Kultur | 26.01.2013

Gaudís Unterschrift

Text von Sina Kloter | Bilder von Seraina Stucki
Es ist Freitagmorgen, 09.30 Uhr. Im Landhaus in Solothurn verdunkelt sich der Grosse Saal und es wird still. Der dritte Tag der 48. Solothurner Filmtage beginnt hier mit "Sagrada - El misteri de la creació", einem Dokumentarfilm von Stefan Haupt.
Ein Besuch der Sagrada Familia war für Stefan Haupt der Anlass für seinen Film. "Der Dokumentarfilm ist ein Reflexionsmedium".
Bild: Seraina Stucki

La Sagrada Familia ist eine römisch-katholische Kirche in Barcelona, entworfen vom katalanischen Architekten Antoni Gaudí. Der Bau der Sagrada hat 1882 begonnen, 1926 starb Gaudí. Seither führen viele Leute den Bau der Kirche weiter. Bis heute ist die Sagrada unvollendet. Der Film von Stefan Haupt zeigt die verschiedenen Menschen, die am Bau mitwirken: Bauarbeiter, Architekten, Bildhauer und Glasmaler. Entstanden sind packende Einblicke in die unterschiedlichen Haltungen der Beteiligten gegenüber ihrer Arbeit an der Sagrada Familia. Untermalt mit der Musik Johann Sebastian Bachs beschwört der Film eine Stimmung herauf, die vergleichbar ist mit derjenigen, die einen in der Sagrada tatsächlich erfasst.

 

Tink.ch: Was hat dich dazu bewogen, einen Dokumentarfilm über La Sagrada Familia zu drehen?

Stefan Haupt: Wenn ich zurückdenke, merke ich, dass es bei jedem Projekt einen bestimmten Moment gab, in dem die Filmidee aufgetaucht ist. Bei “Sagrada – El misteri de la creaciò”, war das der Fall, als ich La Sagrada Familia besucht habe. Dazu muss ich noch sagen: Ich war zwei Wochen zuvor in Köln und habe dort den Dom besucht. Da dachte ich: es ist schon irrsinnig, was Leute mehrere hundert Jahre vor uns errichtet haben mit einem riesigen Aufwand an Kraft und Einsatz. Ich fand es spannend, dass es  heute solche Bauvorhaben nicht mehr gibt. Deshalb war ich zwei Wochen später in Barcelona total baff, als mir bewusst wurde, dass die Sagrada Familia genau ein solches Bauprojekt ist – allerdings mitten in unserer Zeit.

 

Was fasziniert dich an diesem Bauwerk?

Mir ging es nicht losgelöst nur um die Architektur, vielmehr hat mich fasziniert, wie nahe wir heutzutage noch unseren Wurzeln sind. Der Kathedralenbau und die Religion sind zentrale Kulturgüter des Abendlandes. Und in der heutigen Zeit, wo sich viele von der Kirche abgewendet haben, wollte ich wissen, nach was man dort sucht. Ob es für Leute, die als Künstler dort arbeiten, einen Unterschied macht, ob sie an einer Kirche bauen anstatt an einem Hochhaus, einem Konzertsaal oder einer Bank. Zudem fand ich es interessant, ein Projekt zu verfolgen, das schon so lange andauert und wo es ganz offensichtlich ist, dass es über uns hinauswächst. Das meine ich in dem Sinne, dass alle, die dort mitarbeiten,  etwas aufbauen, das grösser ist als sie. Sie wissen, dass sie Teil eines Ganzen sind und dass am Ende die Sagrada Familia Gaudìs Unterschrift tragen wird. Dieser Gegensatz zur heutigen “Egomanenzeit” fasziniert mich.

 

Im Film sagt einer der Bauarbeiter, dass dieser anonyme Stolz, den sie empfinden, von niemandem weggenommen werden kann.

