Sport | 01.02.2013

Das gescheiterte China-Experiment

Text von Simon Scheidegger | Bilder von Pixelio.de
Das Reich der Mitte verliert seine Fussballstars: Didier Drogba, der Stürmer von der Elfenbeinküste, der im letzten Jahr mit Chelsea noch die Champions League gewonnen hatte, kehrt von Shanghai Shenhua nach Europa zurück und unterschreibt bei Galatasaray Istanbul. Und Nicolas Anelka, der beim Team aus dem Osten Chinas zeitweise als Spielertrainer amtete, unterschreibt beim italienischen Meister Juventus Turin bis Ende Saison.
Die neue Heimat von Didier Drogba: Istanbul.
Bild: Pixelio.de

Ist dies das Ende von Engagements alternder Fussballstars in China? Der chinesische Fussball ist ja wahrlich nicht der bekannteste, die chinesische Fussballnationalmannschaft hat 2002 das bisher erste und einzige Mal mit mässigem Erfolg an einer Fussballweltmeisterschaft teilgenommen, und bei der Asienmeisterschaft hat die Auswahl von José Antonio Camacho die zweiten Plätze aus den Jahren 1984 und 2004 als einsame Highlights vorzuweisen.

 

Sportliche Erfolge blieben aus

Bereits als sich Drogba und Anelka für ein Engagement in China entschlossen – dies nach äusserst erfolgreichen Karrieren in Europa – wurde gemeinhin vermutet, dass die Motivation für einen Wechsel in die Fussballprovinz hauptsächlich von immensen Lohnsummen herrührt. Und diese Theorie kann nur schwer widerlegt werden, denn in der Ära Drogba-Anelka klassierte sich Shanghai Shenhua auf dem 9. beziehungsweise 11. Platz und blieb somit weit hinter dem Meister aus Guangzhou zurück, was für erfolgsverwöhnte Fussballer wie den Ivorer und den Franzosen Neuland bedeutete. Zur Erkundung waren sie wohl nicht mehr bereit.

 

Beide verdienten pro Jahr etwa 11 Millionen Euro. Bei solchen Löhnen ist es kein Wunder, dass irgendwann das Geld der Arbeitgeber knapp wird. Und wenn der anfängliche Hype unter den Chinesen abnimmt, verliert das vermeintliche Erfolgsprojekt schnell an Attraktivität, nicht nur für die Spieler, sondern auch für die Mäzene. Auch in Europa verdienen sich Spitzenfussballer bekanntlich eine goldene Nase: der vierfache Weltfussballer Lionel Messi verdient 12 Millionen Euro im Jahr, sein ärgster Rivale Cristiano Ronaldo auch. Ein weiterer Topverdiener ist Zlatan Ibrahimovic von Paris St. Germain mit einem Salär von etwa 14 Millionen Euro.

 

Überschuldung verhindern?

Doch was ist nun der Unterschied zwischen China und Europa im Finanzieren von teuren Fussballern? Investoren bei europäischen Grossklubs scheuen offenbar nicht davor zurück, sich zu verschulden: Real Madrid und der FC Barcelona sind in der Höhe von 320 Millionen, beziehungsweise 202 Millionen Verschuldet. Trotzdem finden in regelmässigen Abständen wieder Fussballer den Weg zu den Spanischen Branchenkrösussen. Auch Paris St.Germain, das nach der Übernahme durch den katarischen Oligarchen Nasser Al-Khelaifi zu plötzlichem Reichtum fand, schreibt rote Zahlen. Malaga, Manchester City, Chelsea: die Liste könnte problemlos erweitert werden.

 

Die chinesischen Investoren scheinen sich dagegen noch vor der Überschuldung zurückzuziehen und das Projekt “Altstar holen – Fussball populär machen” zum Misserfolg zu erklären. In der Tat ist nicht abzusehen, dass in naher Zukunft wieder ein arrivierter Fussballer nach China wechselt. Den Herbst ihrer Karriere verbringen sie eher in den Arabischen Emiraten, den USA oder Australien. Oder im Fall von Gennaro Gattuso sogar die Schweiz, beim FC Sion.

 

Die Abgänge von Anelka und Drogba verdeutlichen einmal mehr die Macht des Geldes im Fussballgeschäft und lassen China wissen: Um in der Mitte der Fussballwelt zu sein braucht es nicht nur, aber hauptsächlich eine Menge Geld – und die Bereitschaft zu grossem geschäftlichem Risisko.