Kultur | 12.02.2013

Die Banalität des Bösen

Text von Anita Béguelin | Bilder von zvg
In ihrem neuen Film "Hannah Arendt" portraitiert die Regisseurin Margarethe von Trotta eine Philosophin, die ihrer Zeit voraus war und mit ihren Ideen auf Widerstände stiess.
Die Frau der Stunde: Hannah Arendt.
Bild: zvg

1960 wurde Adolf Eichmann vom israelischen Geheimdienst entführt und in Jerusalem vor Gericht gebracht. Als Organisationsleiter war er während der Zeit des Nationalsozialismus für die Deportation der Juden verantwortlich gewesen. Über den Prozess wurde weltweit berichtet. “The New Yorker” veröffentlichte eine Artikelserie, die grosses Aufsehen erregte. Geschrieben wurde sie von Hannah Arendt.

 

Dunkle Zeiten

Die Regisseurin Margarethe von Trotta hat nun einen Film aus der Geschichte gemacht. Im Zentrum steht aber nicht der Prozess selbst, sondern die Philosophin und Schriftstellerin Hannah Arendt (Barbara Sukowa). Es ist ein Portrait über eine Frau, die ihrer Zeit voraus war.

 

Hannah Arendt lebt mit ihrem Mann in New York, nachdem sie, selbst Jüdin, aus Europa geflüchtet ist. Eine Denkerin, die oft zusammen mit ihren Freunden über das politische Geschehen der Welt diskutiert. Als sie erfährt, dass Adolf Eichmann vor Gericht gestellt wird, schlägt sie der Zeitschrift “The New Yorker” vor, über den Prozess zu berichten. Ihr Mann Heinrich (Axel Milberg) fürchtet, sie könnte dadurch in die “dunklen Zeiten” zurückgeworfen werden, da sie selbst einige Zeit im Internierungslager Gurs in Frankreich verbrachte. Doch Hannah ist nicht umzustimmen.

 

Gewagte Stellungnahme

In Jerusalem trifft sie auf Kurt Blumenfeld (Michael Degen), der ein alter Freund und Vaterfigur zugleich ist. Für die Zuschauerin und den Zuschauer wird dadurch Hannahs Herkunft und ihre Beziehung zum Judentum deutlich. Ausserdem ermöglichen die Gespräche mit Kurt Blumenfeld während des Prozesses Hannah “denken zu hören”.

 

Die Diskussionen mit ihrem Freund werden mit der Zeit intensiver, denn Hannah äussert sich auf gewagte Weise über Eichmann. Er sei kein Monster, sondern bloss ein Bürokrat und ausserdem nicht einmal Antisemit. Er habe bloss die Gesetze befolgt, die während des Zweiten Weltkriegs herrschten. Bei einem Streitgespräch mit Kurt Blumenfeld sollte es nicht bleiben. Im weiteren Verlauf des Films schafft sich Hannah mit ihren Einschätzungen über Eichmann einige Feinde. Als ihre Artikel veröffentlicht werden, wenden sich sogar enge Freund von ihr ab.

 

Das Böse ist modern

Der Film greift ein wichtiges aber auch heikles Thema auf. Das aus den Reportagen entstandene Buch “Eichmann in Jerusalem” gilt heute als Hannah Arendts wichtigstes Werk. Sie beschreibt darin das moderne, radikale Böse, das nichts Dämonisches an sich hat. Sie nennt es die “Banalität des Bösen”. Margarethe von Trotta schafft es, dem Zuschauer zu vermitteln, was die eigentliche Aussage von Arendts Werk ist und zeigt gleichzeitig, weshalb es so oft kritisiert und missverstanden worden ist. Dabei geht sie auf die Persönlichkeit von Hannah Arendt und ihr gesellschaftliches Umfeld ein.

 

Deshalb springt der Film zwischendurch in die Vergangenheit und gewährt Einblicke in das Leben von Hannah Arendt als junge Studentin. Die Rückblicke werden aber nicht weiter vertieft und stehen deshalb etwas zusammenhangslos da. Alles in allem ist “Hannah Arendt” ein Film, den es sich zu anzuschauen lohnt. An der Aktualität des Diskurses um die “Banalität des Bösen” hat sich nämlich nicht viel geändert.

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