Gesellschaft | 26.02.2013

Die Gassengötter üben die Revolution

Text von Martina Probst | Bilder von Oliver Hochstrasser
Auswärtige dürfen an der Basler Fasnacht nicht als "Offizielle" partizipieren. Die Antiquiertheit der konservativen Fasnachtspolitik nahmen die ortsfremden Gassegötter zum Anlass, das Fasnachts-Comité und die traditionalistischen Fasnachts-Gilden aufs Korn zu nehmen. Mit ihrem Revolutionsgehabe zogen die Tambouren im Narrenkleid die Aufmerksamkeit auf sich.
Die Gassegötter wenden sich gegen das konservative Fasnachts-Comité. Den fremdländischen Akzent im Trommeln kann der Laie kaum ausmachen. Auf dem Marktplatz haben die Gassegötter ihr Parteiprogramm unter die Leute gebracht. Ob sie nächstes Jahr als "Offizielle" am Umzug teilnehmen dürfen?
Bild: Oliver Hochstrasser

Bevor die Tambouren der Gassegötter den ersten Trommelregen über Basel niederprasseln liessen, machten sie ihrem Integrations-Anliegen in der Nacht zum vorangehenden Sonntag mit Worten Luft: sie plakatierten die Hausmauern im Umkreis des Marktplatzes mit einem Parteiprogramm, das für mehr Toleranz im Umgang mit “Auswärtigen” und “Wilden”, den nicht beim Comité gemeldeten Fasnächtlern, warb. Mit ihrem Sujet “(R)evolution2013 – GGP nach Basel” gaben sie ihrer Auffassung Ausdruck, dass es unverhältnismässig reaktionär sei, wenn in Zeiten grenzüberschreitender Migration noch immer an einer protektionistischen Integrationspolitik festgehalten werde. Auswärtigen ist es nämlich noch immer nicht erlaubt, aktiv an der Fasnacht mitzumischen. Und wenn schon die kilttragende Schotten-Clique als “Offizielle” am Cortège defilieren dürfen, obwohl sie als Fremdlinge verkleidet sind, so wollen die Gassegötter erst recht ins Bild der Basler Fasnacht integriert werden. Nicht als “Offiziell nit Offizielle” wie noch im letzten Jahr, sondern als voll anerkannte “fremdi Fötzel” – wie Auswärtige im Dialekt auch gerne genannt werden.

 

Nicht aus dem “Glaibasel Weschte”

Die Verfasser des Plädoyers sind Bilderbuch-Waggis wie sie im Fasnachtsbuch stehen. Engagierte Fasnächtler mit Leib und Seele, denen der Puls hochschlägt, sobald die Lichter am Morgenstraich um punkt vier Uhr ausgehen. Aber vor allem leidenschaftliche Tambouren, die das Kalbsfell ihrer Trommeln überstrapazieren: Die Hartgesottenen unter ihnen trommeln sich bereits an der Chesslete in Solothurn und der Glarner oder Berner Fasnacht warm, bevor sie nach Basel reisen. Darum mag es nicht erstaunen, wenn irgendwann ein Riss im Fell klafft. So geschehen bei Tambour Frei, der mit gut zwei Dutzend Fasnachtsteilnahmen und seinen 25 Jahren auf dem Buckel definitiv dem Kreis der Begnadeten angehört. Der Gründer der interkantonalen Tambour-Formation musste sein Instrument schon vor Fasnachtsbeginn zur Reparatur beim Trommelbauer in Kleinbasel bringen. Glück für ihn, dass er mit zwei weiteren Ersatztrommeln im Gepäck angereist war.

 

Rivalitätskämpfe zwischen Trommlern

Von derlei Zwischenfällen lässt sich die Fraktion ihr Fasnachtsglück nicht schmälern. Gehässig reagieren sie aber dann, wenn sie sich in ihrem Selbstverständnis als Spitzentrommler nicht ernst genommen fühlen. So behaupten die Gassegötter unter anderem, dass sie die pianissimi dermassen subtil zu trommeln vermögen, wie es keine andere Formation tut. Ihr selbsterklärtes Ziel ist dann auch das Trommeln in Perfektion. Trotzdem bleibt ihnen von einer Minderzahl von Einheimischen, die gerade dieses Selbstbewusstsein als Affront empfinden, die Anerkennung verwehrt. Womöglich mag auch diese Haltung einer unterschwelligen Ehrverletzung entsprungen sein: bevor die Wettkampftrommler in Basel auftauchten, bezeichnete sich ein Kreis eingeschworener Traditionalisten nämlich als “mit Abstand Weltbeste im traditionellen Basler Trommeln”. Weiterhin macht man von dieser Superlative Gebrauch; die “unbotmässigen Eindringlinge” tun es ihnen aber gleich.

 

Eine Fasnacht “uuf Prob”

Wer es mit der Trommeltechniken nicht so genau nahm – wie das gemeine Fussvolk, das dem Getrommel den fremdländischen Akzent beim besten Willen nicht heraushören konnte – liess sich von der hochenergischen Performance der eigensinnigen Revoluzzer elektrisieren. Dass sie in diesem Jahr “offiziell auf Probe” beim Cortège mitlaufen konnten, nahmen die Gassengötter dann aller Provokation zum Trotz auch als Privileg wahr. Denn mit dem ihnen erteilten Status sind sie ein Präzedenzfall, den es in dieser Form bisher nicht gegeben hat. Ob die Sujetkommission der Gassegötter es dem Comité zu verdanken weiss, oder ob man wiederum auf einen Anarchie-Ansatz setzen wird, wird die nächstjährige Ausgabe der Basler Fasnacht zeigen.