Gesellschaft | 11.01.2013

Nepals Umgang mit Kriminalität

Text von Nadine Küng | Bilder von zvg
Bimala BK kämpft für die Rechte der Unberührbaren, Suman Adhikari gegen die Straffreiheit der Mörder seines Vaters. Im Dezember besuchten die beiden nepalesischen Menschenrechtsverteidiger Genf und sprachen über ihre Heimat, die seit Jahren verfassungslos ist. Im Land, dass wegen seiner Nähe zu Tibet international oft wenig Beachtung findet herrschen Kriminalität und Korruption.
Suman Adhikari fordert nepalesische Mitbürger auf, die Straffreiheit nicht länger hinzunehmen. Bimala BK an der Arbeit im Büro der  "Dalit Women Uplift Organization". Sumans "Terror Victim Orphaned Society" demonstriert gegen die Begnadigung Bal Krishna Dhungels.
Bild: zvg

Ein Land ohne Verfassung, mitten in einer tiefen politischen Krise: Dies ist die aktuelle Situation Nepals. Selbst nach Ende eines Bürgerkrieges im Jahre 2006 findet das Land keinen Frieden. Diese Ausgangslage erschwert die Arbeit der Menschenrechtsverteidiger manchmal so sehr, dass sie auf den Schutz der Beobachter von “Peace Brigades International” einer internationalen Nichtregierungsorganisation, angewiesen sind.

 

Politische Pattsituation

Seit zehn Jahren wartet Suman Adhikari darauf, dass im Mordfall seines Vaters gründlich ermittelt wird. 2002 stürmten Maoisten das Schulzimmer, in welchem sein Vater unterrichtete und erschossen ihn. Ein Jahr später gründete Suman die “Terror Victim Orphaned Society Nepal” (TVO, auf Deutsch: Vereinigung für verwaiste Opfer), welche sich um Opfer beider Konfliktparteien kümmert.

 

Vom zweiten bis zum siebten Dezember besuchte der Nepalese die Schweiz. Gemeinsam mit Bimala BK, welche sich in Nepal für die Rechte der Frauen aus der untersten Kaste, die sogenannten “Unberührbaren”, einsetzt. Die beiden zeichnen ein Bild ihrer Heimat, welches wenig mit dem Bergparadies zu tun hat, das in europäischen Köpfen verankert ist. Sie schildern die Geschichte eines von Gewalt und Menschenrechtsverletzungen gezeichneten Staates, der sich in einer politischen Pattsituation befindet.

 

Von 1996 bis 2006 rangen nepalesische Maoisten mit Anhängern der Regierung um den Vorsitz des Landes. Die UNO schätzt in ihrem “Nepal Conflict Report”, dass 13’000 Personen während diesen Kämpfen getötet wurden. Weiter 1’300 sind verschwunden, andere wurden verschleppt, gefoltert oder zu Waisen gemacht. “Sechs Jahre sind vergangen seit das Friedensabkommen unterzeichnet wurde und wir haben keinerlei Fortschritte gesehen”, fasst Suman zusammen. Nepal bleibt ohne Verfassung und im Moment sogar ohne verfassungsgebende Versammlung. Denn die grossen Parteien können sich nicht einigen.

 

Verteidigerin der Unberührbaren

Im Zentrum vom Bimala BKs Engagement steht ein anderes Thema. Schon als Studentin engagierte sich die junge Frau in der “Dalit Women Uplift Organization” (DFUO, Organisation für die Erhebung unberührbarer Frauen). Die Dalit, die sogennanten unberührbaren Frauen, gehören Nepals niedrigster Kaste an. “Auf sie warten überall Probleme: Ausbildung, Beruf, Ehemänner”, erklärt Bimala. “Alle wollen ihnen diktieren, was sie nicht tun dürfen.” Mit DFUO setzt sich die Aktivistin für einen nachhaltigen Frieden ein und hilft Opfern von Vergewaltigungen, häuslicher Gewalt und Diskriminierung, Anklage zu erheben. Solche Verbrechen würden aufgrund der politischen Krise immer häufiger.

 

Die Menschenrechtsverteidiger bestehen darauf, dass ihre Arbeit nicht gefährlich sei. Dennoch sind beide dankbar für den Schutz von “Peace Brigades International” (PBI, Internationale Brigaden für den Frieden). Diese Nichtregierungsorganisation unterstützt die beiden Aktivisten in Nepal und hat sie in die Schweiz eingeladen. Zuvor half sie Suman, die Namen der Verdächtigten bei einem Gericht einzureichen und unterstütze Bimala, als sie wegen des Mordes an drei Dalit gegen Angehörige der Armee vor Gericht zog.

