Kultur | 01.02.2013

Das Aquarium und die Liebe

Text von Céline Graf | Bilder von zVg.
Es ist eine künstliche Welt, eine Illusion, ein Gefängnis, ein Projektionsbecken für Emotionen, eine Ruhequelle: das Aquarium. In der Upcoming Talents-Reihe hatte der Glaskasten gleich in drei Kurzfilmen einen Auftritt. Drei mal 20 Minuten berührende Geschichten von jungen Schweizer Filmemachern.
Im Aquarium spiegelt sich die schummrige Atmosphäre des Drehorts von "Entre les passes" wieder. In "Traumfrau" verschwimmen Grenzen zwischen Realität und Fiktion. Tim auf der Suche nach der Liebe in "L'amour bègue".
Bild: zVg.

Der Dokumentarfilm “Entre les passes” beginnt mit einem Blick ins Aquarium. Eine junge Frau fährt mit dem Finger der Scheibe entlang und benennt die Fische. Die Namen, die sie den Fischen gibt, gehören Bewohnerinnen des Bordells, in dem das Aquarium steht. Im Dunkeln schimmern orangefarbene Fische – in der künstlichen Unterwasserwelt spiegelt sich die schummrige Atmosphäre der Umgebung. Die Freiburger Filmstudentin Myriam Rachmuth hat mit der Handkamera zwei Rumäninnen in den Pausen zwischen der Arbeit im Bordell begleitet. So ist auch der Filmtitel zu verstehen: “Passes” bedeutet auf Französisch umgangssprachlich “Nummern”, bezahlter Sex.

 

Mit der Prostitution müssen die jungen Frauen ihre Familien zu Hause über Wasser halten. Die eine Frau wurde von ihrem Bruder verkauft, die andere hat sich an einer Universität eingeschrieben, ist aber nie hingegangen, wie wir erfahren. Die Regisseurin spricht Rumänisch und agiert vielmehr als Vertraute denn als neutrale Beobachterin der beiden Hauptdarstellerinnen. “Warum darf ich dich filmen? Macht dir das nichts aus?”, fragt Myriam Rachmuth. Sie hätten nichts zu verbergen, sie wollten auch kein Mitleid, konstatieren die Frauen. Hier ein trotziger Blick in die Kamera, da ein trauriges Lachen.

 

Die Angst vor der Zukunft und die Hoffnung auf ein besseres Leben gehen in diesem intimen, aber nie voyeuristischen Porträt Hand in Hand. Auch dann, als auf einem Ausflug an die frische Luft am Genfersee eine Ahnung von Freiheit aufkommt.

 

 

Puder für die Puppe

In der ersten Einstellung von “Traumfrau” verdeckt der Ausschnitt eines Aquariums drei Viertel des Bildes. Im Hintergrund bleibt die Wohnung unscharf. Die Kamera beobachtet den Bewohner dieser Einöde aus weissen Wänden und kalten Möbeln aus Distanz. Langsam nähern wir uns dem Mann um die 40. “Jenny hat mir so klar gezeigt”, sagt eine Männerstimme aus dem Off, “dass sie mit mir zusammen sein möchte”. Er sei froh, jetzt mit Jenny aus der Burnout-Falle raus zu sein und emotional wieder ein ordentliches Leben führen zu können.

 

Sie möchte? Emotional ordentlich? Die ersten Worte lassen aufhorchen. Denn die Frau, mit welcher der Mann Wohnung und Bett teilt, ist eine Sexpuppe aus Silikon. Im Rollstuhl fährt er sie von A nach B, nach dem Baden pudert er sie zärtlich ein, zieht ihr Dessous an und kämmt ihr vorsichtig die Haare. Dabei flüstert er seinem “Schätzchen” Liebeserklärungen ins Ohr.

 

Der Dokumentarfilm, mit dem der Berner Regisseur Oliver Schwarz 2012 den Berner Filmpreis gewonnen hat und dieses Jahr an die Berlinale fahren darf, überrascht durch die Widersprüche zwischen Äusserem (Bild) und Innerem (Off-Stimme) des Porträtierten. Wie die Grenzen zwischen Aquarium und Umgebung verschwimmen in “Traumfrau” die Grenzen zwischen Realität und Fiktion. Obwohl der Mann teilweise in einer Fantasiewelt lebt, sagt die Männerstimme ziemlich vernünftige und interessante Dinge. Natürlich wisse er, dass Jenny keine lebendige Person ist. Aber “es geht ums Gefühl”, erklärt er, für ihn habe Jenny eine Ausstrahlung. Wenn allerdings die reale Traumfrau doch einmal vor seiner Türe stehen sollte, dann müsste er “halt mit Jenny darüber reden”.

 

 

Stotternde Fische

Flirten an sich grenzt ja schon fast an eine Kunst. Für Tim, die Hauptfigur im Film “L’amour bègue” von Jan Czarlewski ist es eine richtige Mutprobe, eine Frau anzusprechen. Er stottert nämlich stark und wenn er aufgeregt ist, bringt er überhaupt kein ganzes Wort mehr über die Lippen. Doch bei Victoria, die er beim Boxen kennenlernt, gibt er so schnell nicht auf.

 

Das klingt nach einer etwas banalen Liebesgeschichte mit Happy End. Was der Film zwar auch bietet, aber das gönnt man dem sympathischen jungen Mann (Olivier Duval) sowieso. Mit Feingefühl betrachtet wird indes das Problemduo Stottern/Flirten. So ist Tim wegen des Sprachfehlers keineswegs ein Aussenseiter. Alle Frauen, mit denen er zu flirten versucht, reagieren mit Geduld, Verständnis oder auch Neugier.

 

Doch Tim selbst nervt sich über das Stottern, was ihn wiederum noch mehr blockiert. In der Szene, wo ein Aquarium vorkommt, wird dies deutlich: Tim sitzt mit einer pummeligen Nachhilfeschülerin auf dem Bett. Sie bemerkt, dass sie die Fische mag. Er meint, “irgendwer muss sie ja mögen”, er nehme sie kaum noch wahr. Der eine Fisch – Tim zeigt auf einen Fisch und imitiert dessen Mundbewegungen – stottere übrigens auch. Sie findet Tims Humor charmant, während er unsicher bleibt.

 

Niemand ist perfekt, so lautet die simple Botschaft von “L’amour bègue”, die bei Tim erst während dem Rendez-vous mit Victoria ankommt. Und schon ist er es, der für Entspannung sorgt.