Kultur | 19.02.2013

Der perfektionierte Wahnsinn

Text von David Schneider | Bilder von zvg.
Das Stadttheater Biel-Solothurn zeigt mit Michael Frayns Stück "Der nackte Wahnsinn" die Geschichte einer Theatergruppe, welche zum Scheitern verurteilt ist. Im Stil der klassischen Farce herrscht in diesem Stück Hektik und Chaos. Doch schlussendlich ist es gerade dieser perfekte Inperfektionismus, der den Zuschauer und die Zuschauerin fesselt und unterhält.
Die ganze Theatergruppe ist einer Aufführung scheinbar nicht gewachsen.
Bild: zvg.

Mit dem 1982 uraufgeführten Stück “Noises off” (Der nackte Wahnsinn) feierte der englische Journalist und Schriftsteller Michael Frayn seinen grössten Erfolg. Die Komödie handelt von einer Theatergruppe, die selbst bei der Generalprobe einen Tag vor der Premiere keine Szene richtig hinkriegt und durch Intrigen und Liebschaften unter den Darstellern zu zerbrechen droht. Frayn orientierte sich bei dieser Geschichte an der damals beliebten Farce mit dem Ziel, die wenig anspruchsvolle Art von Theater zu parodieren. So entstand das extravagante und irrwitzige Stück “Der nackte Wahnsinn”.

 

Theater im Theater

Geduldig sitzt das Publikum in den ausverkauften Rängen des Bieler Stadttheaters. Sie warten gespannt auf den Beginn des Stückes. Und dieses läuft harmlos und geordnet an. Bis auf einmal eine Stimme aus den Publikumsrängen das Geschehen auf der Bühne unterbricht. Die Leute drehen sich um, eine angespannte Männerstimme drängt durch den Saal. “Stopp, stopp, das geht so nicht!”, schallt es der verdatterten Schauspielerin entgegen. Doch diese Zwischenrufe stammen nicht von einem Besucher, sondern vom Regisseur des Stücks “Nackte Tatsachen”, das den Rahmen bildet für das eigentliche Theater. Das Publikum ist Zeuge einer Theaterprobe eines sechsköpfigen Theaterensembles mit seinem genervten Regisseur.

 

Pannen und Patzer

Bereits die Einführungsszene will nicht sitzen. Dotty (Barbara Grimm) mimt ein verwirrtes Hausmädchen, deren Hausherr mit seiner Gattin vermeintlich nach Spanien gereist ist, um sich vor den Steuerbehörden zu verstecken. Sie verdreht Satz um Satz. Der Regisseur namens Lloyd (Max Merker) ist kurz davor zu platzen. Seit zwei Wochen ist die Theatergruppe ununterbrochen am proben, doch weder der Text noch das Timing sitzen. Kaum ist Dotty von der Bühne, stürzt ein junges Liebespaar ins Haus, der Immobilienmakler Garry (Matthias Schoch) und sein naiver, strohblonder Anhang Brooke (Miriam Strübel). Sie entpuppt sich auch neben ihrer Rolle als wenig geistreiches Blondchen und treibt den Regisseur mit ihrer Fragerei zur Weissglut.

 

Sünden und Intrigen

Die Proben gehen weiter und scheinen gut zu verlaufen, doch auf einmal läuft alles aus dem Ruder. Der Regisseur springt auf und ruft den Schauspielern zu: “Und Gott sah zu und es war scheisse.” Die Regieassistentin Poppy (Judith Cuénod) muss antraben und auch der Techniker namens Tim (Lou Elias Bihler) bekommt eine Standpauke. Die Proben werden zur Zerreissprobe. Manche sind seit zwei Tagen wach, die Assistentin fühlt sich vom Regisseur hintergangen – er hat während den zweiwöchigen Proben fast sämtliche Darstellerinnen verführt– und von einem Darsteller, Seldson (Günter Baumann), fehlt jede Spur. Als der verschollene Trunkenbold doch noch auftaucht, geht der erste Akt zu Ende.

 

Wahnsinn hinterm Bühnenbild

Dem zweiten Akt des Stücks geht ein aussergewöhnlicher Bühnenumbau voraus. Das Bühnenbild um 180 Grad gedreht, sieht der Zuschauer nun wortwörtlich hinter die Kulissen. Was folgt ist Situationskomik vom Feinsten. Die Hauptpremiere steht bevor, doch hinter der Bühne sieht es überhaupt nicht aus, als würde es überhaupt zu einer Aufführung kommen. Die Schauspielerinnen und die Assistentin geraten aufgrund ihrer gemeinsamen Liebe zum Regisseur aneinander, der alkoholabhängige Seldson ist erneut nicht aufzufinden und als wäre das nicht genug, hat sich Dotty in der Garderobe eingesperrt. Mit Verspätung beginnt das Stück dennoch. Doch das Publikum sieht das sich anbahnende Chaos hinter der Bühne. Keiner ist an seinem Platz, jeder will dem anderen an die Gurgel. Das Stück wird zum Showdown der Gefühle.

 

Organisiertes Chaos

Was die Schauspieler dem Publikum hier bieten ist rasante Bühnenaction, wie man sie in diesem Ausmass selten zu sehen bekommt. Die nervenaufreibende Achterbahnfahrt durch Hass, Liebe, Witz und Chaos reisst die Zuschauerin und den Zuschauer mit. Obwohl der Part hinter der Bühne fast ohne Worte auskommt – es gilt: Ruhe während der Vorstellung – werden Lacher im Sekundentakt geboten. Bei solch einem Treiben auf der Bühne mag es vorkommen, dass der Zuschauer kaum weiss, wohin er oder sie blicken soll. Die Übersicht geht jedoch nicht verloren. Die Endsequenz zeigt die Dernière des Stücks um das mittlerweile völlig lustlose Ensemble. Ihre Vorführung artet zur improvisierten Gaunerei aus, bis nichts mehr bleibt, ausser aufzuhören. Das Bühnenlicht geht aus, alles hat wie geplant nicht geklappt. Das Publikum applaudiert energisch, während die sichtlich erschöpften Darsteller vor die Leute treten. Das Dargebotene war der Wahnsinn. Der nackte Wahnsinn.