Kultur | 15.01.2013

Harry und Sally sprechen Berndeutsch

Die Berner Zytglogge Theater Gesellschaft inszeniert Harry und Sally als Theater im Berner Käfigturm. Umbauten gehören dabei selbstverständlich zum Programm und werden ebenfalls präsentiert. Das Konzept hat Witz und überzeugt.
Freundschaft ohne Sex? Harry und Sally wissen darüber zu streiten.
Bild: Tabea Wschiansky/zvg

Der Saal des Theaters am Käfigturm ist gut gefüllt. Ich sitze in der vierten Reihe und bin gespannt auf die Vorstellung. Den 1989 erschienen Film “When Harry met Sally”, eine Liebesgeschichte nach dem Drehbuch von Nora Ephrams, habe ich bereits mehrmals gesehen. Nun freue ich mich auf dessen Mundart-Inszenierung der Zytglogge Theater Gesellschaft Bern. Regie führt Davina Siegenthaler-Hugi.

 

Weiss ist nicht weiss

Licht aus, Vorhang auf. Auf dem Sofa liegt eine junge Frau und ist in ein Buch vertieft. Unvermittelt klingelt es an der Tür. Die Frau schreckt hoch und blickt hektisch um sich. Ich denke bei mir, sie überlegt wohl gerade, wie sie sich möglichst schnell umziehen kann – trägt sie doch etwas ungünstige Kleidung für einen Besuch. Dennoch geht sie zur Tür und fängt an, ein Schloss nach dem anderen zu öffnen, fünf insgesamt.

 

In die Wohnung tritt schliesslich ein Maler, der sich als Harry vorstellt. Sally erklärt ihm, er solle die Wände weiss streichen. Ich verstehe sie nicht ganz, die Wand hinter ihr ist bereits weiss. Harry scheint es nicht besser zu gehen als mir. Doch Sally holt ein Stück weisses Papier und hält es gegen die Wand. Tatsächlich, nun ist ein kleiner Unterschied zu erkennen. Seufzend macht sich Harry an die Arbeit. Bald schon kommen die beiden ins Gespräch. Obwohl sie sich noch nie zuvor getroffen haben, scheint es ein Gespäch unter Bekannten zu sein. Harry und Sally duzen sich von Anfang an, was ein ungezwungenes Gespräch ermöglicht. Ich merke schnell, dass die beiden kein Blatt vor den Mund nehmen. Sie scheinen zu allem eine Meinung zu haben und vertreten diese mit Überzeugung. Einig sind sie sich allerdings nie.

 

Umbau gehört zum Theater

“Schnitt, Arbeitslicht!”, ruft plötzlich eine Stimme aus dem Off. Harry und Sally gehen ab, auf der Bühne erscheinen zwei Frauen. Sie bereiten die nächste Szene vor, unterhalten sich dabei und zanken sich. Was am Anfang etwas ungewöhnlich erscheint, erweist sich als sehr entspannend. Während der ganzen Theateraufführung entsteht nie ein Moment der Hektik. Kein “Vorhänge zuziehen und dann schnell aber möglichst leise umbauen”, kein nervöses Hüsteln aus dem Publikum und auch kein durch Pausen erzwungener Applaus. Der Umbau wird ganz einfach in die Inszenierung aufgenommen, wodurch eine weitere Ebene entsteht. Dabei kommentieren die beiden Frauen mal das Geschehen auf der Bühne oder diskutieren darüber, dass sie in der nächsten Szene als Statisten auftreten müssen. Die Gespräche der beiden sind simpel und originell zugleich. Die Lacher aus dem Publikum gehören auf jedenfall ihnen.

 

Immer wieder Sex

Fünf Jahre nach ihrer ersten Begegnung treffen sich Harry und Sally wieder. Harry ist mittlerweile verlobt, Sally in einer festen Beziehung. Das Gespäch zwischen ihnen dauert nicht lange, geraten sie doch schnell wieder aneinander. Es ist die gleiche Uneinigkeit wie auch schon vor fünf Jahren: Harry glaubt, Frauen und Männer können nicht bloss befreundet sein, da ihnen immer der Sex dazwischen kommt. Sally ist empört über diese Aussage und widerspricht ihm. Die beiden gehen im Streit auseinander und treffen sich erst weitere fünf Jahre später wieder, beide erst kürzlich verlassen vom jeweiligen Partner. Was mit einem gemeinsamen Kaffee beginnt, entwickelt sich nun doch zu einer Freundschaft. Die beiden entdecken, dass es bereichernd ist, einander alles erzählen zu können und dabei Tipps aus der Sicht des anderen Geschlechts zu erhalten.

 

«Werum nimmsch se de nid?«

Als Harry seinem besten Freund Jack von Sally vorschwärmt und sie ihm vorstellen will, spricht dieser aus, was ich schon lange denke: “Werum nimmsch se de nid säuber?”. Aber Harry besteht darauf, dass sie beide nur Freunde seien. Bei einem Abendessen zu viert sollen sich Jack und Sally näher kommen. Gleichzeitig will Sally ihre beste Freundin Mary mit Harry verkuppeln. Es kommt, wie es kommen muss – die Interessen sind anders gelagert, Jack und Mary verlieben sich. Jack ist besonders angetan von Marys Idde, Liebespaare in Szene zu setzen und sie zu fragen, wie sie sich kennengelernt haben. Die so entstandenen Filmsequenzen werden zwischen den Szenen eingespielt und sind unglaublich erfrischend. Ich komme nicht umhin mich zu fragen, was ich wohl erzählen würde, sässe ich vor dieser Kamera.

 

Und immer wieder Sex

Es dauert seine Zeit, bis Harry und Sally endlich zueinander finden. Tatsächlich kommt auch ihnen der Sex dazwischen – Harrys Flucht am nächsten Morgen und Sallys Unfähigkeit, ihre Gefühle auszusprechen, stellt ihre Freundschaft auf eine harte Probe. Dadurch wird zwar nicht die Spannung der Geschichte gesteigert, das Ende ist eindeutig voraussehbar. Es gibt aber dem Theaterstück die Möglichkeit, sowohl Harry und Sally von einer anderen Seite zu zeigen und bietet Raum für interessante Gespräche, der auch gut gefüllt wird. Und als sich die beiden endlich versöhnt und glücklich verliebt in die Arme fallen, möchte ich am liebsten aufstehen und ihnen gratulieren.

 

Die Inszenierung besticht durch Witz, Originalität, gespielte Ehrlichkeit und nicht zuletzt durch die Darsteller von Harry und Sally, die sich hervorragend ergänzen und in ihrer Ungleichheit zuletzt doch harmonieren. Geplante Pausen, die einen Applaus erzwingen würden, gab es keine. Nicht selten brachte eine Szene aber das Publikum spontan zu Applaus.

 


Weitere Vorstellungen: 24 – 27. Januar 2013 jeweils um 20.00 Uhr im Theater am Käfigturm