Kultur | 22.01.2013

“Eine Ansammlung von Idioten”

Text von Anita Béguelin | Bilder von zvg
Ernsthafte rassistische Aussagen in einen satirischen Dokumentarfilm verpackt. Diese gelungene Mischung zeigt der Film "Image Probleme".
Ein Schweizer Film mal anders.
Bild: zvg

Die Satire “Image Problem” ist vielversprechend. Die beiden Filmemacher Simon Baumann und Andreas Pfiffner begeben sich auf eine Reise durch die Schweiz im Eigenauftrag, das Image der Schweiz im Ausland durch einen Film zu verbessern. Dazu befragen sie “einfache Bürger”, wie man einen solchen Werbefilm gestalten könnte. Die wunderbaren Berge und Seen sollte man zeigen, meinen daraufhin viele.

 

Schrebergarten-Politik

Also fahren Baumann und und Pfiffner ins Berner Oberland und nach Baselland, filmen die idyllische Landschaft und sprechen mit den Bewohnern. Im ersten Teil des Filmes wird besonders auf die Ausländerproblematik eingegangen. Dabei kommen ausschliesslich Dorfbewohner über fünfzig zu Wort. Ob dies typische Schweizer sind, sei dahingestellt. Die Statements sind auf jeden Fall nicht sehr überraschend: Unabsichtlich rassistische Äusserungen sind der Standard. Wie zum Beispiel ein älterer Herr, der betont, man dürfe nicht alle Ausländer in den gleichen Topf werfen, es seien nicht alle Neger schlimm. Lieber würde er es gegen zehn von denen aufnehmen als gegen zwei vom Ostblock. Aber eben, er sei nicht prinzipiell gegen Ausländer. “Nicht dass ich noch als Rassist hingestellt werde. Das bin ich schliesslich nicht.” Baumann und Pfiffner schaffen es, den Bürgern Aussagen zu entlocken, die unterhaltsam und erschütternd zugleich sind. Dabei spielen sie die naiven Unwissenden, stellen sich nicht selten dumm und nehmen so die Befragten aufs Korn.

 

Auch erschreckend ist unter anderem das Gepräch einer Tischrunde in einem Schrebergarten. Es bräuchte mal wieder einen, der aufräumt, meint einer, und die anderen pflichten ihm bei. “Der Adolf het nid fertig gmacht. So schlecht wies tönt, aber das gäbt’s bi ihm nid.” Die vielen Ausländer meint er wohl, die gäbe es bei Hitler nicht. Sagt’s, streckt den Arm in die Höhe, “Heil Hitler!” und lacht. Die Tischrunde stimmt mit ein.

 

Geld verschenken

“Image Problem” gestaltet sich wie ein Making-Of eines imaginären Werbefilms über die Schweiz. Baumann und Pfiffner bleiben mit ihren Kommentaren und naiven Fragen dabei in der Rolle der Komiker und verkaufen sich somit unter ihrem Wert. Wenn man der Website Glauben schenkt, so behandelt der Film unter anderem Themen wie das Bankgeheimnis, ausbeuterischen Handel mit Rohstoffen, den Schweizer Profit vom Apartheidsstaat Südafrika und die Asylpolitik.

 

Tatsächlich wird im weiteren Verlauf des Films ein Telefonat mit der UBS geführt, um diese zu überzeugen, Geld zu verschenken. Nicht mehr gebrauchtes Geld “von früheren Diktatoren”, um den Nachbarländern etwas zurückgegeben, das ihnen gestohlen worden sei. Und tatsächlich will die UBS da nicht mitmachen. Auch der Grosskonzern Glencore, der mit Rohstoffen handelt, verbietet das Filmen auf ihrem Gelände und ist nicht zum Gespräch bereit. Baumann und Pfiffner ziehen das Ganze jedoch ins Lächerliche und suchen nie ernsthaft das Gespräch.

 

Nur noch schwarz

Die Satire ist unterhaltsam und zeigt die Schweiz von einer Seite, wie man sie nicht jeden Tag zu sehen bekommt. Dennoch deckt der Film kaum Neues auf. Als Zuschauer weiss ich nicht recht, ob ich das Ganze lustig finden soll. Die Kommentare von Baumann und Pfiffner hingegen sind amüsant, auch die Reaktionen der Befragten bringen mich immer wieder zum Schmunzeln. Gleichzeitig bin ich entrüstet ob der Aussagen diverser Schweizer und Schweizerinnen: “Wenn ich aus dem Fenster schaue, sehe ich eigentlich nur schwarz”, meint zum Beispiel eine Bürgerin aus Bümpliz.

 

Doch was vor allem übrig bleibt, ist bei mir die Enttäuschung. Baumann und Pfiffner haben sich einem grossen Thema angenommen und es auf originelle Weise umgesetzt. Dabei wird der Fokus jedoch zu stark darauf gesetzt, Unterhaltung zu bieten und einzelne Personen lächerlich zu machen. Sie inszenieren ältere Menschen in den Bergen und lassen sie Schweizerfähnchen schwenken. Als sie den vermeintlichen Werbefilm einem Schweiz-Deutschland-Experten vorführen, spricht dieser aus, was ich schon lange denke: ” Das ist die grosse Verarschung! Da denkt man fast, da hätte jemand sich die Mühe gemacht, die Schweiz kaputt zu machen und sie darzustellen bevölkert von einer Ansammlung von Idioten!”

 

Entschuldigung

Es gibt viele interessante Situationen im Film, bei denen es sich lohnen würde, weiter auf das Thema einzugehen. Beispielsweise die Aussage eines Experten, der erklärt, dass Wohlstand die Ablehnung gegenüber Ausländern anheizt. Doch statt auf Problematiken weiter einzugehen oder nach Erklärungen und Lösungen zu suchen, setzen Baumann und Pfiffner zum Schluss lieber nochmal etliche Schweizerinnen und Schweizer über fünfzig in Szene, wie diese einen Entschuldigungsbrief vorlesen. Zugegeben, die Ernsthaftigkeit, mit der dies von einigen gemacht wird, ist rührend. Spätestens aber als die Schrebergartenrunde sich für “unser egoistisches Handeln” entschuldigt, wird klar, dass auch dies nicht ernst zu nehmen ist.