Gesellschaft | 29.01.2013

Magersucht hinter der WC-Tür

Text von Vivienne Kuster | Bilder von Michael Dolensek
Wenn wir an Magersucht denken, sehen wir Bilder von ausgehungerten Mädchen, bei welchen die Rippen und nicht die Brust die Kontur des Oberkörpers zeichnen. Diesen Mädchen sieht man an, dass sie von einer Essstörung geplagt sind. Was aber, wenn der Gewichtsverlust ausbleibt und die Krankheit unbemerkt bleibt? Fabia* hatte Bulimie und niemand hat es bemerkt.
Die Sucht nach der dünnen Linie -“ ist sie nicht sichtbar führt sie für die Beteiligten oft zu Unverständnis.
Bild: Michael Dolensek

Das Thema ist so aktuell und andauernd wie die Armut in Afrika. Immer wieder erfahre ich von einem weiteren Jugendlichen, dessen Essverhalten krankhaft gestört ist. Klar, die Pubertät birgt so manche Unzufriedenheit mit seinem Körper. Doch immer häufiger entwickelt sich aus dieser Unzufriedenheit und dem Wunsch der Gesellschaft zu genügen eine krankhafte Essstörung. Mittlerweile assoziieren wir ausgehungerte Mädchenkörper direkt mit dem Wort Magersucht. Bei sehr vielen betroffenen Jugendlichen fällt die Sucht aber nie auf, denn sie haben durchschnittlich gebaute Körper und ein Talent zum Schauspiel. Erzählen sie dann ihren Angehörigen von ihrer Krankheit, fällt es diesen oft schwer, das Problem ernst zu nehmen.

 

Die Suche nach Bestätigung

Ich stehe in St.Gallen am Bahnhof und höre hinter mir meinen Namen. Da steht sie, eine wunderschöne 20-jährige Frau. Ihre Figur entspricht so gar nicht meinen Vorstellungen einer Magersüchtigen. “So denken die meisten”, erzählt mir Fabia wenig später im Interview. “Viele denken, dass alle Magersüchtigen auf die Knochen ausgehungert sind. Dem ist aber überhaupt nicht so.” Als sie sich nach zwei Jahren endlich getraut hatte, ihrer Mutter von ihrem Problem zu erzählen, nahm diese sie gar nicht ernst. “Die erste Reaktion meiner Mutter war: Du bist aber gar nicht dünn.” Für Fabia war das ein Faustschlag ins Gesicht.

 

Begonnen hat es bei Fabia wie bei vielen anderen auch mit der Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper. “Ich habe nirgends die Bestätigung gefunden, die ich gebraucht hätte. Auch mein damaliger Freund hat mir nie gesagt, dass er meinen Körper schön findet, wie er ist. Das hat mich sehr verletzt und noch mehr angespornt dünn zu werden.”

 

“In einem Buch habe ich gelesen wie es geht”

Eines Mittags, Fabia gönnt sich Kekse zum Dessert. Kurze Zeit später ist ihr unwohl. Aber nicht aufgrund der Kekse im Magen sondern weil sie bemerkt, wie viele dieser feinen “Guetzli” sich bereits die Speiseröhre hinuntergeschlichen haben. “Das war der Moment, in dem ich mir wünschte, dass diese alle wieder draussen wären.” Und dann geschah es zum ersten Mal. “In einem Buch über Magersucht, welches eigentlich abschrecken sollte, habe ich die Option des Erbrechens für einen Gewichtsverlust entdeckt und auch abgeschaut!”

 

Vom Umfeld unbemerkt

“Es war nie schwierig, meine Brechattacken zu verheimlichen. Ich war schliesslich nie dünn und auch wenn ich bis zu zehn Kilogramm abgenommen hätte, wäre meine Sucht noch nicht aufgefallen.” Die Sucht nach dem Hungergefühl wurde bei ihr nach einem halben Jahr langsam krankhaft und nahm eine Eigendynamik an. “Ich fühlte mich glücklich, wenn der Magen knurrte.” Fabia begann nun auch in der Schule, das spärliche Mittagessen im Mädchenklo wieder hochzuwürgen. “Meine Freundinnen haben nichts bemerkt, sie waren aber auch nicht sehr aufmerksam. Mit der Zeit kennt man die Tricks, wie man das Geräusch übertönt und die Spuren beseitigt.” Mit Spuren meint Fabia die tränenden Augen, der Mundgeruch, die Rückstände in der Toilette und das immer röter werdende Gelenk am Ende des Zeigefingers. Alle diese Anzeichen wurden von ihren Angehörigen nie bemerkt. Zudem war sie eine gute Schauspielerin, sodass ihre regelmässigen Toilettengänge nach dem Essen unter dem Vorwand einer schwachen Blase die Familie und Freunde nicht weiter beunruhigte.

