Kultur | 16.01.2013

Mit Mundart-Rap hoch hinaus

Text von David Schneider | Bilder von zvg
Der Bieler Rapper JB Funks will mit seinem Kurzalbum "De Gömer" frischen Wind in die Mundart-Rap-Szene bringen. Hinter dem 28-jährigen Neueinsteiger steckt Danilo Oppliger, der ansonsten als Neuropsychologe und Asylhelfer sein Leben bestreitet.
JB Funks hat nicht erwartet, dass er an seiner Plattentaufe Leute nach Hause schicken müsste.
Bild: zvg

Vor zehn Jahren hätte Danilo Oppliger nicht im Traum daran gedacht, dass er einmal als Rapper vor ausverkauften Rängen seine erste Platte feiern würde. Damals besuchte er in Biel ein Gymnasium und rappte höchstens vor seinen Schulkameraden. Viele Freestyles und Bekanntschaften später hat er den Sprung in die Schweizer Rapszene geschafft: Vergangenen Herbst veröffentlichte er als JB Funks sein erstes Kurzalbum mit dem abenteuerlichen Namen “De Gömer”. Das Album kennt nur eine Richtung: vorwärts. Über den Weg zum Hip-Hop und zur Entstehung seines Albums gibt es einiges zu erzählen.

 

 

Gymnasium in Biel, mehrere Jahre Studium, Arbeit im Übergangszentrum, Tätigkeit als Volleyballtrainer und nun neben allem noch Mundart-Rap als JB Funks. Führst du ein Doppelleben?

Nein, definitiv nicht. Es gibt einige Aspekte, die vielleicht darauf hindeuten. Klar, wenn ich im Ärztegewand im Berner Inselspital als Neuropsychologe arbeite und dort Schlafuntersuchungen mache oder als JB Funks in irgendeinem Club “Motherfucker” ins Mikrofon rufe, was eher selten vorkommt, lässt sich das als Doppelleben bezeichnen. Aber schlussendlich habe ich weder ein Problem diese zwei Seiten zusammenzubringen, noch die eine vor der anderen zu verstecken. Mein Leben als Psychologe, Asylhelfer, Volleyballtrainer und Alltagsmensch fliesst in meinen Rap mit ein.

 

Wie bringst du das alles unter einen Hut? Du bist ja vielerorts dabei, ob in beruflicher, sportlicher oder nun auch in musikalischer Hinsicht.

Ich bringe leider nicht alles unter einen Hut. Vielleicht sind meine multiplen Aktivitäten gerade der Grund, wieso ich momentan im Asyldurchgangszentrum arbeite und eben nicht an der Universität doktoriere. So aktiv wie ich zur Zeit bin, wäre es schwierig, einen Job zu finden, der meine volle Aufmerksamkeit bräuchte. Wie eben ein Doktorat, bei dem ich auch zu Hause arbeiten müsste und das wohl intensiver als 100 Prozent wäre.

 

Du hast nun mittlerweile ein Kurzalbum veröffentlicht, einige Auftritte hinter dir und auch Auftritte in Planung. Was wäre passiert, wenn dein Versuch als Mundart-Rapper nicht funktioniert hätte?

Gute Frage. Steff la Cheffe hat mal gesagt, sie mache nun ein Jahr Pause mit ihrer Ausbildung und schaue dann weiter. Das ist schon einige Zeit her und sie lebt immer noch von der Musik. Ich persönlich habe keinen feingefächerten Plan von meinem Leben. Aber ich habe nicht sechs Jahre studiert, um anschliessend nichts damit anzufangen. Mein Kopf ist immer noch bei der Sache und ich würde gerne einmal als Psychologe arbeiten. Aber diese Sache läuft mir nicht davon.

 

Kommen wir auf deine Texte zu sprechen. Du bist ein ehrlicher Mensch, der in seinen Texten auch von seinem Leben erzählt. Wie findest du die Balance zwischen Unterhaltung und Tiefgang?

