Kultur | 29.01.2013

“Poesie ist alles, was daneben steht”

Text von Martina Probst | Bilder von Martina Probst
Im Rahmen des Lyrikfestivals Basel strömten dieses Wochenende Wortkünstler und Lyrikbegeisterte in die Literaturstadt am Rheinknie. Wer sich dem winterlichen Biswind aussetzte, wurde auf einem lyrischen Rundgang unter der Leitung von Martina Kuoni zu den Schaffens- und Inspirationsorten von Basels Dichtern geführt. In Anekdoten und Reminiszenzen erfuhr man Erstaunliches über die Poeten, von denen manchen ein Denkmal gesetzt wurde, während andere zeitlebens verkannt blieben. Alle huldigten sie aber der Sprache, wie es nur Menschen können, die die Wirklichkeit mit dem semiotischen Skalpell seziert haben.
Martina Kuoni führt engagiert durch den Rundgang. Der Ritterhof, wo Rainer Maria Rilke gastierte. Eine Figur der Zschokke-Brunnenplastik zeigt Stefan George.
Bild: Martina Probst

Kein Dichterheer, aber doch eine ansehnliche Reihe namhafter Schreiberlinge hat der Stadt am Rheinknie schon ihren Besuch abgestattet: Die klingenden Namen reichen von Dickens, Rilke und Dürrenmatt bis Kaschnitz, Sartre und Mann. Für letzteren war Basel nicht mehr als ein Zwischenhalt auf der Flucht vor dem Nationalsozialismus. Thomas Mann, der sein Haupt zeitlebens auf seine Münchner Seidensteppdecke gebettet hatte, kehrte Deutschland den Rücken zu, als die Nationalsozialisten ihn um jeden Schlaf gebracht hatten. Als sich der grosse deutsche Dichter mit der niederdrückenden Vorstellung abgefunden hatte, seine Existenz anderswo aufzubauen, reiste er in die Schweiz, quartierte sich im Grand Hotel Trois Rois ein und ging auf Hausbesichtigung. Auch wenn er sein neues Heim am Zürichsee finden sollte, liess er sich später zur Bemerkung hinreissen, dass er sich in Basel wie auf heimischen Boden habe bewegen können, und blieb der Stadt verbunden.

 

Poesie, die der Halbwelt entspringt

Für den weitgereisten Rainer Maria Rilke war Basel ebenfalls mehr als eine Durchgangsstation: hier verschaffte er sich Zugang zu den vermögenden Kreisen, fand seine Gönner und hielt im Stadtcasino Lesungen vor einem frenetischen Publikum. Im Ritterhof beim St. Albans-Graben erhielt er Gastrecht und empfing tagsüber seine Gäste, nachtsüber machte er sich auf zu eigentümlichen Visiten, die ihn mal zu Frauenzimmern, mal zu spiritistischen Sitzungen führten, wie sie damals in Mode waren. Dort bewies die geladene Eminenz ihren Sinn fürs Übersinnliche, indem sie Rosen im freien Raum zum Schweben brachte – eine Erfahrung, die den Poeten in seinen Grundfesten dermassen erschütterte, dass er sie später in einem Sonett verarbeiten sollte (“Blume, ihr schliesslich den ordnenden Händen verwandte…”). Nicht auszuschliessen ist, dass die metaphysische Erfahrung weniger auf Rilkes’ Qualitäten als Medium als auf Medikamenteneinfluss gründete: sowohl Morphium als auch Kokain fanden in jenen Tagen in der Psychotherapie breite Verwendung und wurden als Stimulantien zur “Erforschung des Unbewussten” eingesetzt. Diese Episode führt vor Augen, was in manchen Künstlerexistenzen wohl schwierig zu trennen ist: Arbeit und Rausch reichen sich die Hand, die Vernebelung der Sinne wird zur erkenntniserweiternden Quelle der Wortproduktion.

 

Poesie, die den Kneipen und dem Wein ein Lied singt

Ein Zeugnis davon gibt das Werk Rainer Brambachs, einem anderen Namen, der mit der Stadt Basel und ihren Kneipen verbunden ist. Seinen 1974 vorgelegten Band “Kneipenliedern” ist folgendes Gedicht zu entnehmen: “Ein Fernrohr ist uns manchmal unser Glas, und wenn wir daraus trinken, sehen wir weit.” Ein zweizeiliges Poem, das nicht von Gedankenarmut eines alkoholvergifteten Trunkbolds zeugt, sondern von dem Bemühen, nicht bloss das Elementare der Welt ins Auge zu fassen, sondern die Gegenständlichkeit des Gegebenen zu überwinden, um das Dasein in seinen untergründigen Strömungen zu erfassen. Im Fall Brambachs spielte sich derlei Sinnieren oft in den verrauchten Kneipen der St. Alban-Vorstadt ab. Dort gönnte er sich ein Feierabendbier, nachdem er von seiner Arbeit als Gärtner und Torfstecher mit dem Fahrrad zurückgekehrt war und sich dann dem Zechen zuwendete, das in lyrisches Feinhandwerk erster Güte ausarten konnte. Besonders beeindruckend liest sich sein weinseliger Beschrieb einer Beizentour: “Wer im Narrenkleid steckt/ und in der Frühe/ querpfeiffend heimkehrt/ sieht den Mond als geblähte/ Schweinsblase”. Welch feinsinnige Unsentimentalität, die in diesem verbalen Vandalismus zum Ausdruck kommt! Da hat jemand zum Mond heraufgesehen und ihn nicht als Laterne wahrgenommen, die am Himmel thront und ihr Butterlicht zur Erde wirft. Und in diesem Sehen eine anstössige Metapher geschaffen, die von einer Wahrnehmung aus Welt- und Lebenserfahrung spricht.

 

Mit dem Kopf durch die Wand, weil die Wirklichkeit dahinter liegt

Eine derartige Beobachtungsgabe, die eine unter den Oberflächen der Dinge liegende Wahrheit zu Tage gefördert hat, blitzt auch im schmalen Gedichtband des jungverstorbenen Manfred Gilgien auf. Der Dichter, der den Baslern höchstens noch als Clochard ein Begriff ist, begehrte in den Studentenrevolten der 60er-Jahre gegen das biedermännische Gutbürgertum auf und setzte seine Rebellion auch dann noch fort, als die Parolen gegen althergebrachte gesellschaftliche Normen längst wieder abgeflaut waren. Als ewiger Rebell verwehrte sich Gilgien der Lohnarbeit und führte ein Mansardenleben in Kleinbasel, das ihn an den Rand der Vereinsamung brachte. Der Alkoholsucht schon früh verfallen, betrieb er nicht nur Raubbau an seinem Körper, sondern auch an seiner aussergewöhnlichen geistigen Gabe. Er schreibt: “Literatur ist ein Produkt des Mangels: etwas fehlt in der Wirklichkeit: dieses ETWAS rutscht sehr oft in den Körper ab./ Ich habe Wein getrunken und spreche daher in Rätseln./ Man möge es mir verzeihen.” Diejenigen, die in den Genuss seiner Gabe gekommen sind, werden ihm so manches nachsehen: erhebt er doch das bodenebene Irdische mit seiner Erkenntniskraft ins lyrisch Kosmische, das durch seine Sprache erst greifbar wird – und macht Basel so zum Schoss des Weltalls.

 

 

Info


Martina Kuoni führt Interessierte durchs ganze Jahr auf literarischen Rundgängen zu bedeutenden Orten von Basels Dichtern.

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