Kultur | 14.01.2013

Neuer Blick auf altbekannte Kunst

Text von Tobias Söldi | Bilder von Katharina Good
16 junge Schreibende, Studierende und Kunstschaffende werfen in der eben veröffentlichten Textsammlung "Intervention #1" einen erfrischend anderen und persönlichen Blick auf Kunstwerke, die in Basler Museen zu sehen sind. An der Buchvernissage konnte man einen Einblick in das Buchprojekt gewinnen. Das kleine Büchlein eigent sich so als alternativer Museumsführer.
Patricia Jäggi (links) und Sarine Waltenspül haben "Intervention #1" herausgebracht. Zwischen Philosophie, Literatur und Performance: Christian Mueller Sophie Bürgi hat sich einem Bild von Hodler gewidmet.
Bild: Katharina Good

Interveniert wird in erster Linie gegen festgefahrene Sichtweisen auf Kunstwerke: “Man soll einen neuen Blick auf ein Werk werfen”, meint Patricia Jäggi, die zusammen mit Sarine Waltenspül das Buch herausgegeben hat. Es gehe daher auch nicht um einen wissenschaftlichen Zugang, wie es die beiden vom Studium der Kunstgeschichte her kennen, sondern um die ganz eigene, auch persönliche Sicht auf ein Kunstwerk. Sowohl Kunstkennern als auch Neulingen eröffnen die Beiträge daher oft ganz neue Perspektiven auf altbekannte Kunstwerke.

 

Experimentelle Formen

Interveniert wird auch gegen konventionelle Textformen: Da gibt es zum Beispiel den Beitrag von Christoph Brünggel, der seine Musik-Performance zu einem Werk von Robert Rauschenberg für die Publikation visualisiert hat. Man sieht übereinandergezeichnete Linien, die die musikalische Bewegung wortwörtlich nachzeichnen. Christian Muellers Text ist Teil einer Performance, die er an der Buchvernissage aufführt: Auf der Flipchart illustriert er seine philosophischen Überlegungen zur Frage, was denn heute Kunst sei. Buchstaben, Wörter und Sätze dürfen gerne auch einmal über die ganze Seite verstreut sein und eigene Bilder formen. Yannette Mesheshas Beitrag zu einem Bild von Le Corbusier mit dem sperrigen Namen “Femme couchée, cordage et bateau à  la porte ouverte” von 1935 ahmt Geräusche nach. Das liest sich dann etwa so: “Rassel. Klok. – erschrockenes Einatmen – Was war das? Da war ein Geräusch. Ist das ein Geräusch? Kliklaklok.”

 

Ursprünge an der Uni

Geboren wurde die Idee zu diesem Projekt am kunsthistorischen Seminar der Universität Basel. Angeregt durch eine Veranstaltung, an der das Schreiben vor Originalen geübt werden sollte, entstand die Idee, mit Studenten und Studentinnen eine Schreibwerkstatt zu starten. Fünfzehn Studierende beschäftigten sich dort intensiv mit einem Kunstwerk ihrer Wahl und arbeiteten während einem Semester an ihren Texten.

 

Nun konnten fünf ausgewählte Texte der Studierenden zusammen mit weiteren Beiträgen von Autoren und Künstlern im Hungerkünstler Verlag veröffentlicht werden. Passend zum Alter der Schreibenden, das etwa zwischen 25 und 30 Jahren liegt, steckt auch der Verlag noch am Anfang seiner Karriere: “Intervention #1” ist die vierte Publikation.

 

Unterschiedliche Zugänge

Zwei Studentinnen, Sophie Bürgi und Yanette Meshesha, durften an der sehr gut besuchten Buchvernissage im Saal der Allgemeinen Lesegesellschaft Basel ihre Beiträge vorlesen. “Es ist spannend, wie unterschiedlich die Zugänge zu einem Bild sein können”, meint Bürgi zum Buchprojekt. Besonders positiv haben beide auch die Diskussionen, den Austausch, das gegenseitige Feedback, das Nachdenken und das Fragen im Rahmen der Schreibwerkstatt in Erinnerung.

 

Die Verschiedenheit der Zugänge wird auch in der Publikation deutlich. Einige Texte halten sich eng an das Bild, andere wagen sich viel weiter weg. Manchmal wird das Bild zum Ausgangspunkt für fiktive Geschichten oder für Reflexionen. Oder es ist Ausgangs- und Fluchtpunkt, wenn sich der Schreibende stärker am Bild orientiert und der Beitrag eher einer klassischen Interpretation ähnelt. “Das Verhältnis zwischen Bild und Text ist sehr vielschichtig”, meint auch Waltenspül. Überrascht stellt man fest, was für Gedanken, Assoziationen und Emotionen ein Werk bei der schreibenden Person ausgelöst hat – und wie unterschiedlich, aber auch übereinstimmend, diese im Vergleich mit den eigenen Ideen sein können.

 

Inspirierende Lektüre

Doch auch gegen die Intervention muss wieder interveniert werden. “Man schreibt wieder etwas fest, man sieht manchmal gar nichts anderes mehr, als das, was man in den Texten gelesen hat”, sagt Jäggi. Wie ein Kunstwerk zum Ausgangspunkt eines Beitrages gemacht wurde, der Beitrag aber auch weit über das Bild hinaus gehen kann, so wird das Buch selbst zum Ausgangspunkt für den Leser und die Leserin. Gemeinsam mit den Texten können vertraute Kunstwerke neu betrachtet werden, und gleichzeitig wird man angeregt, beim Museumsbesuch eigene “Beiträge” zu Werken, die einen ansprechen, zu kreieren – sei es schriftlich oder auch nur gedanklich.

 

 

Info


“Intervention #1”, herausgegeben von Sarine Waltenspül und Patricia Jäggi, kann man über die Website des Hungerkünstler Verlags bestellen. Die entstandenen Texte und performativen Beiträge werden an der Museumsnacht am 18. Januar um 19:30, 20:30 und 21:30 im Kunstmuseum Basel vor den Kunstwerken in Szene gesetzt.

 

 

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