Sport | 11.01.2013

Winterspiele 2022 in St. Moritz und Davos

Text von Ursina Dorer | Bilder von Katharina Good
Die Kandidatur der Schweiz als Gastgeber für die Olympischen Winterspiele 2022 ist stark umstritten. Während das Bündner Parlament und der Bundesrat sich positiv gestimmt zeigen, ist die Skepsis im Volk, insbesondere unter Bündnerinnen und Bündnern, gross.
Am 3. März wird in Davos und St. Moritz darüber abgestimmt, ob die Olympiakandidatur finanziell unterstützen werden soll.
Bild: Katharina Good

Den Zusammenhalt im ganzen Land wieder stärken, eine Antwort auf die Suche nach der nationalen Identität geben; was lange versucht wurde, könnte mit den Olympischen Winterspielen vielleicht endlich gelingen. London hat gezeigt, wie das Olympia-Fieber Euphorie und Stolz im ganzen Land verbreiten kann. Viele sind sich einig: wenn in der Schweiz wieder einmal alle auf ein gemeinsames Ziel hinarbeiten würden wäre viel geholfen.

 

Massentourismus oder Naturidylle

“Ein solches Projekt würde der Schweiz enorme, weltweite Publizität bringen”, sagt Christian Gartmann, Mediensprecher des Komitees “Ja zu Graubünden 2022” begeistert. Solche Publizität brächte neue Gäste ins Ferienland Schweiz, was dem Tourismus zum neuen Aufschwung verhelfen könnte. Dieser befindet sich momentan aufgrund des starken Frankens in einer äusserst schwierigen Situation. Ebenfalls profitieren würde der Schweizer Sport im Allgemeinen.

 

Unklar ist jedoch, wie weitgehend und langfristig diese positiven Auswirkungen wären. Silva Semadeni, Nationalrätin, Präsidentin von ProNatura Schweiz und dem Komitee “Olympiakritisches Graubünden”, ist kritisch: “Solche Impulse in Richtung Massentourismus werden nicht gebraucht. Viel wichtiger ist ein Tourismus, der im Einklang steht mit der Natur, der Landschaft und der vielfältigen Kultur der Schweiz und des Kantons Graubünden im Speziellen.”

 

Drohendes Milliardenloch oder Heilmittel für Wirtschaft

Der Event würde voraussichtlich mehr als drei Milliarden Franken verschlucken. Dies ist eine grosse Summe Geld, von der ein nicht kleiner Teil vom Schweizer Bürger in Form von Steuern finanziert würde. Semadeni gibt zu bedenken: “Die Olympischen Spiele haben gigantische Ausmasse angenommen. Der Kostenaufwand für die öffentliche Hand und das Defizitrisiko sind zu gross. Das Beispiel Vancouver hat diese Gefahr bestätigt: bei der Durchführung wurde fünfmal mehr ausgegeben als zuvor budgetiert.”

 

Einige Ökonomen machen jedoch immer wieder darauf aufmerksam, wie wichtig es sei, dass viel Geld zirkuliere, um einer möglichen Rezession entgegenwirken zu können. Eine Grossinvestition wie Olympia könnte also der Weg zum Ziel sein.

 

Olympia und Ökologie: Kritiker warnen

Umweltorganisationen wie ProNatura Graubünden warnen neben der Verschuldung von Langzeitfolgen, insbesondere im Bereich Umwelt und Ökologie: es müssen mit unerwünschten Eingriffen in die Natur der wohlbehüteten Alpenregionen gerechnet werden. Auf der Homepage des Befürworter-Komitees wird entgegengesetzt, dass sich dank den bereits gut erschlossenen Regionen und den vielen schon vorhandenen Anlagen, die genutzt werden können, grosse Bauunterfangen vermieden werden können. Es ist geplant Gebäude, welche nach der Austragung keinen Nutzen mehr finden würden, nur temporär zu bauen. Gartmann betont: “Alle Bauten sowie das Verkehrskonzept sind ökologisch konzipiert und ökologisch abgeleitet. In Graubünden sind Olympische Spiele im Einklang mit der Natur so gut machbar, wie kaum sonst an einem Ort in der Welt.” Dennoch sehen Kritiker grosse Probleme bei der Umsetzung dieses Planes. Besonders skeptisch zeigt sich laut ersten Umfragen ein Grossteil der Anwohner von Davos, wo voraussichtlich das Olympische Dorf zu stehen käme.

 

Die Ärmsten verlieren

Gemahnt wird auch vor den grossen Belastungen, denen die Bevölkerung aufgrund der Sicherheitsvorkehrungen, die bei einem solchen Massenevent getroffen werden müssen ausgesetzt würde. Zu bedenken ist ebenfalls, dass es meist die Ärmsten sind, welche die negativen Auswirkungen am stärksten zu spüren bekommen. In Vancouver zum Beispiel wurde das Olympische Dorf auf Kosten einer Siedlung für Obdachlose gebaut.

 

Volk entscheidet über Kandidatur

Das Komitee “Ja zu Graubünden 2022” lässt sich aber nicht entmutigen: “Wir müssen in den Kritikpunkten vielmehr eine Herausforderung und Chance sehen, es besser zu machen als unsere Vorgänger. Es ist uns wichtig, ein Zeichen zu setzen, dass die Schweiz auch als kleines Land zu Grossem fähig ist.” Doch bis zur entscheidenden Abstimmung am 3.März 2013 bleibt viel Arbeit, sowohl für das Ja- wie auch für das Nein-Komitee. Dann wird im Kanton Graubünden und in den Austragungsorten St. Moritz und Davos einzeln über die finanziellen Beiträge an die Olympia Kandidatur entschieden. Es wird sich zeigen, ob eine Mehrheit der Bevölkerung überzeugt ist, dass Graubünden auch wirklich gewinnt, wie der Werbeslogan des Befürworter-Komitees verspricht.