 

“Man schämt sich so!”

Als Fabia schon ziemlich tief in der Bulimie steckte, überrollte sie ein Schamgefühl. “Es war mir unangenehm, dass ich es nicht auf ‘normale’ Art geschafft hatte abzunehmen. Ich konnte auch die Mädchen nie verstehen, welche ihre Magersucht an die grosse Glocke hängen. Bei ihnen geht es lediglich um Aufmerksamkeit. Niemals hätte ich gewollt, dass jemand von meiner Magersucht weiss, denn ich schämte mich so.”

 

Nach einiger Zeit aber überwand sie sich, ihrer Freundin davon zu erzählen. “Als ich es ihr offenbarte, war sie sich gar nicht bewusst, was das Ganze bedeutet. Zwei Wochen später beklagte sie sich nämlich vor mir über ihre 10 Kilogramm leichtere Figur. Ich fühlte mich gar nicht verstanden.” Fabias Auffassung, wirklich zu dick zu sein, verstärkte sich.

 

Traumberuf stoppt Albtraum

Neben dem Wunsch schlank zu sein, hatte Fabia noch einen zweiten. Sie war eine sehr ambitionierte klassische Sängerin und hatte bereits einige Erfolge zu verzeichnen. Doch mit der Zeit begann sich die Bulimie in ihre Zukunftsplanung einzumischen. Plötzlich bekam Fabia Schmerzen beim Singen und ihre Stimme veränderte sich. “Auch meinem Gesangslehrer ist es aufgefallen, dass sich meine Stimme verändert hatte.” Das war für Fabia das Zeichen, mit dem Erbrechen aufzuhören. “Ich steckte bereits tief im Musikstudium an einer renommierten Schule, so dass ich nichts riskieren wollte.” Das Thema Magersucht rückte in den Hintergrund von Fabias Leben. “Bestimmt ein halbes Jahr ging es mir super! Ich hatte mit dem Erbrechen aufgehört und zudem durch einen neuen Freund Bestätigung gefunden.” Doch als der Drang nach einem halben Jahr wieder kam, zog Fabia die Notbremse. “Ich wusste, dass es jetzt gefährlich werden würde und suchte mir Hilfe.”

 

Notbremse zieht nicht

Hilfe wollte sie sich bei einem Psychiater suchen, doch da Fabias Krankenkasse nur bei einer Überweisung des Hausarztes bezahlt, stand zuerst ein Besuch bei ihm an. “Ich musste sowieso wegen einer Grippe zu ihm und nahm meinen ganzen Mut zusammen, ihn um eine Überweisung zu bitten.” Unter Tränen gestand sie ihrem Arzt ihr Problem und hoffte, dass sie endlich Hilfe bekommen würde. Und wieder erlebte sie – wie bei der Beichte bei ihrer Mutter – einen Schlag ins Gesicht. “Ja, was erhoffen sie sich denn von einer solchen Therapie? Antidepressiva?”, so die Reaktion des Hausarztes. “Ich dachte, ich sei im falschen Film. Denn als ich ihm klar machen wollte, dass ich unter Magersucht und nicht unter Depressionen leide, fragte er mich allen Ernstes, was es denn sonst sei, wenn nicht Depressionen.” Noch nie hatte Fabia eine solche Demütigung erlebt und trotz der Reaktion des Hausarztes liess sie sich auf einen zweiten Termin mit ihm ein, da sie schliesslich die Überweisung benötigte. “Natürlich fürchtete ich mich vor dem zweiten Treffen, aber der Arzt hatte dazugelernt und ein wenig mehr Einfühlungsvermögen gezeigt.”

 

Das Outing bei Freunden

Bis heute hatte Fabia bereits vier Gespräche mit ihrem Psychiater und fühlt sich wieder deutlich wohler. “Ich fühle mich verstanden und ich lerne in den Sitzungen die Gründe für mein gestörtes Essverhalten kennen.” Es fällt ihr auch immer leichter mit Freunden darüber zu sprechen. “Viele benötigen einige Zeit, bis sie verstehen, was das überhaupt bedeutet.”

 

Viele Betroffene

Fabia erzählt, dass sie durch ihre Krankheit auch auf viele andere Jugendliche mit einem gestörten Essverhalten gestossen ist. “Als ich einem Freund von meiner Sucht erzählte, offenbarte er mir, dass er mit demselben Problem zu kämpfen hatte.” Auch mir ist aufgefallen, wie viele Jugendliche vergessen, das Essen zu geniessen und sich zu bestimmten Ernährungsmustern zwingen. Diese selbst erstellten Essvorschriften sind oft die Vorstufe einer Essstörung, wie mir Fabia erzählt. Ihr Ziel ist es nun, andere auf die Problematik aufmerksam zu machen, indem sie versucht darüber zu sprechen.

 

*Name geändert