” veröffentlicht haben. Und genau die Musik aus dieser Zeit lassen The Order wieder aufleben. Die Posen sitzen, der Sänger brilliert, die Gitarrensolos sind schnell und abwechslungsreich wie eine Achterbahnfahrt und trotzdem ist die Show in keinem Augenblick zu dick aufgetragen. Die Familienväter spielen aus Freude zur Musik und verzaubern damit die Besucher von jung bis alt. In dieser Band steckt die Power, die vielen Schweizer Bands fehlt.

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Frauenpower im Dreierpack

Zu vorgerückter Stunde neigt sich der Anlass langsam dem Ende zu. Ans Aufhören ist dennoch nicht zu denken. Schliesslich warten noch zwei Bands darauf, die Bühne zu stürmen. Darunter auch der eigentliche Hauptact des Abends: die “Velvet Two Stripes”. Die Messlatte liegt nach “The Order” entsprechend hoch. Werden die drei jungen Damen aus dem Raum St. Gallen überzeugen? Den Frauenbonus haben sie auf ihrer Seite, seit einem Jahr wird hin und wieder über das Trio berichtet. Doch dass nicht nur die Konstellation der Band speziell ist, sondern auch der Blues-Rock, den sie spielen, überzeugt. Statt einem Schlagzeug ertönt ein stampfender Drumcomputer. Dieser gibt das Tempo vor und verzeiht keine Fehler, lässt aber auch keinen Freiraum. Für manche mag der Klang der Band steril klingen. Man hört der Band die Einflüsse ihrer Idole an. Hier treffen die ungestüme Art von “The Dead Weather” und die verschnörkelten Gitarrenklänge der “Black Keys” aufeinander.

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Rock in Rot

Um einen würdigen Abschluss zu bilden, haben die Organisatoren des “Rock the Kufa” in die Trickkiste gegriffen. Morgens um ein Uhr steht eine Band auf der Bühne, die alles hat, um ein würdiges Schlussbouquet zu bilden. Die Rede ist von den “Red Shoes” aus Hünibach. Fünf Jungs aus einer verschlafenen Ortschaft bei Thun, die sich aufmachten, ihre Liebe zu Stromgitarren und rauem Gesang zu zeigen. Bereits ein Jahr nach ihrer Gründung im Jahr 2009 durften sie auf der Waldbühne des Gurtenfestivals spielen. Seitdem gab es einige Wechsel in der Band, der Sound ist geblieben. Ihre Mischung aus Blues-Rock, Country und Punk kommt gut an.

Bis zum Schluss harren die Leute aus und auch die Band zeigt keine Müdigkeit. Fazit: Ob vor, nach oder anstelle der Lysser Fasnacht, “Rock the Kufa” wird auch nächstes Jahr wieder für Furore sorgen.

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