Das ist eine gute Frage. Was das anbelangt, bin ich an einem Tag an jenem Punkt und am nächsten Tag ganz woanders. Mein DJ hat einmal nach einem Konzert zu mir gesagt “Mensch, mach doch mal einfache und eingängige Refrains. Das versteht ja kein Schwein und so kann auch niemand mitsingen”. Je länger man im Musikbusiness tätig ist, desto mehr wird von einem verlangt, dass die Musik viele Menschen ansprechen soll. So macht man sich von Zeit zu Zeit mehr Gedanken darüber, was den Leuten gefällt. Mein Anspruch an mich ist, dass ich mich mit meiner Musik identifizieren kann. Ich muss nicht immer über mein Leben und meine Gefühle schreiben, aber ich muss mit der Aussage meiner Texte einverstanden sein und erwarte eine gewisse Qualität. Wenn dies nicht der Fall ist, steckt zu viel Unterhaltung dahinter und das sind Songs, die mir nach einem Monat nicht mehr gefallen.

 

Wenn du diese Bilder beschreiben müsstest, sind dies eher positive oder negative Eindrücke?

Es sind definitiv positive Eindrücke. Ich bin jemand, der ohne grosse Mühe eine sehr positive Grundhaltung hat. Nie hatte ich dieses Bild vom heruntergekommenen Biel mit vielen Sozialfällen. Vielleicht fehlt mir auch der Vergleich, aber ich sehe hier genauso viele glückliche und unglückliche Menschen wie in anderen Städten auch. Um ein Urteil fällen zu können, müsste ich zuerst einmal an einem anderen Ort gelebt haben. Aber ich bin jemand, der sich sein Leben und sein Umfeld so zurechtlegt, dass es passt.

 

Was hat deinen Weg zur Musik beeinflusst? Waren es andere Künstler, dein Umfeld oder die Art, wie du aufgewachsen bist?

Das ist schwierig zu beurteilen. Am ehesten ist es die Hip-Hop-Welle, welche in den Neunziger-Jahren zu uns hinübergeschwappt ist. Wichtig war auch die lebendige Hip-Hop-Kultur in Biel, die sich durch Veranstaltungen im Chessu abzeichnete. Auch DJs aus der Szene oder das Royal Openair, das damals vor meiner Haustüre in Täuffelen seinen Anfang hatte, haben mich beeinflusst. Grundsätzlich war es dieses “Andere Künstler aus einem anderen Land”-Gefühl, das damals aufgegriffen und ausgelebt wurde.

 

Was Biel anbelangt: Denkst du, dass der Hip-Hop der vergangenen Jahren das Stadtbild stark geprägt hat?

Ja, vielleicht. Zum Beispiel durch die vielen Tags und Graffitis an den verschiedensten Orten. Biel wurde lange als Hip-Hop-Zentrum von Europa wahrgenommen, nicht nur in der Schweiz. Alle grossen Acts sind damals hier aufgetreten. Doch heute ist es eine Subkultur. Klar wurde ab und zu etwas nach aussen getragen. Ein Gang durch Biel offenbart dies jedoch nicht. Aber man hört oft auch von Aussenstehenden, dass in Biel viel los sei. Egal ob Positives oder Negatives. Ich denke, dass Hip-Hop in Biel sicher verankert ist.

 

In den Anfängen ging es im Hip-Hop darum, seine Stimme zu erheben und sich Gehör zu verschaffen. Heute ist davon wenig übrig geblieben. Was bedeutet dir Hip-Hop in der heutigen Zeit?

Für mich ist Hip-Hop immer noch die Möglichkeit, sich mit einfachen Mitteln auszudrücken. Es ist eine Kunstform, die ihr eigenes Innenleben hat und immer noch Gefühle auslösen kann. Ich fühle mich jedenfalls immer noch berührt, wenn ich jemanden rappen höre. Für mich ist es egal ob jemand arm oder reich ist, schwarz oder weiss, es steht allen offen. Was daraus geworden ist? Eine riesige Kultur und eine mächtige Industrie. Das alles hat wenig mit dem zu tun, was ich mache und was am Anfang einmal war. Es ist klar, dass die Dinge sich entwickeln, neue Sachen entstehen und der Apfel zu guter Letzt nicht mehr viel mit der Wurzel des Baumes gemeinsam hat.

 

Betrachten wir nun deinen Hip-Hop: Er hat viele Elemente aus dem Old School Bereich. Was war die wichtig bei der Produktion von deinem Album, wolltest du, dass dieses Klassische wieder zum Vorschein kommt?

