Gesellschaft | 22.01.2013

Im Schwitzkasten der Abgebrühten

Text von Martina Probst | Bilder von Martina Probst
Traditionell zu Jahresbeginn erscheint jeweils das offizielle Bundesratsfoto, das jedes Jahr etwas verstaubt daherkommt. So sehr sich der Betrachter auch bemüht - der Versuch, dem unspektakulären Auftritt des Musterschülerkollektivs einen Zauber abzuringen, erweist sich als verlorene Liebesmüh. Liesse sich in das altbekannte magistrale Motiv doch nur etwas Pepp hineinbringen - zum Beispiel, indem man die gesamte Bundesratsmannschaft zum Saunabaden an den Rhein entsenden würde.
Wo sich im Sommer die Badegäste sonnen, wird im Winter sauniert. Fantastischer Blick vom Innern der Empfangsjurte auf den Rhein. Die Saunagänger verströmen ansteckende Leichtigkeit.
Bild: Martina Probst

Den Kulturwandel einläuten könnte ein Blick in den skandinavischen Norden, wo angeblich seit prometheischer Urzeit Saunakultur vom Feinsten zelebriert wird – und dies bis in die obersten Regierungsetagen hinein. Erhebungen zufolge besitzt Finnland die grösste Saunadichte der Welt (auf 5 Millionen Bewohner kommen 2 Millionen Saunas). Nicht nur in den finnischen Haushalten gehören die Dampfbäder zur obligaten Basiseinrichtung, sondern auch in den Parlaments- und Regierungsgebäuden und den Residenzen der finnischen Botschafter in aller Welt. Derlei Blüten treibt die finnische Körperkultur, dass die Saunakabinen auch gerne als Örtlichkeiten für Staatsempfänge genutzt werden. In Memoiren Nikita Chruschtschows-˜, des Staatsoberhauptes der Sowjetunion, wird von Saunaorgien mit finnischen Politikern berichtet, die gerne in maskuline Hahnenkämpfe ausuferten, wo nicht nur die staatsmännische Virilität zur Schau gestellt, sondern auch diplomatische Schachzüge inszeniert wurden. Im Jahr 2011 erhielt die Sauna-Diplomatie der finnischen Regierung gar den “Steam-Spirit-Prize” verliehen, den Preis der “Finnish Sauna Society” für besondere Repräsentanten des finnischen Saunabadens.

 

Mehr Wertschätzung für Importgüter

Schon seit längerem wurde der finnische Brauch mit Kultstatus auch in die Schweiz importiert und mit dem entsprechenden Etikett versehen. Zelebriert werden kann der Sauna-Blues hierzulande mittlerweile in integrierten Dampfbädern von Fitnesszentren, Hamams oder Beauty-Salons. Ein neuartiges Modell bieten von derlei Institutionen losgekoppelte Dampfbäder, wo man sich aufs Kerngeschäft besinnt: auf die Emission von Schweiss. Unter Dampf gesetzt werden in benannten Saunabetrieben nur diejenigen Kunden, die sich auch wirklich die Musse nehmen, sich auf das Hitzebad einzulassen. Denn das Angebot kommt im Vergleich zu herkömmlichen Betrieben entschlackt daher: dem Kunden wird nicht mehr geboten als eine Saunazellen und ein Ruheraum, wo man die Seele baumeln lassen kann. Von einer umfassenden Wellnesspalette wird abgesehen.

 

Saunieren als gelebte Transparenz

Ein solches Angebot wird Sauna-Puristen etwa in Basel geboten, wo das RhybadhysliBreiti mit einem überaus sympathischen Saunabetrieb seine Gäste anlockt. Auf einer Plattform, die auf den Fluss hinausragt und nur durch einen Steg mit dem Land verbunden ist, ist der Betrieb in je einer Empfangs- und Ruhejurte, zwei kleineren Ankleideräumen, einem Duschraum und der eigentlichen Saunakabine untergebracht. In einem familiär-unverkrampften Umfeld setzt man sich hier der schweisstreibenden Kur mit Wonne aus. Die mit erlesener Sorgfalt ausgestatteten Räume warten nicht mit übermässiger Dekoration auf; kein sphärischer Soundteppich lenkt von der meditativen und erleuchtenden Reduktion auf den eigenen Körper ab. Das Personal hält sich dezent im Hintergrund und sieht von bademeisterlichen Kontrollen ab, auch wenn in den Jurten einmal zu heftig geturtelt wird. Wie es die Sitte will, zeigt man sich hier bleich und barfuss und wie man bar jeglicher Kleidung geschaffen wurde, und irgendwie trägt das zur herrschenden wohligen Atmosphäre bei.

 

Eine Repräsentation, die nicht nach Schweiss stinkt

Nach der gefässerweiternden Kur und dem anschliessenden Kältebad im Rhein (das Thermometer zeigt arktische 7 Grad Celsius), präsentiert sich manch einer in neuer Frische und Reinheit. Tatsächlich vermag ein Aufenthalt im Schwitzkasten bei Abgespanntheit wahre Wunder wirken. Ein Trupp unverhohlen unverkrampfter Männer in weitaufgeknöpften Bademänteln räkelt sich auf dem Aussendeck und geniesst den Ausblick auf den vorbeifliessenden Strom. Dem Männerkollektiv nimmt man auf Anhieb ab, dass das Kollegialitätsprinzip nicht bloss vorgeführt, sondern in Reinkultur gelebt wird.

 

Ultima Ratio

Um in der Regierungspolitik eine Wirkung zu erzielen, reicht es längst nicht aus, nur fotogene Ausstrahlungskraft an den Tag zu legen. Aber ein Anfang wäre damit allemal geschaffen. Einen ersten Akzent setzen würde zweifellos ein Saunagang am Rhein. Abschliessend sei darum dem Bundesratskollektiv ans Herz gelegt: etwas mehr nackte Haut, etwas mehr Mut zur frivolen Selbstentblössung, etwas mehr saunatische Unbeschwertheit. Und der Haufen Uniformierter liesse sich so zu einem ansehnlichen Kader espritversprühender Charmeure umformen.

 

 

Info


Die “Sauna am Rhy” ist noch bis zum 24. März täglich geöffnet.

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