Gesellschaft | 22.01.2013

Oh du liebes Geld

Text von Veronika Henschel | Bilder von Tobias Söldi
Man glaubt es kaum: Tatsächlich liegt schon wieder ein Umschlag in meinem Briefkasten, diesmal mit dem schicken Stempel "Kanton St. Gallen" darauf. Eigentlich fehlt nur noch die Zustimmung des Kantons, damit ich Schweizerin bin - halte ich etwa den Willkommensbrief der Eidgenossenschaft in der Hand?
Das Motto bleibt dasselbe: Weiter warten, weiter sparen.
Bild: Tobias Söldi

Im vorigen Teil der Serie “Ich lasse mich einbürgern” schrieb ich von einem ewigen Kreislauf: Ein Brief kommt, ich überweise eine Menge Geld, ich warte, es landet wieder ein Papierstapel  im Briefkasten, ich fülle den Einzahlungsschein aus und dann beginnt wieder alles von vorne. Auch das neue Jahr hat diesen Kreis nicht durchbrochen. Gleich als erstes schicken mir die Beamten des Kantons ein Papierchen. Betreff: “Rechnung für die Erteilung des Kantonsbürgerrechts”. Heisst das, ich habe jetzt das Kantonsbürgerrecht? Dann wäre ich nämlich endlich Schweizerin! Zur Erinnerung: Gemeinde, Kanton und Bund müssen dem Einbürgerungsgesuch zustimmen, damit ich mich Eidgenossin nennen darf. Gemeinde und Bund haben das in meinem Falle schon getan, nun fehlt einzig das Ja des Kantons.

 

Fette Worte

Unter der Betreffzeile folgt ein Text mit Paragraphen, Artikeln und folgenden fett gedruckten Wörtern: im März, 450.-, bis spätestens 03. Februar 2013. Kein Willkommensbrief also. Keine Erteilung des Kantonsbürgerrechts. Wie konnte ich auch nur denken, ein Brief mit dem Wort “Rechnung” im Betreff könnte etwas Gutes bedeuten? Ich soll den genannten Betrag von 450 Franken bis Anfang Februar einzahlen, damit die Regierung des Kantons St. Gallen im März einen Blick auf mein Gesuch werfen kann. Es folgt eine freundliche Drohung: Sollte mir eine Zahlung innert der Frist nicht möglich sein, kann das Einbürgerungsgesuch leider nicht behandelt werden. “Eine prompte Überweisung des Betrags trägt deshalb in Ihrem Interesse zur fristgerechten Erledigung Ihres Einbürgerungsgesuchs bei.” Der Brief endet mit der Information, dass ich schriftlich auf dem Laufenden gehalten werde. Praktisch, da können sie immer gleich einen Einzahlungsschein mit hinein legen.

 

Weiter wie gehabt

Bei nochmaligem Durchlesen sticht mir ein Wort ins Auge – so, dass es weh tut: Kostenvorschuss. Die hier genannten Gebühren seien ein Kostenvorschuss. Welcher Betrag wird wohl auf einen Vorschuss von 450 Franken folgen? Zur Erinnerung: Ich bin Studentin!

 

Auch das Wort “fristgerecht”  irritiert mich. Welche Frist? Ich habe nirgendwo von einer mein Einbürgerungsgesuch betreffenden Frist gelesen oder gehört. Stets hiess es, der Prozess könne sich über Wochen, Monate oder Jahre hinziehen. Es ärgert mich, dass die Frist für die Einzahlungvon sogar fett gedruckt ist und konkret genannt wird, die ihre aber einfach mit dem Wort “fristgerecht” abgetan wird und somit ohne Datum, also schwammig bleibt.

 

Was soll’s. Einmal mehr wird eingezahlt, einmal mehr wird gewartet. Der nächste Brief, hoffentlich mit dem Betreff “Erteilung des Kantonsbürgerrechts”, kommt bestimmt. Die nächste Rechnung auch. Das Motto bleibt also, wie schon seit über einem Jahr: weiter warten, weiter sparen.

 

 

Zur Autorin


Veronika Henschel ist zwanzig Jahre alt. Sie lebt und studiert in Basel. Als Kind deutscher Eltern ist sie mit neun Jahren in die Schweiz gezogen. In der Ostschweiz zur Schule gegangen, spricht sie zwar breitesten Toggenburger Dialekt, hatte aber bis anhin nicht die Schweizerische Staatsbürgerschaft inne. Auf Tink.ch berichtet sie in einer losen Serie von ihren Erfahrungen im Umgang mit den Behörden, der Schweiz und mit sich selber. Dies ist der achte Teil dieser Serie.