Das ist einer meiner liebsten Sätze im Film. Nach der Filmvorführung in Barcelona ist dieser Arbeiter zu mir gekommen und hat gesagt, dies sei einer der allerschönsten Tage in seinem Leben, wenn nicht der schönste.

 

Wie hast du dich auf die Interviews für den Film vorbereitet?

Bei diesem Projekt war es so, dass viele der interviewten Leute es sich gewohnt waren, kurze, schnelle Fernsehinterviews zu geben. Deshalb versuchte ich, mit allen vor dem Dreh nach Möglichkeit eine persönliche Verbindung herzustellen. Es ist wichtig, dass die interviewte Person nicht das Gefühl hat, ein Wildfremder stehe vor ihr. Deswegen bin ich auch, wenn immer möglich, zuerst ohne Kamera zu ihnen, habe mich vorgestellt und ihnen erläutert, weshalb ich dieses Interview führen möchte. Am Tag des Interviews versuchte ich die Zeit, die der Kameramann benötigte, für ein Vorgespräch zu nutzen. In diesen Gesprächen erzählte ich auch immer etwas von mir. So erhält man während dem Interview viel mehr “Geschenke”.

 

Wenn du ein neues Projekt startest, was geschieht alles, bevor das eigentliche Drehen beginnt?

Ganz vieles läuft nicht bewusst und schon gar nicht nach einen Schema ab. Beim jetzigen Projekt habe ich einen befreundeten Kameramann gefragt, ob er Lust habe mit mir nach Barcelona zu fliegen. Natürlich auf eigene Kosten, das Projekt war noch nicht finanziert. Sehr häufig muss ich bei Dokumentarfilmen zu Beginn dieses Risiko in Kauf nehmen – und ich will das auch.

 

Wie lange habt ihr insgesamt an dem jetzigen Film gearbeitet?

Die Idee hatte ich vor über fünf Jahren. Das erste Mal haben wir im März 2008 gedreht und das letzte Mal im Oktober 2011.  In diesen dreieinhalb Jahren haben wir insgesamt etwa 35 Tage gedreht, und danach ein halbes Jahr geschnitten.

 

Was inspiriert dich?

So genau kann ich das gar nicht sagen – hingegen habe ich ein Sensorium dafür entwickelt, wenn ein Moment eintritt, der mich berührt oder tief bewegt. Oder wo ich denke: über dieses Thema müsste es einen Film geben. Diese Themen sind häufig uferlos, und das ist auch gut so, da mich ein Projekt meistens drei bis sieben Jahre beschäftigt. Dann ist es wichtig, dass mich das Thema genügend herausfordert und genug «Fleisch am Knochen» ist. Und zuletzt sind das natürlich immer Themen, die irgendwie in meinem Leben angesiedelt sind.

 

Hat deiner Meinung nach das Genre Dokumentarfilm eine gesellschaftliche Funktion oder gar Verantwortung?

Unbedingt. Aber nicht in dem Sinne, dass er pädagogisch etwas lehren oder beweisen soll. Sondern als Reflexionsmedium, als Austausch von Gedanken, Erkunden von Gefühlen oder Hintergründen, welche mehr Verständnis schaffen für Ambivalenzen und Schwierigkeiten eines Themas. Und um mehr zu erfahren über uns Menschen selbst. Um das zu realisieren, bietet der Dokumentarfilm tolle Möglichkeiten.

 

Was würdest du jungen Filmschaffenden raten?

Es reicht nicht, einfach ein Bild von sich zu haben, wie toll es wäre, ein Filmer zu sein. Es lohnt sich vielmehr, dieses Bild so stark wie möglich mit konkreten Interessen und Inhalten zu füllen. Zum Beispiel: Was sind Geschichten, die ich erzählen möchte? Geht euren Herzenswünschen nach, nicht nur der Hülle.

 

 


“Sagrada – El misteri de la creaciò” von Stefan Haupt wird am Montag, 28.1. 12:00 Uhr im Konzertsaal erneut vorgeführt.