 

Die Polizei bewegt sich nicht

Bimala kann zwar Frauen für ihre Arbeit motivieren, Fortschritte zu erzielen sei hingegen komplizierter. “Die Frauen sehen die Diskriminierung, aber sie müssen sich um ihre Kinder kümmern”, ergänzt die junge Aktivistin. “Ausserdem haben sie kein Recht auf Besitz und können sich nicht selbständig um ihre Geschäfte kümmern.” Auch Suman stösst bei seiner Arbeit auf Hindernisse. Die Regierung schere sich nicht um die Meinung der Öffentlichkeit, erzählt er. Und obwohl er schon seit zehn Jahren kämpft, gelte es noch einen langen Weg zu gehen, insbesondere wenn Nepal noch lange ohne Verfassung bleibe.

 

Die Straffreiheit für Verbrechen, welche während des Konflikts begangen wurden, ist ein zentrales Thema in den aktuellen Debatten. “Der oberste Gerichtshof hat angeordnet, dass die Anzeigen der Opfer untersucht werden, aber die Polizei bewegt sich selten”, erklärt Suman. Er selber hat 2002 Anklage gegen den Mord an seinem Vater erhoben. Und 2011, kurz nachdem er die Namen der Verdächtigten für den Fall hinzugefügt hatte, wurde einer dieser Verdächtigten zum Koordinator der örtlichen “Friedenskommission” ernannt.

 

Kein Geld sondern Gerechtigkeit

Dass die Rekurse vor Gericht keine Wirkung zeigen, spornt Suman noch mehr an, obwohl er als Präsident von TVO kein Geld verdient. “Es wäre gegen meine Überzeugung eine solche Kampagne für Geld zu führen”, sagt er. Tagsüber setzt er sich also für TVO ein und nachts arbeitet er, vor allem als Journalist für nepalesische Zeitungen.

 

Sumans Kampf ist noch lange nicht beendet. Die Kommission, welche eine Lösung für den Konflikt finden soll, hat ihre ursprünglichen Ziele aufgegeben und konzentriert sich fortan auf Versöhnung, nicht auf die Verfolgung der Verbrechen. Mit seiner NGO will Suman die Arbeit solcher Kommissionen beeinflussen. Das ist nicht einfach, zumal die Kommissionen keine Opfer zu Rate ziehen und ihre Zusammensetzung sich ständig ändert. “Die Regierung hat manchen Opfern Geld gegeben. Aber das beleidigt uns”, bekundet der Aktivist. “Wir wollen kein Geld. Wir wollen Gerechtigkeit.” Daher schlägt die TVO der Regierung vor, den Familien der Opfer eine Ausbildung zu finanzieren und neue Kriterien für die Anerkennung der Opfer auszuarbeiten.

 

Schweiz nicht nur als Slogan

Suman und die TVO  kümmern sich nicht nur um die Opfer des Konflikts. Sie beobachten auch aktuelle Probleme und wollen erste Samen für ein demokratisches Nepal säen. Denn für Suman ist klar: Nur eine Regierung, welche für die soziale Gerechtigkeit verantwortlich ist, kann die massive Straffreiheit in Zukunft verhindern. Er gibt zu bedenken: “Unsere Präsidenten künden seit Langem an, dass sie ein Nepal nach dem Modell der Schweiz bauen wollten. Dies muss mehr als nur ein Slogan werden.”

 

Der Aktivist übt sich in Geduld und bleibt realistisch: “Nepal hat eine lange Tradition der Straffreiheit”, bedauert er. “Jedes Mal wenn seit 1960 eine Regierung gestürzt wurde, mussten sich die Opfer mit einer finanziellen Entschädigung begnügen.” Er ruft Bangladesch in Erinnerung: Vor vierzig Jahren suchte ein Bürgerkrieg dieses Land heim, doch die Strafprozesse haben erst 2004 begonnen. “Ich hoffe bloss, dass die Opfer sich nicht entmutigen lassen”, schliesst Suman mit einer Entschlossenheit in der Stimme, die keinen Raum für Zweifel lässt. Dieser Mann wird sich von keinem Hindernis entmutigen lassen.