Kultur | 15.01.2013

Mit guter Absicht

Das Alpine Museum in Bern ist mehr als nur gut besucht, als wir vergangenen Donnerstag die Ausstellung «Intensivstationen« betreten. Hauptthema sind die Fotografien von Lois Hechenblaikner. Begrüsst wird der Besucher jedoch durch einen Berg an zerstückelten Skiern und Snowboards. Eine kleine alpine Müllhalde.
Entfernt sich der Wintersport von seiner Basis? Der alpine Eventbetrieb.
Bild: Lois Hechenblaikner

Die Bilder zeigen warnende Eindrücke: riesige Baustellen auf Bergebenen, Müllberge und Betrunkene die reglos mit Flaschen im Schnee liegen. Es ist die Seite des Wintertourismus welche wenig diskutiert wird. Es ist die lukrative Seite, in welche die Reisebranche gerne investiert. Fotograf Lois Hechenblaikner jedoch hält genau diese Momente fest. Vergangenen Donnerstag sprach er mit Tink.ch im Alpinen Museum in Bern.

 

Sie sind in einem gastronomischen Betrieb aufgewachsen. Wie sehen sie selbst den Tourismus?

Tourismus bedeutet, man inszeniert ein völlig perfektes Bild eines Ortes, bzw. einer Landschaft. Man verschönert die Natur und bettet die ganze Atmosphäre entsprechend ein. In diesem Sinne entsteht ein völlig neues Bild, oder gar eine Entstellung. Ich möchte nicht den Tourismus kollektiv schlecht machen. Es gibt, wie auch im Leben, selbstverständlich gute wie auch schlechte Seiten.

 

Das Tirol hat einen grossen Boom hinter sich. Das hat bestimmt grosse Veränderungen mit sich gebracht.

Am Anfang war das Tirol noch ein Bauernland. Dieses Bauernkulturland wurde auf einmal zu einem Fremdenverkehrsland und die Bauern spezialisierten sich auf die Konsumwirtschaft. Viele eröffneten Gasthäuser und schafften Übernachtungsmöglichkeiten für Touristen. Kinder wurden dazu in die Keller verfrachtet.

 

Und die herzlichen Tiroler müssen sich für den Tourismus ja wahrscheinlich nicht verbiegen?

Entweder hat ein Mensch die Anpassungsfähigkeit, oder er verbiegt sich. Verbiegen muss sich ein Mensch, wenn er gegen seinen eigenen Willen handelt. Das hat wohl jeder für sich selbst zu entschieden.

 

Man hört im Zusammenhang mit Ihrem Namen von verbotenen Ausstellung oder gar zensierten Bildern. Hat man Angst vor Ihnen?

Ja. Vor allem bei uns im Tirol wünschen sich einige Menschen, dass ich hinter Gittern sitzen würde. Wir nennen diese Leute Talkaiser. Es sind Menschen die im Wirtschaftsgetriebe eingebunden sind, und die ihre Macht uneingeschränkt ausnutzen können. Sie meinen ich sei eine Störzone, die nicht im allgemeinen Strom mit schwimmt.

 

Da Sie quasi Tourismusverbrechen aufdecken.

Es ist nicht so, dass bestimmte Gesetzesverordnungen verletzt werden oder dergleichen, denn die Wirtschaft bestimmt selber ihre Regeln. Ich selbst sehe in meinen Bildern grosse, visuelle Fragezeichen. Denn was Wirtschaft vielleicht nicht immer an die erste Stelle setzt, ist das Nachdenken über das eigene Handeln.

 

Trotzdem waren Sie schnell einigen Leuten ein Dorn im Auge. Das muss doch beängstigend gewesen sein?

Zuerst war es sehr bedrohlich für mich. Ich war jung und erfahrene Leute aus der Wirtschaft, die an einem viel grösseren Hebel ziehen konnten als ich, begannen meine Arbeit zu kritisieren. Es war schwierig für mich, Sponsorengelder zu finden, da sich mir gegenüber viele abwandten. Im Nachhinein gesehen war es ein Lernprozess für mich, um zu verstehen, was genau ich da in Gang gebracht habe. Ich glaubte weiterhin unerschütterlich an meine Arbeit und ich sah, dass das was ich hier mit meiner Kamera einfing, eine Dimension hatte.

 

Deswegen haben Sie weitergemacht.

Mein Antrieb bestand nicht aus der Überzeugung anderen Menschen Schaden zuzuführen, sondern ich war mir sicher die Wahrheit zu zeigen. Mir ist klar, dass ich hier einer gewissen Branche schade, die Absicht ist aber eine gute.

 

Ihre Bilder zeigen unter anderem warnende Eindrücke in die Natur.

Ich denke, es gibt in der Natur eine höhere Intelligenz, die weit über unserer menschlichen Intelligenz liegt. Dank dem Klimawandel geht der Schnee zurück, aber den Menschen wird mithilfe von technischen Hilfsmitteln das Gegenteil vorgeführt. Dieses Phänomen der Erderwärmung ist von uns Menschen unbezwingbar, wir können es nur schön reden. Und genau das weist uns Mensch auf unsere Kleinheit zurück.

 

Liegt es in der Verantwortung der nächsten Generationen, die Misstaten gegen die Umwelt wieder gut zu machen?

Die Bilder beinhalten klar eine Warnung. Aber ich möchte es nicht bei dem Wort Warnung stehen lassen. Man könnte es auch als Auseinandersetzung oder Bewusstseinsmachung bezeichnen. Die Verantwortung hängt natürlich nicht allein bei den Menschen. Wenn der Klimawandel sich weiter so entwickelt, werden viele Skigebiete nicht mehr erhaltenswert sein, und viele Probleme werden zu lösen sein.

 

Das Lenkrad in Sachen Umwelt wird schwer noch umzureissen sein.

Ich denke, in solchen Momenten wird der Mensch wieder auf seine Kleinheit zurückgewiesen. Gegenüber diesem Klimawandels hat dieses “paramilitärische Männliche” nichts zu behaupten und es wird sich auch zeigen, wie unwichtig Geld in solchen Situationen sein wird. Man kann nicht alles kaufen und den meisten Menschen sollte dies endlich klar werden. Unser Kontostand bestimmt nicht, ob wir die Allmacht über diesen Planeten haben.

 

Bei all den Après-Skis und Festivals stellt sich die Frage, ob sich der gesamte Wintersport eigentlich nicht von seiner Basis entfernt. Funktionieren Skier nur noch mit einer Bierflasche zusammen?

Das ist sozusagen der ganze Eventbetrieb, ein Umsatzbeschleuniger. Das Ganze hat auch eine gewisse Primitivität. Aber letztendlich hat jeder Mensch die Möglichkeit, da nicht mitzumachen. Das Ganze ist im Grunde eine Prüfung an mich selber. Also wenn ich mitmache, dann bin ich auch das. Das ist ein Spiegelbild meines Ichs. Es braucht einfach die Kraft des Nein-Sagens.