Diese Frage höre ich immer wieder und die Leute sagen “Du hast Old School-Beats, Sachen von früher”. Ich habe mir ehrlich gesagt nie darüber Gedanken gemacht, ob ich eine “Old School-CD” aufnehme. Es hat meiner Meinung nach damit zu tun, dass dieser Stil damals State of the Art war, als ich vor zehn Jahren begann zu rappen und vor fünf Jahren anfing, Lieder zu texten. Das waren zu meiner Zeit die Beats, die man als Fan hörte. Heute ist das nicht mehr so, aber für mich sind es immer noch die Beats und Rhythmen, zu denen ich gerne rappe und bei denen ich etwas verspüre. Das ist der Grund, warum ich darauf zurückgreife, nicht weil ich mit dem heutigen Hip-Hop nichts anfangen kann.

 

Was deinen Namen anbelangt, muss erwähnt werden, dass er trotz den klassischen Elementen nichts mit Funk zu tun hat. Was genau steckt hinter deinem Künstlernamen?

Es hat tatsächlich nichts mit Funk zu tun. In Wahrheit bedeutet dieser Name überhaupt nichts. Der Name kam mir als Fünftklässler in den Sinn, als ich mit einem Kollegen am Bielersee war und wir im Schlamm Krebse gesucht haben. Und auf einmal ging mir dieser Name durch den Kopf. Damals wusste ich nicht was Funk bedeutete, geschweige denn was Rap ist. Es war ein Geistesblitz und klang cool. Aber der Name war nicht von Beginn an meine Wahl. In den Anfangszeiten nannte ich mich MC OP, wegen meinem Nachnamen Oppliger. Anschliessend machte ich mich auf die Suche nach einem guten und tiefgründigen Namen. Aber die Suche war nicht sonderlich erfolgreich. Und auf einmal kam mir der Name JB Funks wieder in den Sinn. Ich dachte mir, wieso nicht ein Name, der einfach nichts bedeutet.

 

In Biel hast du dir mittlerweile einen Ruf gemacht und hattest einen Auftritt vor der Band The Brand New Heavies. War es für dich ein Highlight in deiner Stadt auf der Bühne zu stehen?

Ja, definitiv. Denn es ist so, dass ich längstens nicht überall, auch in meiner Stadt nicht, auftreten kann. Als wir vor einem Jahr zum ersten Mal im Chessu spielten, hatte ich enormen Respekt. Denn ich habe schon zahlreiche Schweizer Rapper im Chessu gesehen, nicht in den letzten zwei Jahren, sondern früher, und musste bemerken, dass dieser Stil bei den Leuten überhaupt nicht ankam. Hier herrscht eine Hip-Hop-Kultur, die eben nicht auf Mundart beruht. Damals hatte ich vor unserem Auftritt ziemliches Nervenflattern. Aber es war echt der Shit. Und auch der letzte Auftritt dieses Jahr, ebenfalls im Chessu, war toll. Der Soundcheck war zwar beschissen und wir hatten viel zu wenig Zeit. Aber der Auftritt selber war wieder ein Hit. Es hat bewiesen, dass der Chessu bis heute seine Magie behalten hat.

 

Deine EP hast du in der ausverkauften KUFA Lyss getauft. Vor diesem Auftritt gab es keine Tracks von dir und du musstest dir deinen Ruf erkämpfen. Wie war dieses Gefühl, in der ausverkauften KUFA auf der Bühne zu stehen?

Das war ein krasses Gefühl. Nach diesem Konzert habe ich nichts wirklich wahrgenommen. Ich wusste nicht, ob es gut oder schlecht lief. Da war etwas wie eine weisse Wand vor mir und ich hatte so viele Eindrücke. Bis heute weiss ich nicht genau, wie dieses Konzert in Wirklichkeit war. Klar, die Atmosphäre war toll, die Bude proppenvoll und die Leute hatten Spass. Ich hatte vorher einige Konzerte in Biel und man hat mir gesagt, dass ich mir keine Sorgen machen soll und die Leute schon kommen werden. Aber dass es gleich ausverkauft sein würde und wir Leute nach Hause schicken müssten, hätte ich nicht erwartet.